
Das Bild der Großeltern hat sich stark verändert: Großmütter trugen früher weißes oder silbriges Haar, zu einem Knoten aufgesteckt, die meisten Opas hatten keine Haare mehr, gingen an einem Stock und trugen eine alte Brille. Meist arbeiteten sie hart, gönnten sich wenig, bewegten sich sonst kaum und saßen mit starren Mienen auf einer Bank vor dem Austragshäuschen. Heutige Großeltern dagegen präsentieren sich dynamisch, gehen ins Fitness-Center, fahren mit dem E-Bike, albern mit den Enkeln herum und sprechen sogar über Gefühle.
Psychologen und Soziologen stellen fest: Noch nie waren Oma und Opa so fit wie heute. Noch nie hatten sie so viel gemeinsame Lebenszeit wie jetzt. Sie sind Fels in der Brandung, Feuerwehr, Berater, Geschichtenerzähler und Bewahrer von Traditionen, aber auch besondere Persönlichkeiten mit Reibungsfläche und eigenem Kopf.
Zwei Beispiele: Während sich Frank und Eva in Cadolzburg ein Haus bauen, wird der zweijährige Sohn Tobias von den Großeltern Inge und Helmut betreut. Sie gehen mit ihm auf den Spielplatz, in den Tiergarten, nehmen ihn mit in den Urlaub. Problemlos läuft es auch bei Heike und Timo aus Großhabersdorf: Ihre Tochter Monika bringen sie einmal in der Woche bei Heikes Eltern, in der nächsten Woche bei Timos Eltern vorbei. Monika wird dabei nach Strich und Faden verwöhnt, bei der einen Oma gibt es Dampfnudeln, bei der anderen den unverwechselbaren Streuselkuchen.
Opa hat einfach mehr Zeit
Für die meisten Großeltern ist es selbstverständlich, sich um die Enkel zu kümmern, wenn Not am Mann oder an der Frau ist. Im Grunde genommen wollen alle Beteiligten nur eines: dass es den Kindern gut geht. »Ich glaube, dass mein Großvater mich mehr geprägt hat als meine Eltern«, erzählt der Autor und Pädagoge Anton Bucher, der an der Uni Salzburg Praktische Theologie lehrt. Er sei auf einem kleinen Bergbauernhof aufgewachsen. Und ob auf dem Feld, beim Kühe melken, beim Heu machen – dort habe er mehr Zeit mit dem Opa verbringen dürfen als das mit dem Vater möglich gewesen sei.
Ähnliches berichtet auch der aus der Türkei stammende Integrationsexperte und Psychologe Kazim Erdoğan, der heute in Berlin lebt: »In dem kleinen Dorf, in dem ich eingeschult wurde, haben Oma und Opa mich und meine Geschwister erzogen, weil meine Eltern berufstätig waren. Meine Mama hat auf dem Feld gearbeitet, mein Vater war Eisenbahnmitarbeiter, sodass meine Großeltern über alles entschieden haben.«
Doch wie hat sich das Thema historisch entwickelt? Wann ist das Wort »Großeltern« im deutschen Sprachraum aufgetaucht? »So viel ich in Erfahrung bringen konnte, ist es erstmals 1576 verwendet worden«, stellt Autor Bucher fest. Vor dem 16. Jahrhundert wurden ältere Menschen einfach als »alte Leute« bezeichnet. Die Aufwertung der Rolle (besonders der Großmutter) begann im 18. Jahrhundert, geprägt durch das Bürgertum und die Vorstellung der Drei-Generationen-Familie.
Idealbild des bürgerlichen Großvaters
Den Höhepunkt dieses Großelternkults bilden nach Ansicht von Pädagogen die weltberühmten »Heidi«-Bücher (1880 und 1881) der Schweizerin Johanna Spyri. In der Figur des Alm-Öhi gibt sie die zu jener Zeit übliche Klischeevorstellung vom bäuerlichen Großvater wieder. Unter dem erfrischenden Einfluss des Enkelkindes wird er vom alten Sonderling zum liebevollen Opa und entspricht am Ende dem Idealbild des bürgerlichen Großvaters. Aus der Sicht der Großmutter im Kinderbuch »Oma« von Peter Härtling (1975) wird die Leserschaft dazu aufgefordert, sich nicht nur mit dem Enkel Kalle zu beschäftigen, sondern sich auch in die Rolle der Oma hineinzudenken. Und schließlich ist der vor allem an Weihnachten ausgestrahlte Film »Der kleine Lord« ein Paradebeispiel dafür, wie nicht nur die Großeltern das Leben der Enkelkinder mitprägen, sondern definitiv auch umgekehrt.
Was aber, wenn es zu Spannungen kommt? Nach Schätzung von Experten verlieren allein in Deutschland jährlich 150.000 Kinder den Kontakt zu Oma und Opa. Das ist meist nicht ihre eigene Entscheidung, sondern die der Erwachsenen. Gründe für Konflikte zwischen Großeltern und ihren erwachsenen Kindern, so Familientherapeutin Ruth Dilger von der Erziehungsberatung der Stadtmission Nürnberg, liegen in unterschiedlichen Erfahrungen, Werten und Lebensumständen. Die Elterngeneration steht durch die Notwendigkeit, den Anforderungen des modernen Lebens gerecht zu werden, unter großem Druck.
