Der Lohn aller Mühen: Manfred Rathgeber erfährt Freude und Dankbarkeit von den Kindern, denen er hilft. Foto: Ilse Weiß

Der Lohn aller Mühen: Manfred Rathgeber erfährt Freude und Dankbarkeit von den Kindern, denen er hilft. Foto: Ilse Weiß

Was kann noch kommen nach 35 Jahren Bundeswehr, 35 Jahren Berufsleben, Nato-Hauptquartier Brüssel und Kaserne Roth, Erfolgen und Frust, Familienglück und Pflichten? Das fragte sich Manfred Rathgeber, als er 2001 in den Ruhestand ging. Oder vielmehr gehen musste – mit 53 Jahren. „Das war nicht ungewöhnlich bei der Bundeswehr“, sagt der ehemalige Offizier. „Ich stand aber doch mitten im Leben und hatte das Gefühl, ich verliere ein Stück Halt.“

Daheim sein, ein nettes Hobby suchen, nach und nach Lebenszeit abschneiden wie die einfachen Soldaten ein Maßband gegen Ende der Bundeswehrzeit, das konnte und wollte er sich nicht vorstellen. „Und meine Frau auch nicht“, sagt er, nur halb im Scherz. Heute kann er sich dagegen dieses flaue Gefühl von damals kaum mehr vorstellen. Für das Gespräch muss der gemütlich wirkende Mittsechziger erst einmal einen Termin finden. Gar nicht so einfach zwischen Touren durch Indien und Burma und dem Nürnberger Land, dem Vertriebsdienst für Arme und Seniorenwandern. Seit dem bangen Gefühl vor dem Leerlauf im Ruhestand ist einiges passiert im Leben von Manfred Rathgeber.

„Ich habe mich damals hingesetzt und in Zeitungen und im Internet gesucht nach etwas, das ich machen konnte.“ Etwas mit Menschen in der zweiten Lebenshälfte sollte es sein. So stieß er auf die Wandergruppen von „49 on top“. Unterwegs sein mit jungen Älteren, sich unterhalten, einkehren, auch anstrengende Touren gehen, am liebsten mit an der Route tüfteln – das war genau das Richtige für den Bundeswehr-Strategen. Mit Menschen umgehen, das lag Rathgeber schon immer. 1989, als sie in der Kaserne in Roth über 600 DDR-Flüchtlinge aufnahmen, war er in seinem Element. Den Alltag organisieren, Behördengänge klären, Schule für Kinder und Essen für alle – perfekt! „Die Soldaten schliefen zeitweise daheim. Wir haben jeden Platz gebraucht. Die Turnhalle, Zimmer, alles war voll belegt“, erinnert er sich gerne an die Hilfe, die sie damals leisteten. Später, nach dem Sturz des Ceauşescu-Regimes, suchten viele Rumäniendeutsche Zuflucht in der Kaserne auf dem Weg in eine bessere Zukunft. „Wir waren für jeden Menschen da. Wer flieht, wem es nicht gut geht im Leben, der braucht Hilfe und soll sie bekommen“ – das war und ist sein Credo.

Immer strategisch durchdacht
Bei „49 on top“ war Manfred Rathgeber bald so gut integriert, dass er gefragt wurde, ob nicht er die Leitung einer der beiden Nürnberger Wandergruppen zusammen mit Kollegin Eva Pechmann ehrenamtlich übernehmen wollte. Wollte er. Seither stellt er – strategisch durchdacht und „immer mit einer guten Einkehrmöglichkeit, das ist wichtig!“ – die Programme für „Nürnberg Lorenz“ zusammen. Das Nürnberger Land, die Amberger Gegend, die Fränkische Schweiz, aber auch manche Alpenregionen und vor allem Südtirol kennt er inzwischen wie die berühmte Westentasche. Er wandert auf Mallorca und den Kanaren, nur tagelange Hüttentouren macht er seit diesem Jahr nicht mehr. „Da können jetzt Jüngere ran“, sagt er.

