Ingrid Hofmann und ihre Tochter Sonja Heinrich spielen sich schon jetzt gekonnt die Bälle zu. Foto: Kat Pfeiffer

Was ist das für eine Frau, die in die großen Fußstapfen ihrer Mutter treten wird? Sonja Heinrich (sie trägt den Nachnamen ihres Vaters) wird irgendwann das Unternehmen ihrer Mutter Ingrid Hofmann übernehmen und leitet schon jetzt die US-Geschäfte von Hofmann Personal mit Sitz in Nürnberg. Das stundenlange Interview war geplant als Streitgespräch, doch zwischen Mutter und Tochter überwog die Harmonie – bis auf unterschiedliche Stile etwa in der Mitarbeiterführung. Inhaltlich boten sich dennoch interessante Einblicke in das Leben der gestandenen Zeitarbeit-Unternehmerin und alleinigen Gesellschafterin Ingrid Hofmann auf der einen Seite und der angestellten 31-Jährigen Managerin Sonja Heinrich auf der anderen.

sechs+sechzig: Frau Hofmann, welche Unterschiede beobachten Sie im Führungsstil Ihrer Tochter?

Ingrid Hofmann: Sonja führt anders als ich, sie telefoniert täglich mit ihren Personalverantwortlichen, ab 15 Uhr ist sie ständig in Gesprächen. Das würde mir gar nicht einfallen, ich lasse meine Leute an der langen Leine. Außerdem ist meine Tochter viel mehr zahlengetrieben, was unseren Controller ungemein freut.

Sonja Heinrich: Na ja, wir rekrutieren Personal und haben eine Vertriebsorganisation. Dafür brauchen unsere Recruiter (dt.: Personalvermittler) Leitplanken mit Mindestanforderungen und Zielen, die sie zu erreichen haben. In Amerika ist das normal und nützlich.

Frau Heinrich, wie kam es überhaupt dazu, dass Sie als bestbezahlte Headhunterin, zuletzt in München tätig, den Einstieg in die Firma Ihrer Mutter suchten?

Heinrich: Ich bin auf sie zugegangen und habe sie einfach gefragt, nachdem unser externer Berater darin einen guten Weg gesehen hatte. 

Hofmann: Tatsächlich wäre ich von mir aus nie auf die Idee gekommen, Sonja den Einstieg vorzuschlagen und ihr obendrein noch das schwierige US-Geschäft zuzumuten. Der Berater hat unsere Gespräche moderiert, in denen es zum Beispiel um Erwartungen aneinander ging. Wir fanden ungemein viele Überstimmungen. Und Sonja schlug ein. Sie liebt Herausforderungen.

Wie ist das eigentlich, wenn Sie miteinander telefonieren? Haben Sie für Privates und Geschäftliches unterschiedliche Kennungen, reden Sie jeweils mit unterschiedlicher Stimme?

Hofmann: Ich nein, Sonja, ja. In der Freizeit, wenn wir zum Beispiel zusammen walken, sprechen wir nicht über Geschäftliches. Dafür machen wir Termine aus, und zwar hier, im Besprechungsraum.

Heinrich: Die Mitarbeiter hier in der Zentrale kennen mich ja schon länger. Ich habe stets vermieden, im Konfliktfall zu ihnen zu sagen: »Da muss ich meine Mama fragen.« Sondern: »Damit gehen wir zur Chefin.« Das macht einen gewaltigen Unterschied aus.

Wie sah für Sie die strenge Phase der Corona-Zeit aus?

Heinrich: Ich bewege mich für gewöhnlich in zwei Welten, denn das deutsche Business ist ein anderes als das amerikanische. Eine Zeitlang bin ich an unserem US-Sitz in Atlanta, dann wieder in Nürnberg oder München. Beim Lockdown war ich gerade hier und kann seit Monaten nicht zurück. Also leite ich die Geschäfte von hier, aus der Ferne.

Hofmann: Tatsächlich ist es ewig her, dass wir eine so lange Zeit am Stück zusammen verbracht haben, bei uns zuhause in Hiltpoltstein. Sonja war ja ab zwölf Jahren auf einem Internat in der Schweiz, später hat sie in London, San Sebastian, München und Mailand Wirtschaftswissenschaften studiert. Viel also im Ausland.

Warum das Internat?

Hofmann: Sie wäre am Gymnasium im Regelbetrieb als Hochbegabte untergegangen.

Heinrich: Es war der beste Weg. Im Internat ist man 24 Stunden lang mit anderen Jugendlichen zusammen. Man muss seinen Platz finden und ihn verteidigen. Eine Schule für das Leben.

Hofmann: Ich empfand furchtbaren Trennungsschmerz, die Kleine dort allein zurückzulassen. Doch es war richtig.

Frau Hofmann, Sie haben gegenüber unserem Magazin sechs+sechzig einst gesagt, dass Sie erst mit 84 Jahren in Rente gehen wollen – vorausgesetzt, Sie bleiben bei bester Gesundheit. Jetzt sind Sie – ausgerechnet – 66, Ihre Firma haben Sie vor 35 Jahren gegründet. Wann wird die Stabübergabe an Sonja stattfinden?

Hofmann: Wann sie es will. Dann frage ich sie, welchen kleinen Bereich ich behalten darf. Mit mehr Freizeit hätte ich Lust auf einen Kurs zum Fotografieren oder zum Vertiefen einer Fremdsprache. Ich gebe ja jetzt schon Teilbereiche an Mitarbeiter ab, denn ich betrachte mich ganz und gar nicht als unersetzlich. Und für den Fall der Fälle: Sonja und andere Führungskräfte haben mir fest versprochen, es auszusprechen, sollte ich irgendwann wunderlich werden.

Heinrich: Wie es aussieht, übernehme ich sukzessive Aufgaben von ihr. Das finde ich voll okay, bin sogar erleichtert, dass ich noch nicht die gesamte Verantwortung für das Unternehmen mit knapp 20.000 Beschäftigten übernehmen muss. Ich will allmählich reinwachsen – und das ist gut so.

Interview: Angela Giese
Foto: Kat Pfeiffer

Ingrid Hofmann und ihre Tochter Sonja Heinrich spielen sich schon jetzt gekonnt die Bälle zu.