Großeltern könnten manches Erziehungsverhalten der Eltern nicht nachvollziehen. Gegenseitige Erwartungen seien nicht immer zu erfüllen. Auch Ungeklärtes und Unausgesprochenes aus der Familiengeschichte könne die Beziehungen der Erwachsenen untereinander belasten. War es früher meist ein Tabu, persönliche Probleme nach außen zu tragen, so gebe es heute eher die Bereitschaft, Gefühle und Konflikte zu thematisieren und sich Unterstützung zu suchen. Die Beratungsstelle der Stadtmission bietet daher alle zwei Monate in ihrem Seminarraum, Rieterstraße 25, einen offenen Gesprächskreis für Omas und Opas an (die nächsten Termine sind der 17. September und der 19. November von 10 bis 12 Uhr). Es geht darum, in einem wertschätzenden Umgang Verständnis füreinander zu entwickeln und konkrete Kompromisse im Alltag zu finden.
Leihomas sind gefragt
Kann man die Beziehung mit den eigenen Enkeln nicht leben, gibt es die Möglichkeit der »sozialen Großelternschaft«: Das reicht vom Vorlesepaten bis zur Leihoma oder zum Leihopa, die alleinerziehenden Müttern oder Vätern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Dazu kommt das Projekt »Wunschgroßeltern«. Der Nürnberger Verein »Großeltern stiften Zukunft« bringt Seniorinnen und Senioren, die sich Enkel wünschen, mit Familien, die Kinder haben, zusammen. Nach Auskunft von Sprecherin Yasmin Chaudhri habe der Verein bisher in rund 100 Fällen vermittelt. Aktuell seien es rund 70 Familien, die noch auf der Suche nach »Wunschgroßeltern« sind.
Offenbar sind seelische Wurzeln lebenswichtig. Laut der Studie »Generationenübergreifende Zeitverwendung: Großeltern, Eltern, Enkel« wendet sich fast die Hälfte der Enkelkinder bei Problemen an die Großeltern, wobei Omas etwas häufiger als Kummerkasten in Anspruch genommen werden als Opas. Das zeigt, dass Großeltern für ihre Enkel auch eine wichtige emotionale Stütze sind.
Text: Horst Otto Mayer
Foto: pexels.com
Literaturempfehlung: Ursi Breidenbach, Heike Abidi: »Großeltern sind wie Eltern. Nur mit Zuckerguss«, Penguin Verlag 2023, 13 Euro
Information
- Stadtmission Nürnberg, Erziehungs- und Lebensberatung, Rieterstraße 25, Tel. 0911/352400
- Verein »Großeltern stiften Zukunft«, Nürnberg, Burgstraße 1–3, Tel. 0911/2142133, yasmin.chaudhri@elkb.de
Wenn Oma und Opa als Eltern einspringen
Was haben Loriot, Leonardo da Vinci, Romy Schneider, Alice Schwarzer und Hape Kerkeling gemeinsam? Sie alle wuchsen zeitweise oder langfristig bei ihren Großeltern auf, weil die Eltern nicht für sie da sein konnten oder wollten.
Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, kam im Kleinkinderalter gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder zu Großmutter und Urgroßmutter nach Berlin, weil die Eltern sich scheiden ließen. Als Vicco neun war, zog er mit seinem Bruder zum Vater, der wieder geheiratet hatte. Die leibliche Mutter war inzwischen verstorben. In einem Interview sagte Loriot einmal, er wäre kein fröhliches Kind gewesen, eher still und schüchtern. Die Großmutter aber habe mit Engelsgeduld alle seine Fragen beantwortet und ihm eine »nützliche, altmodische« Allgemeinbildung vermittelt. Und am Klavier habe sie ihm die Opern von Mozart bis Puccini vermittelt.
Über die Kindheit von Leonardo da Vinci ist nicht viel bekannt. Er war der uneheliche Sohn eines florentinischen Notars, seine Großeltern aber waren es, die sich auf dem Familienanwesen in der Toskana hauptsächlich um ihn kümmerten. Der Vater ging in der Zwischenzeit seinem Beruf nach und arbeitete beispielsweise für die Familie Medici. Großvater Antonio notierte wichtige Familienereignisse in ein Tagebuch, daher sind sie bis heute überliefert. Leonardo verbrachte mindestens zwölf Jahre in seinem Haushalt.
Romy Schneider wuchs bei den Großeltern auf
Rosemarie Magdalena Albach (Romy Schneider) wurde von ihren Eltern bereits wenige Wochen nach der Geburt zu den Großeltern gebracht. Sie wuchs auf dem Familiengut Mariengrund in Schönau am Königssee (bei Berchtesgaden) auf. Vater und Mutter waren durch ihre Schauspielkarriere viel unterwegs, trennten sich bald und ließen sich scheiden, als Romy sieben Jahre alt war.
Alice Schwarzer erzählt in ihrer Autobiografie »Lebenslauf«, dass sie in ihrer Familie der vierten Generation angehört, die nicht von den biologischen Eltern großgezogen wurde. Ihrer Mutter und Großmutter fehlte es an Fürsorglichkeit. Liebevoll kümmerte sich allerdings der Großvater um sie, dessen Ein und Alles Alice war. Ihretwegen trennte er sich auch nie von seiner schwierigen Ehefrau.
Die innige Beziehung von Hape Kerkeling zu seinen Großeltern ist berührend im autobiografischen Roman »Der Junge muss an die frische Luft« erzählt. 2018 wurde das Buch verfilmt.
Text: Horst Otto Mayer