Als Verantwortlicher für eine Wandergruppe kam er bald mit Hans-Georg Kraus, dem Seniorchef bei Wikinger-Reisen in Hagen, in Kontakt. Der hatte 1996 die „Georg-Kraus-Stiftung“ gegründet, die heute 50 lokale Hilfsprojekte in Afrika, Asien und Lateinamerika unterstützt. Waisenkinder bekommen ein Zuhause und eine Ausbildung, Brunnen und Krankenstationen werden gefördert, auch wird alten Menschen in armen Ländern ein würdevolles Leben ermöglicht. „Mach doch mit“, forderte Kraus Rathgeber auf, „du hast doch nichts zu tun“. Fünf Jahre ist das her. Manfred Rathgeber ist inzwischen im Vorstand der Stiftung, reist regelmäßig nach Marokko und Indien, nach Laos, Kambodscha, Burma und Thailand, um die Arbeit für benachteiligte Menschen vor Ort zu prüfen. Er organisiert Wohltätigkeits- und Infoabende in der fränkischen Heimat, sammelt dabei Geld für ein Kinderheim, eine Schule oder eine Zahnambulanz. Decken, Stühle und sogar Betten hat er schon beschafft, aktuell ein medizinisches Gerät für eine Krankenstation in Südindien, die nun auch noch von der Lufthansa kostenlos transportiert wird. „War nicht so einfach, alle zu überzeugen, aber nun klappt es“, freut sich der 66-Jährige. Am liebsten erzählt er stundenlang und begeistert von den Hilfsprojekten, zeigt hunderte Bilder, die er inzwischen gemacht hat, und schwärmt vom Engagement der Einheimischen.

Wandererfahrung ohne Ende

„Wenn ich mich nicht engagieren könnte, wäre ich krank“, ist Manfred Rathgeber überzeugt. Solange das Wandern und das Flie-gen gesundheitlich noch klappen, will er genau so weitermachen. Seit ein paar Jahren übernimmt er obendrein Dienste beim Verein Straßenkreuzer. Ein Freund hatte seinen Blick auf arme Erwachsene mitten im reichen Deutschland gelenkt. Nun ist er im Vertrieb einer von rund 20 ehrenamtlichen Helfern. Sie organisieren den Verkauf ihres Magazins an die Straßenkreuzer-Verkäufer, sind für Fragen und Probleme offen und für Scherze zu haben. Als wäre das nicht längst genug, hat der passionierte Wanderer vor einem Jahr auch noch dem Seniorenzentrum Bleiweiß aus der Klemme geholfen, als der langjährige Wanderführer aufhörte und dringend jemand mit Wandererfahrung gesucht wurde. Die hat er reichlich – und ist nun schon im zweiten Jahr dabei, ehrenamtlich, versteht sich. „Das ist ja nicht viel, nur alle drei Monate eine Tour“, winkt er ab. „Außerdem macht’s Spaß“, sagt Manfred Rathgeber, ihm und wohl auch den Senioren. Bis zu 30 Personen sind dabei, wenn es auf bis zu zehn Kilometer lange Wanderungen geht.

Bildung ist die Lösung
Wenn es sich ergibt, erzählt er dort auch von seinen anderen Aktivitäten, am liebsten von den Kindern in Indien, Burma und sonstwo auf der Welt. „Es ist mir heute so klar, dass es nur eine Lösung für viele Probleme gibt: Bildung ist die Lösung.“ Und Engagement: „Ein Bild lässt mich nicht los. Das war ein Junge in einem Behindertenheim in Südindien. Das Haus war so schlecht ausgestattet, es gab viel zu wenig Personal und kaum Förderung. Der Junge hat immerzu mit dem Kopf an die Bank geschlagen, an der er saß. Da müssen wir was machen, hab‘ ich mir gedacht. Da machen wir jetzt was.“
Tatsächlich beginnen noch dieses Jahr die Arbeiten für den Bau einer Behindertenschule. Die Georg-Kraus-Stiftung hat den Bau initiiert und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) von dessen Notwendigkeit überzeugt. Das BMZ wird 75 Prozent der Kosten des 200.000 Euro teuren Vorhabens übernehmen. Geplant ist ein Haus für etwa 150 geistig und körperlich behinderte Kinder in Thiruvannamalai im Bundesstaat Tamil Nadu. Wie bei allen Projekten der Stiftung wird ein lokaler Partner den Unterhalt des Heims verantworten. In diesem Fall ist es die Diözese Vellore, die auch den Bauplatz stellt. Schon ab kommendem Jahr sollen dann indische Fachkräfte die Buben und Mädchen entsprechend ihrer Fähigkeiten fördern und betreuen können. In zwei Jahren wird Manfred Rathgeber wieder nach Thiruvannamalai fahren und das Projekt prüfen. Das Bild des Jungen, der mit dem Kopf an die Bank schlägt, will er dann durch ein fröhlicheres ersetzen.

Ilse Weiß

Informationen zur Stiftung:
www.georg-kraus-stiftung.de