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»Ich wünsche mir eine Hand, die mich festhält«

Selbstbestimmt aus dem Leben gehen zu können, ist ein Gedanke, mit dem sich viele ältere Menschen befassen. Katharina Hansen (Name geändert) hat eine Entscheidung getroffen. Sie möchte einmal die Möglichkeit zum begleiteten Suizid haben und hat den dazu notwendigen Prozess bereits in Gang gesetzt. Die 88-Jährige, die früher als Buchhändlerin gearbeitet hat und in der Nürnberger Südstadt lebt, hat dem Magazin sechs+sechzig erzählt, welche Gedanken und Gefühle sie dabei bewegen.

Es gibt mir Zuversicht zu wissen, dass ich mein Leben zu einem von mir selbst bestimmten Zeitpunkt schnell und schmerzlos beenden kann. Meine Sorge war es immer, hilflos auf die Pflege von anderen angewiesen zu sein. Vielleicht wären es freundliche, zugewandte Menschen, vielleicht aber auch eilige, genervte, herablassende Pflegerinnen und Pfleger, die von einem kranken Alten zum anderen hetzen müssen. Meine Verwandten wären womöglich überstrapaziert und zunehmend mitgenommen von der Vorstellung, dass diese Situation noch lange andauern könnte. Ich möchte es einmal drastisch sagen: Dement, mit vollen Windeln durch die Gänge zu taumeln, das Dahindämmern ohne Wahrnehmung des Hier und Jetzt ist für mich selbst eine demütigende Vorstellung, die mich mit Entsetzen erfüllt – obwohl ich dies bei meinen Nächsten akzeptieren konnte.

Ihr steht keine pflegerische Leistung zu

Ich bin schon sehr alt und lebe allein. Einen Pflegegrad habe ich nicht, obwohl ich an mehreren Krankheiten leide und oft große Schmerzen habe. Oft komme ich nur aus dem Bett, weil meine Katze Futter braucht. Da ich mich aber trotz allem noch selbst waschen kann und meinen Miniatur-Haushalt irgendwie bewältige, steht mir keine pflegerische Leistung zu. Zum Glück habe ich kaum Appetit, sodass ich auf die Zubereitung warmer Mahlzeiten oft verzichte. Ein Brot tut es auch.

Mein Mann ist vor einigen Jahren gestorben. Mir fehlt unser Gedankenaustausch noch immer, mir fehlen die gemeinsamen Mahlzeiten und Spaziergänge … Vieles war in den letzten Jahren auch zu zweit nicht mehr möglich, aber wir waren zusammen. Viele unserer und meiner Freunde sind mittlerweile gestorben. Treffen gibt es kaum noch, Kontakte beschränken sich aufs Telefon. Zukunftspläne beziehen sich in der Regel auf einen kurzen Zeitraum. Es gibt keinerlei Perspektiven mehr; das macht mich traurig. Ich sitze hier allein mit meinen Gedanken und bin einsam. Ich weiß, dass es einige Anlaufstellen gibt, Ehrenamtliche, die einen begleiten. Aber ehrenamtlich besucht werden möchte ich nicht.

»Ich spüre eine Lebenssattheit«

An Reisen ist schon lange nicht mehr zu denken. »Sei doch froh, dass du so viel gesehen hast in deinem Leben«, höre ich oft. Ich halte das für einen schwachen Trost. Zu vieles würde ich gern noch sehen und erleben. Es wird nicht mehr passieren. Sicher ist dennoch, dass ich nicht verbittert oder enttäuscht aus diesem Leben gehen werde. Und das hat für mich durchaus auch noch Qualität. Ich lese viel, höre gern Musik, informiere mich über die Nachrichten. Es ist schön, ein Tier um mich zu haben und auf meinem Balkon in der Sonne zu sitzen. Wenn ich zurückblicke, kann ich sagen: Es war ein gutes Leben, ich habe mich tapfer durchgekämpft, aber ich spüre eine »Lebenssattheit«.

Mit dem Tod, mit meinem Tod beschäftige ich mich schon seit vielen Jahren. Aber erst in der letzten Zeit habe ich Kontakt zu einer Einrichtung aufgenommen, die den begleiteten Suizid anbietet. Ich habe inzwischen alle Unterlagen ausgefüllt und einen Termin bei meiner Hausärztin gehabt, die bestätigt, dass ich entschlussfähig bin. Wenn alle Papiere beisammen sind, muss ich mich aber nicht gleich entscheiden, wann der Zeitpunkt zum Sterben sein soll. Gegenwärtig häufen sich meine Beschwerden, die Schmerzen in der Nacht nehmen immer mehr zu, ich habe dauernd etwas anderes. Das ist sehr deprimierend. Aber es ist tröstlich, dass ich nicht alles werde durchleiden müssen. »Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen« (Rilke), und ich kann mir, wie vermutlich kein menschliches Wesen, nicht vorstellen, tot zu sein. Aber es schreckt mich eigentlich nicht, denn ich glaube an das natürliche Leben und Vergehen, das uns ja täglich umgibt.

Eine Option zu haben, ist der entscheidende Punkt

Froh und dankbar bin ich, dass ich nicht in einem Krieg gewaltsam umkomme. Die Schrecken einer solchen Zeit habe ich in meiner Kindheit erlebt. Mein Entschluss ist wohlüberlegt, nichts Spontanes. Ich habe meine Wohnung aufgeräumt und bin dabei auszusortieren. Ich habe mich vergewissert, dass meine Katze in gute Hände kommt. Vielleicht packen mich trotzdem im letzten Moment die Zweifel und ich bekomme Angst vor der eigenen Courage. Vielleicht lasse ich dann den Dingen, besser meiner Krankheit, doch ihren Lauf. Gegenwärtig aber gibt mir dieser Gedanke an Selbstbestimmung Mut und hilft mir zu leben. Eine Option zu haben, ist der entscheidende Punkt. Für mein Sterben wünsche ich mir eine Hand, die mich festhält. Und womöglich ein Tier an meiner Seite. Aber ich fürchte, das muss ich alleine hinkriegen.

Protokoll: Georg Klietz
Illustration: Marah Noack

Nachtrag: Katharina Hansen hat nach dem Gespräch alle Verträge mit dem Anbieter ihres begleiteten Suizids unterschrieben. »Ich bin sehr erleichtert«, sagt sie, nachdem nun alles geregelt ist. »Ich fühle mich gut mit meiner Entscheidung.«

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