Wer hat schon gerne ein schlechtes Gewissen? Niemand. Deshalb verkaufte sich der Weichspüler auch so gut. Foto: Screenshot

Immer wieder erfreuen wir Sie mit Geschichten über Dinge des Alltäglichen, die in vergangenen Jahrzehnten einmal richtig »schick« waren. Wer sie besaß, war auf der Höhe der Zeit. Doch die Kunst, genüsslich zu leben, schloss auch Verhaltensweisen mit ein, die heute nicht mehr üblich sind. Sie sind überholt, weil wir inzwischen auf andere Dinge Wert legen. Zu den netten, lustigen und zuweilen auch skurrilen Gewohnheiten, an die man heute mit einem überraschten Ausruf: » Ach ja, so war das…« denkt, gehörte auch das Bestreben, seine Liebsten mit richtig gewaschener Wäsche zu verwöhnen.

Man glaubt es heute kaum, aber es gab Zeiten, in denen wir gänzlich ohne Werbung auskommen mussten. In den 1960er und 70er Jahren zum Beispiel war an Sonn- und Feiertagen keine »Reklame« im Fernsehen erlaubt, wie die Werbung damals noch hieß. Und auch unter der Woche herrschte strenges Reglement: Frau Klementine etwa hatte nur bis 20 Uhr Zeit, uns davon zu überzeugen, dass die Hauptwäsche ausschließlich mit Ariel »pingelig rein« gewaschen wird. Und weil die Werbeunterbrechung von Sendungen damals noch tabu war, kämpften Ariel, Dash, Lenor und all die anderen Saubermacher um die Gunst der Hausfrauen in einem kleinen Zeitfenster vor dem Abendprogramm. »Lenor spült weich und weiß zugleich« säuselte also eine nette Frauenstimme aus dem Grundig-Fernseher, während eine junge Mutti ihr Baby strahlend an sich drückte. Der Hersteller Procter & Gamble und auch die Konkurrenz bedienten sich da eines einfachen Tricks: Man appellierte an das Gewissen der Käuferinnen, doch eine gute Mutter und Hausfrau zu sein und nur das Beste, Sanfteste und Angenehmste für die Familie zu verwenden. »So flauschig weich war Babys Wäsche vorher nie! Und so strahlend weiß!«, teilte die stolze Lenor-Mami der Nation mit. Dann verriet sie uns: »Und mein Gewissen sagte: Jetzt hast Du alles für Babys zarte Haut getan. Bist eine gute Mutti.« Zum Glück gab es auch ohne Lenor noch jede Menge gute Muttis.
Elke Graßer-Reitzner; Foto:Youtube.com/screenshot