Wer sich in unserer U-Bahn die Menschen anschaut, wundert sich. Zwei Prozent lächeln, 78 Prozent schauen konzentriert in ihr Smartphone. Und die restlichen 20 Prozent? Schauen grantig in die Gegend. Wie seltsam. Wo doch alles so schön bunt ist. Ach? Wirklich? Stellen wir uns einen großen Parkplatz vor. Damals, in den 1970er Jahren, wirkte es, als wäre eine hochkreative Grundschulklasse mit ihren Malkästen über den Platz gelaufen. Die Fahrzeuge hatten alle möglichen Farben. So wie meine ersten Autos. Diese waren knallgelb, entenschnabel-orange, signalrot, blau und pastellgrün. Nur ein weißer Pkw war dabei. Ein abgelegter Dienstwagen, der sich nur schlecht verkaufen ließ. Ein weißes Auto – das wollte niemand.
Und heute? Wirkt es so, als hätten die Hersteller nur vier Farben im Angebot: weiß, grau, anthrazit und schwarz. Gelegentlich fällt der Blick auf ein rotes Auto. Aber so etwas ist ziemlich selten. Woher kommt dieser Trend zur Gleichförmigkeit? Man könnte sagen, dass es keine Rolle spielt. Moderne Autos sind eh kaum zu unterscheiden. Als statistikaffiner Schüler – Jungs sind so, auch heute noch – hatte ich Spaß daran, auf dem Heimweg vom Unterricht straßenzugweise eine Art Auto-Liga zu veranstalten, indem ich die Marken der vorbeifahrenden Wagen zählte. Gewonnen hat meistens VW, Opel und Ford waren für manche Überraschung gut. Versuchen wir so was heute mit Kia, Hyundai oder Mercedes. So schnell schaut kein Mensch. Die Autos sehen sich dramatisch ähnlich. Allenfalls die Unterscheidung zwischen Limousine und SUV mag leicht gelingen.
Mit der Mode ist es ganz ähnlich. Als die Hippies und später die sogenannten Glam-Rocker die Trends setzten, wurde es in unserem Stadtbild sehr, sehr bunt. Und in der 80ern, einer Ära, in der das Auffallen mittels schlimmer Geschmacksverfehlungen kein Problem war (Pudel-Dauerwelle für Herren, 8×4 Deodorant – Jetzt auch mit Moschus), glänzten Ballonseide und Knautschlack wie nie zuvor und waren die Schultern von Bomberjacken oder Frauenkleidern so breit wie nie wieder. Die Menschen des 21. Jahrhunderts stellte man sich noch bunter, noch gewagter, noch sexier vor. Jeder Spaziergang ein Fest für die Augen. Als würden unsere Saatkrähen eins zu eins durch Paradiesvögel ersetzt.
Doch wie ist’s wirklich? Die gängige Kleidung eines jungen Mannes sieht so aus: schwarze Mütze, schwarze Jacke, Bluejeans oder mausgraue Trainingshose. Und bei den Frauen? Zu den Favoriten zählt Beige. Ein Farbton, wie dafür gemacht, bloß nicht aufzufallen. Im Grunde genommen die erste Wahl für Controller und Controllerinnen. Passend allerdings zur neuesten Caffè-Latte-Kreation von Starbucks.
Wie anders waren doch da die Kreationen des fränkischen Modeproduzenten Wilhelm Nägelein aus Herrieden im Kreis Ansbach. Unter dem Pseudnonym Carlo Colucci brachte er in den 80ern und 90ern selbst älteste Herren dazu, die buntesten Pullover zu tragen. Heute ist diese Marke bei uns Senioren vergessen, sie ist allenfalls noch Kult bei Rappern. Aber bunt macht so fröhlich wie sauer lustig. Also stellen wir uns unserer Verantwortung für die Gesellschaft. Bringen wir Farbe ins Leben, bringen wir andere zum Lächeln oder Lachen. Die Farbkombination Lila-Knallgelb für die Damen. Und unser Hawaii-Hemd will auch wieder an die Luft. Auf geht`s!
Text: Klaus Schrage
Cartoon: Sebastian Haug





