Andrea Lehner von der HypoVereinsbank stellt ihr Wissen mehreren Stiftungen zur Verfügung.

Stiftungsvorstand? Klingt das nicht nach einem absoluten Traumjob? Cooler Titel, spannende Projekte, erhebende Auftritte als Glücksfee. Und das alles als Teilzeitkraft, denn Vorstände tagen ja meist einmal pro Quartal oder Geschäftsjahr. Wenn das alle so verlockend kling, stellt sich die Frage: Warum stehen die Kandidaten für Vorstandsämter in deutschen Stiftungen nicht gerade Schlange? 

Der monetäre Aspekt ist es nicht; die Zahl der ehrenamtlich Engagierten wächst schließlich stetig. Auch weit über 90 Prozent der deutschen Stiftungsvorstände zählen dazu. Sie wollen einfach der Gesellschaft etwas zurückgeben. Mehr Gedanken als über Bezahlung scheinen sich Kandidaten über die Herausforderungen als Stiftungsvorstand in Sachen Verantwortung und Know-how zu machen. Zu Recht, denn wer eine Stiftung führt, darf nicht nur Glücksfee spielen, sondern muss das Stiftungsvermögen erhalten bzw. vermehren, muss Rechts- und Steuerpflichten beachten und immer die Wahrung der Gemeinnützigkeit sowie den Stiftungszweck im Blick haben. 

Was macht also einen guten Stiftungsvorstand aus? Fragen wir eine Fachfrau, die das wissen muss. Andrea Lehner arbeitet bei der HypoVereinsbank in Nürnberg. Ihr Institut betreut dort neben zahlreichen Treuhandstiftungen rund 60 rechtsfähige Stiftungen, also solche, in denen der Vorstand für das gesamte Geschäft verantwortlich ist: von der Anlageentscheidung über Fundraising, Personalfragen, Rechenschaftspflichten gegenüber der Stiftungsaufsicht bis hin zur Ausschüttung der Erträge. 

Jobprofil: Engagiert, verantwortungsbewusst, offen, interessiert, strukturiert

Studiert hat Andrea Lehner Betriebswirtschaft und hat eine Ausbildung zur zertifizierten Stiftungsmanagerin draufgesattelt, nachdem die Arbeit im Nürnberger Spezialistenteam »Erb- und Stiftungsmanagement« der Bank Zusatzwissen erfordert. Ihre knappe Antwort auf die Frage nach den perfekten Vorstands-Genen: »Engagiert, verantwortungsbewusst, offen, interessiert, strukturiert.« Fehlt da nicht etwas, nämlich die Verbundenheit mit dem Stiftungszweck, inklusive Wissen über würdige Geldempfänger? Nein, meint sie, das Feld zwischen Tier- und Naturschutz, Kultur, Bedürftigen jeden Alters und Förderung der Wissenschaft sei so breit und ändere sich so schnell, dass externe Fachleute die besseren Ratgeber seien: »Ich versuche es mit einem vernünftigen Allgemeinwissen.« Rund 80 Stunden pro Jahr stellt sie dies Stiftungen zur Verfügung, die ihr Institut verwaltet. Zugute kommen Lehner dabei natürlich die berufsbedingte Nähe zu Finanzthemen und – Stichwort strukturiert – ihr Sinn fürs methodische Arbeiten: Ein Antragsformular für die vielen Organisationen, die sie und ihre Kollegen um Geld bitten, hat sie zum Beispiel eigens entwickelt. Zeit- und Finanzierungsplan, konkrete, stemmbare Projektziele und ein schlüssiges Umsetzungskonzept werden darin abgefragt. 

Transparenz ist nicht nur für die Geld­empfänger oberstes Gebot, sondern auch stiftungsintern. Man sollte also wie Andrea Lehner keine Scheu vor gründlichem Bilanzstudium oder ausführlicheren Einnahme-Überschussrechnungen haben. Finanzamt und Stiftungsaufsicht wollen schließlich sehen, dass das Grundstockvermögen unangetastet bleibt, und mit möglichst risikoarmen Geldanlagen sollen möglichst hohe Erträge zur Ausschüttung erwirtschaftet werden; außerdem darf der Verwaltungsaufwand nicht ausufern. Idealismus allein genügt damit nicht für einen Vorstand, Genauigkeit zählt. Die banktypische Akkuratesse wird übrigens honoriert, wie sie mit Blick auf die Kontrollen der Regierung von Mittelfranken erzählt: »Wir haben manche Prüfung der Stiftungsaufsicht seltener als andere Stiftungen, die Regierung stellt uns öfter frei.« 

Gründlich, verantwortungsbewußt und vernünftig arbeiten

Macht sie sich nach sechs Jahren Vorstandsarbeit Sorgen über das Thema Haftung, das sicher einige potenzielle Kandidaten abschreckt? »Nein, denn wer schreibt, der bleibt«, lautet ihr Credo. »Eine Stiftung ist ein kleines Unternehmen, man muss genau wissen, was man ausgeben und was man ausschütten darf.« Der Hang zu exakter Dokumentation kommt auch bei den Stiftern gut an: »Die meisten suchen nicht nach prominenten Namen, sondern nach Menschen, die die Arbeit vernünftig und verantwortungsvoll machen. Außerdem sagen wir den Stiftern auch offen, was nicht geht.« Das können Freunde und Familienmitglieder, die Gründer gerne berufen, nicht immer. Ganz zu schweigen davon, dass Weggefährten meist gleichaltrig sind und damit oft zusammen mit dem Stifter von Bord gehen. 

Nachfolger für Vorstandsämter werden also immer wieder gesucht. Allerdings nicht via Jobbörse oder Inserat. Andrea Lehner rät Interessenten, die ein paar der genannten Vorstands-Gene in sich spüren oder Freude an anderen gefragten Tätigkeiten wie Fundraising haben, sich erst einmal in der Szene umzuschauen, sich Wissen anzueignen und kleinere ehrenamtliche Aufgaben (siehe nebenstehenden Info-Kasten) zu übernehmen. Damit lernt man die Stiftung, ihr Umfeld und mögliche spätere Kollegen kennen. Und kann sich dann vorstellen, wie der persönliche Beitrag aussehen muss, damit es allen so geht wie Andrea Lehner zum Jahresende: »Wenn es an die Mittelverwendung geht, macht das nicht nur mir, sondern sicher jedem Stiftungsvorstand einfach Spaß.«

Text: Michael Nordschild
Fotos: Rurik Schnackig, Michael Matejka

Weitere Informationen, um sich fit fürs Vorstandsamt zu machen, finden Sie hier:

  • Haus des Stiftens: www.hausdesstiftens.org
  • Deutsche Stiftungsakademie: www.stiftungsakademie.de
  • Stifter-Initiative Nürnberg:  www.nuernberg.de/internet/stifter­initiative