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Japanische Oldie und die wahren Helden

Hello all,
Japan ist ein wunderbares Land. Und stets für Überraschungen gut. Modernste Infrastruktur, blitzblanke Straßen und vor allem: rücksichtsvolle, disziplinierte Mitmenschen. Laut Kriminalitätsstatistik gehört Japan mit Island und Schweiz zu den sichersten Ländern der Welt. Seit 2002 gehen die gemeldeten Straftaten Jahr für Jahr um weitere ca. 5% zurück. Gleichzeitig weist keine Industrienation der Welt eine so alte und weiterhin so schnell alternde Bevölkerung auf, mit 21,5 % Anteil an Einwohnern über 65 Jahre.
„Aha,“ denkt man da spontan: „Je älter, desto gesetzestreuer“. Stimmt oft – aber nicht im heutigen Japan.
Während die allgemeine Kriminalität in Japan im letzten Jahrzehnt nochmals deutlich sank, hat sich der Anteil der über 65 – jährigen Gesetzesbrecher seit 2002 fast verdreifacht: von 13.739 auf 48.605 in 2009. Mit 31% aller Straftäter 2010 sind die Alten deutlich überrepräsentiert. 80% der 2010 gemeldeten Straftaten in Japan sind Eigentumsdelikte, allen voran Ladendiebstahl. Hier konkurrieren inzwischen Alte mit Drogenabhängigen als Mehrfachtäter um den bedauerlichen Spitzenplatz. Auf der Insel Hokaido mußte man 2010 mehr über 65 jährige Gesetzesbrecher dingfest machen als Teenager, die üblicherweise als besondere Problemgruppe gelten.
Altersarmut im Gefolge der lang anhaltenden Rezession in Japan gilt als eine der Ursachen. Doch Japan hat schon größere Krisen ohne solche Begleiterscheinungen durchgestanden. Als noch wichtigeren Auslöser vermuten Sozialwissenschafter daher den schwindenden traditionellen hohen Respekt gegenüber dem Alter seitens der Jüngeren. Respekt vor dem Alter ist zentraler Bestandteil japanischer und konfuzianischer Kultur und bietet seit Generationen den Senioren einen lohnenden Ausgleich für deren Lebensleistung und Mühsal im Alter . Die Auflösung der engen Familienbande führe unter der Großstadtbevölkerung zum Risiko der Vereinsamung und Orientierungslosigkeit unter Alten, unter denen manche zutiefst enttäuscht, verzweifelt und wütend ihrerseits den traditionellen Spielregeln „kündigen“.
Manche der alten Wiederholungstäter streben offen zugegeben eine erneute Inhaftierung an, um der Vereinsamung zu entgehen, zu den Bekannten im Knast zurückzukehren und wieder eine zuverlässige Mindestversorgung zu erhalten. Die Strafvollzugsbehörden investieren inzwischen Millionen, um seniorengerechte Ein -richtungen zu schaffen.
Zeitgleich meldete BBC vom 31.5.2011: Der 72 jährige Ingenieur Yasuteru Yamada sammelte bisher über 200 freiwillige qualifizierte Altersgenossen um sich, um die Aufräumarbeiten in den nuklear verseuchten Kernkraftwerken in Fukushima zu übernehmen. Er und seine betagten Mitstreiter wollen wesentlich jüngere Dienstverpflichtete bei dieser gefährlichen Arbeit ablösen und das Verstrahlungsrisiko auf sich nehmen. „Wir über Siebzig haben noch 12 bis 15 Jahre Lebenserwartung; Das erhöhte Krebsrisiko droht in 20 Jahren zu greifen. Da macht es doch Sinn, wenn wir Alten die Jungen bei der Entseuchung ersetzen“.
Der konfuzianische Generationenvertrag lebt weiter.
Ich bleibe bei meiner Aussage: Japan ist ein wunderbares Land. Und stets für Überraschungen gut.
Ihr Global Oldie

Eine Antwort

  1. ich habe Ihren Artikel wieder mit viel Interesse gelesen, er zeigt doch auch wie nützlich wir „Alten“ noch sein können. Es gefällt mir von Ländern zu lesen, die ich selbst nie kennenlernen werde.
    Gruß Maja

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