Hello All,

vorab: ich werde keinen zum Besten geben; nicht an dieser Stelle. Im Hinblick auf den angesagten Diskurs und der Demographie meiner Leserschaft mutmaße ich: Schwiegermutterwitze erzählt man sich nicht; nicht mehr. Weil man damit allgemein Ältere und speziell ältere Frauen durch den Kakao zieht. Was verwerflich wirkt, wenn manche Pointen zünden. Wer sich darüber amüsiert, zollt Verständnis für Schwiegermutter-Geplagte; honoriert die überraschende Auflösung am Witzende mit Schmunzeln.

Vermeintlich sind es eher Männerrunden, in denen Schwiegermutterwitze kursieren. Dabei besagen empirische Studien, dass nur ca. 15% der verheirateten Männer Stress mit der Schwiegermutter erlebt haben. Im Gegensatz zu ca. 60% der verheirateten Frauen, die mit der Mamma ihres Darlings zumindest bisweilen gehadert haben*. Schwiegertöchter wären demnach wesentlich öfters motiviert, sich via Humor zu erleichtern. Vielleicht witzeln jüngere Frauen aus Respekt nicht über die älteren Damen ihrer Familie. Doch warum kursieren dann auch weniger Witze über Schwiegerväter als über deren Gemahlinnen? Weil die Witzautoren Chauvinisten sind und ihr eigenes Geschlecht aussparen, wäre eine Erklärung. Hier eine weitere.

Man kann Witze auch als kleine Racheakte an Mächtigeren deuten. Weshalb Satiren zulasten hochrangiger Politiker und Prominente so beliebt sind. Politische Kabarettisten wissen, dass sich vor allem jene Politiker gekränkt fühlen, über die nicht oft genug professionell- öffentlich gespöttelt wird. Die soziale Hackordnung spiegelt sich auch in der Häufigkeit und Deutlichkeit der Parodien.  Die klammheimliche Popularität von Schwiegermutterwitze wäre ein Indiz für die faktische Machtstellung alternder Frauen im Familiengefüge. Der einschlägigen Witzkultur wohnt das Eingeständnis inne, dass man reifen Ehefrauen, Schwieger- und Großmütter besser nicht offen widerspricht, selbst wenn diese nerven. Erstens, weil eine Mutter grundsätzlich und in der Rolle als Schwiegermutter und Großmutter ebenso, sozialen Sonderschutz genießt; über alle mir bekannten Kulturen hinweg. Zweitens, weil sie oft als Familiendienstleisterin gebraucht wird. Drittens, weil man artig den eigenen Kindern ein positives Beispiel gibt, wie man eines Tages selbst als Alte(r) behandelt werden möchte: mit Liebe und Respekt, möglichst ohne offene Konfrontation. Als soziales Überdruckventil hat man Witze; in unserem erweiterten Kulturkreis zwischen Europa, Nord- und Lateinamerika.

Im konfuzianisch beeinflussten Ostasien hingegen scheinen Schwiegermutterwitze weniger populär. Dafür berichten dortige familien- und medizinsoziologische Studien über ausgeprägten innerfamiliären Stress zwischen den Generationen, der sich in vermehrten psychosomatischen Beschwerden jüngerer, verheirateter Frauen ausdrückt. Weil sich dort die Generationen stärker in die kollektive Familienpflicht nehmen – und vielleicht auch, weil das Ventil einer einschlägigen Witzkultur fehlt.

Falls das zutrifft, wären Schwiegermutterwitze gar nicht so übel, sozialpsychologisch gesehen; ja vielleicht eines Tages wieder salonfähig, als Akt der Sozialhygiene.

Ihr Global Oldie

*vgl. Amelia Hill „In-law tensions hit women hardest”, The Guardian, 30.11. 2008