Helmut Schüler verbringt viel Zeit im Jazzkeller, da er sich mit viel eEan seinem Ehrenamt verschrieben hat. Er arbeitet im Leitungsgremium des Clubs mit. Foto: Michael Matejka

Helmut Schüler ist ein agiler Mensch. Wandern, Reisen, Radfahren, die Musik – viele Leidenschaften prägen sein Leben. Da fällt es schwer, dem 71-Jährigen mit den verschmitzten Augen zu glauben, wenn er sagt: »Ich faulenze auch manchmal ganze Nachmittage.« Bei seinem sportlichen Aussehen, der oftmals existenzialistisch angehauchten Kleidung und dem ihn ständig begleitenden Rucksack denkt man unmöglich an einen Menschen, der gerne auf der Couch liegt.
»Ganz tief drunten und ganz weit weg« – hinter dieser Kurzformel verbirgt sich das Erfolgsrezept, mit dem es dem drahtigen Siebziger gelungen ist, den nicht immer einfachen Übergang vom aktiven Berufsleben in ein ebenso aktives Rentner-Dasein bravourös zu meistern.
»Ganz tief drunten«: das sind die Kellerräume des Jazz Studios am Nürnberger Paniersplatz, nahe der Kaiserburg. Dort hat Helmut Schüler sein zweites Zuhause. Er genießt auf seinem Stammplatz die Konzerte und kümmert sich in der ihm eigenen zähen, sympathischen Art seit zehn Jahren – zunächst als Vorstand für Finanzen und seit 2008 als erster Vorsitzender – um die Belange eines weit über Nürnbergs Grenzen hinaus bekannten Vereins, der seit 1954 zu den ersten Live-Jazz Adressen schlechthin zählt.
»Ich wollte nach langen Jahren reinen Konsumierens dem Verein einfach was zurückgeben.« So begründet Schüler die Tatsache, dass er vor zehn Jahren bereit war, dem Team aus fünf ehrenamtlichen Vorsitzenden, die sich um die Geschicke des Clubs kümmern, beizutreten und unter anderem die Funktion des »Kontakt-Pflegers« nach innen und außen zu übernehmen.
Es erwies sich als günstig, dass er in dieser Zeit – und bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2003 – für Marketing- und Tarifplanung beim Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) zuständig war. Das Jazz-Club-Team kann heute mit Stolz feststellen, dass es ein florierendes Unternehmen führt, das einen festen Platz in der Kulturlandschaft der Stadt hat.
Und von welcher Art von Jazz lässt sich nun Helmut Schüler hinreißen? »Ich bin vor allem offen für Neues. Das ist ja gerade das Spannende am Jazz, dass es da immer wieder Weiterentwicklungen gibt. Da darf es gern experimentell zugehen.«
»Ganz weit weg«: Schüler hatte schon immer scheinbar weit auseinanderliegende Interessen. »Ich liebe das Bodenständige in meiner Stadt und hab auch gleichzeitig den Drang in die große weite Welt verspürt, den Drang nach dem Gefühl, das man hat, wenn man die Nacht in einer Hängematte am Amazonas unterm Sternenhimmel verbringt oder Ureinwohnern in Papua Neuguinea begegnet.« So beschloss er in der Mitte seines Lebens, seine Wünsche Realität werden zu lassen. Zusammen mit Ehefrau Jutta oder auch ganz allein – aber immer auf eigene Faust, mit Rucksack und Kompass bewaffnet, eroberte er die Kontinente, bereiste Lateinamerika, fuhr als »Gringo« mit dem Bus durch Guatemala, schlief in mexikanischen Lehmhütten und erlag der Faszination Asiens.
Und als dieser Entdeckerdrang gestillt war, die »große weite Welt« im Zuge der Globalisierung immer näher rückte, weil man selbst im hintersten Winkel Patagoniens auf perfekt organisierte Reisegruppen traf – da erreichte Helmut Schüler die nächste Stufe seines Globetrotter-Daseins: Er entdeckte das Fernwandern in Europa.
Wieder mit Zelt und Rucksack bewaffnet, geht es ihm im Moment darum, Frankreich auf Schusters Rappen zu erobern. 18.000 Kilometer Wanderwege betreut die französische Fernwander-Kooperation, ein Netz, das sich quer durch die Grande Nation zieht und das Helmut sich in zweiwöchigen Etappen nach und nach erwandern möchte. Die 1700-Kilometer-Strecke von Metz über den Genfer See nach Nizza hat er schon geschafft. Jetzt zieht es ihn jedes Jahr in die Bretagne, am Meer entlang, auf alten Zöllner-Pfaden, im Schnitt 30 Kilometer pro Tag.
Abenteuer-Tour zu Fuß
Ob das nicht auch etwas gefährlich ist, so einfach irgendwo sein Zelt aufzuschlagen, ohne Französisch-Kenntnisse, den Launen der Natur ausgesetzt? Helmut Schüler lacht: »Ich habe bisher mit Land und Leuten nur positive Erfahrungen gemacht. Besonders die französische Küche hat es mir angetan, und wenn man einen Einheimischen mit Händen und Füßen um einen Weg- oder Restaurant-Tipp bittet, dann wird man wärmstens aufgenommen und betreut.«
Damit er nicht aus der Übung kommt, ist natürlich auch in heimischen Gefilden Wandern und Radfahren angesagt. Doch das funktioniert bei Helmut Schüler – man ahnt es schon – auch nicht wie gehabt: Er will selbst Touren erkunden und ausarbeiten. Als er von seinem ehemaligen Arbeitgeber gebeten wurde, die VGN-Rad- und Wanderführer auf ihre praktische Umsetzung hin zu überprüfen, hat er sofort zugesagt und bald festgestellt, dass da wieder ein spannendes Aufgabengebiet auf ihn wartet. Neue Routen sollten erschlossen werden. Denn es sind längst noch nicht alle Städte und Landkreise des Verbundgebiets in den In-fo-Broschüren dokumentiert.
Ziel der Wanderführer ist es, Radlern und Wanderern Prospekte an die Hand zu geben, in denen sie Routenvorschläge finden, aber auch auf die Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Region und auf Gasthäuser hingewiesen werden. Immer soll ein Bahnhof oder Bus-Halt am Start- und Zielpunkt zu finden sein.
70 Kilometer am Stück
Nur der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Schüler zwischen diesen Touren zwei Mal die Woche joggt. Im Winter geht’s mehrmals zur Skitour, zum Pisteln oder Skilanglaufen. Höhepunkt im fränkischen Sommer: 70 Kilometer am Stück wandern. Das geht nur am längsten Tag des Jahres – und nur mit Jochen. Der ist 25 Jahre jünger und Triathlon-gestählt. Heuer starten sie zur zwölften Tour.
Außerdem: Schüler besucht noch vier verschiedene Seniorengruppen aus dem Kreise ehemaliger Kollegen, betreut vier bis acht Bienenstöcke, aus denen schon mal 50 bis 300 Gläser feinster Honig geschleudert werden und – genau: er faulenzt auch manchmal ganze Nachmittage lang.
Karin Jungkunz
Foto: Michael Matejka