vignette2012xHello all, mit einem geschlossenem Regenschirm lassen sich „der tut fei nix- Hunde“ ähnlich erfolgreich auf Distanz halten wie von Smartphones abgelenkte Irrlichter, kecke Radfahrer, Skater und Rollerblader. Womit nur wenig Alltagsgegenstände so vorzüglich zum Altern passen wie Schirme. Ich meine diese langen, weitausladenden, robusten Regenschirme mit Henkel. Bei herbstlichen Wanderungen angelte mein Großvater mit seinem Riesenschirm Früchte von trächtigen Zweigen, die weit außerhalb meiner Reichweite lagen. Im geschlossenen Zustand werden Schirme zum unauffälligen Gehstock und entlasten Knie oder Hüftgelenk, ganz diskret. Könner schwingen beim Spazieren den geschlossenen Schirm rhythmisch in Herrenmanier; sie strotzen gerade nur so vor Elan und Eleganz. Ohne dabei so albern auszusehen, wie manche, die beidseitig mit „Walking“- Stöcken spastisch herum fuchteln. Vor allem asiatische Reisegruppen orientieren sich an Bahnhöfen und vor Sehenswürdigkeiten am in die Höhe gereckten Schirm des Reiseleiters. Schirme sind auch in Hochhäusern sehr praktisch: rechtzeitig nach vorne geschnellt, lassen sich diese gefahrlos zwischen die Aufzugstüren klemmen. Die Türen gleiten erschreckt wieder auf, und der Nachzügler steigt zu den ungeduldig Wartenden, die sich “typisch Alte Leute” denken mögen. In vollen Bussen und U-Bahnen braucht sich der beschirmte Senior nur etwas gebeugter auf seine mutmaßliche Gehhilfe zu stützten, um den Behindi- Sitzplatz wortlos für sich zu reklamieren. Chinesische Großeltern schieben den Schirmhaken durch die Hosenträger der Kleinen und halten die Schirmspitze in den Händen fest, so eine Art „kid on the stick“ /Kind bei der Stange halten, mit kontrolliertem Auslauf. Unsere unvergessene alte Gupo bewachte im engen Tumult des ehemaligen Kai Tak -Flughafens unsere Koffer, indem sie ihren Schirm durch alle Gepäckgriffe fädelte und die Schirmspitze eisern mit beiden Händen umklammerte, bis die ergiebigen Begrüßungen oder Verabschiedungen absolviert waren.
Auch Jüngere haben was von Schirmen, z.B. beim Anbandeln: Bei Regen finden sich stets dankbare Unbekannte, denen man galant die Beschirmung für eine Wegstrecke anbieten kann. In Südostasien schirmen sich Damen aller Altersgruppen von der Sonne ab, um schön bleich zu bleiben. Fernöstliche Liebespaare spannen gerne weitausladende Schirme an romantischen Plätzen auf, um den Umstehenden vielleicht peinliche Szenen von Zärtlichkeit zu ersparen – Abschirmung im engeren Sinne.
Schirme schützen also nicht nur vor Regen. Sie stützen, bewahren und schaffen Distanz; sie geben uns damit auf Schirmeslänge Kontrolle und ein Stück Herrschaft im Sinne von Souveränität zurück; was ja einem im Alter durchaus gut steht. Es lebe die Schirmherrschaft!
Ihr Global Oldie