vignette2012Hello All, wer seiner Nase was gönnen will, dem empfehle ich eine Reise in den Orient. Zum Beispiel nach Oman oder in eines der Emirate. Die Gewürzmärkte, Restaurants, Empfangshallen, Autoinnenräume, Hotels, Aufzüge und Flughäfen sind erfüllt von Düften; mal kaum merklich oder schwer, mal süßlich oder herb. Parfums und Duftwasser setzten die Menschen des Orients geradezu artistisch ein. Nicht nur, um manche unwillkommene Absonderungen zu überflügeln. Im Orient pflegt man seit alters her die Kunst der Duftgestaltung, dem Wohlgefühl zuliebe; um sich „dufte“ vorzukommen; eine wunderbare und kluge Tradition aus Tausend und einer Nacht!
Evolutionsgeschichtlich ist der Geruchssinn der älteste unserer fünf Sinne. Noch bevor die Kreaturen Fühlen, Schmecken, Hören oder Sehen gelernt hatten, konnten sie riechen. Seit hunderten Millionen Jahren informiert der Geruchssinn die Fauna über überlebenswichtige Chemie in der Umgebung. Um Gutes vom Gefährlichen zu unterscheiden, Essbares zu identifizieren, den eigenen Stallgeruch und den Weg nach Hause zu finden. Embryos und Babys erschnuppern sich zunächst die Welt. Um Frühgeborene im Brutkasten zu beruhigen, legen erfahrene Kinderärzte den Allerkleinsten ein getragenes Halstuch der Mutter mit in den Kasten; ihr Körperduft spendet  etwas Geborgenheit inmitten der Technik. Bis zum Alter von 5-7 Jahren ist das olfaktorische Weltbild der Menschen weitgehend abgeschlossen und begleitet sie bis zum Lebensende. Menschen können angeblich zig-Tausende Geruchsnuancen unterscheiden. Damit dient die olfaktorische Orientierung den Menschen als zuverlässiges, unbewusstes Navigationssystem im Hintergrund. Die Bedeutung des Geruchs im sozialen Umgang spiegelt sich in zahlreichen Wortfiguren wider: „ich kann den nicht riechen“, „das stinkt mir“, „den Braten riechen“.
Meine am weitesten zurück reichenden Erinnerungen sind ebenfalls Gerüche; überwiegend angenehme: Aus der Kindheit der Duft von Mandarinen und Orangenschalen; unzertrennlich mit Advent und Winter verbunden; genauso wie der Duft gerösteter Maronen, angekokelter Tannennadeln und Rauch von Holzöfen. Der Geruch frischen Weißbrotes, von Celtaszigaretten und Lauge zum Bodenschrubben trägt mich zurück in die Jugendjahre in Spanien vor fünfzig+ Jahren; der Geruch von Durian und Räucherstäbchen an meine erste Begegnung mit China als Student vor über vierzig Jahren. Mit diesen Aromen steigen in mir längst vergessene Bilder auf, wie Luftblasen aus großer Meerestiefe. Ermöglicht durch unsere Gehirnarchitektur; dort sind jene Areale, die die Geruchsverarbeitung leisten, besonders eng mit jenen für Emotionen und Erinnerungen zuständigen Hirnregionen verknüpft. Die Natur hat uns in Spendierlaune mit über 1000 Geruchsrezeptoren ausgestattet; jedoch nur mit sparsamen vier für optische Eindrücke. – Vielleicht sollte man die besonders leisen E-Bikes und Elektroautos mit einem Warn- Duftvernebler ausstatten, um sie rechtzeitig kommen zu riechen? –
Seltsam: In der modernen Welt orientieren wir uns überwiegend an sicht- und hörbaren Signalen, wie Schrift, Bilder, Stimmen und Töne. Obwohl Menschen nicht zu den besonders gut sehenden oder hörenden Geschöpfen gehören. Im Alter sind jene Sinne obendrein auf funktionalem Rückzug, siehe Brille und Hörhilfen für Lautstärke und Tonfrequenz. Auch der Geruchssinn leidet im Alter, aber er bleibt bei Gefahr ein besonders zuverlässiger Mahner, wie bei Verbranntem, Ekeligem und unsympathischen Zeitgenossen. Ein wunderbarer Helfer für Vergessliche. Sollte ich mein Schlüsselbundes beduften, damit ich die Schlüssel nie mehr vergesse und sie leichter wieder finde? Ich verdufte mich mal für heute,
Ihr Global Oldie