1985 wagte die Nürnberger Unternehmerin Ingrid Hofmann den Schritt in die Selbständigkeit. Foto: privat

1985 wagte die Nürnberger Unternehmerin Ingrid Hofmann den Schritt in die Selbständigkeit. Foto: privat

Jeder und jede war einmal jung – und hat einmal Dinge gemacht, mit denen man sie oder ihn später kaum mehr in Verbindung bringen würde. Wer hätte gedacht, dass die seriöse Unternehmerin Ingrid Hofmann oft zu Demos gegangen ist? Das Demonstrieren, zum Beispiel gegen Rechtsextremismus, hat sich die Inhaberin einer großen Zeitarbeitsfirma bis heute nicht abgewöhnt, auch nachdem sie im Arbeitgeberverband BDA sowie der Branchenorganisation BAP aktiv wurde und mit dem Bundesverdienstkreuz dekoriert wurde. Im kommenden Jahr feiert ihre Firma Hofmann Personal 30-jähriges Bestehen.
Von Angela Giese
»Ich war in Nürnberg bekannt wie ein bunter Hund«, sagt Ingrid Hofmann (60). Bunt war vor allem ihr erstes Auto, ein VW-Käfer, eigenhändig mit Mohnblumen bemalt. Darin sauste die damals 20-Jährige durch die Gegend, einmal auch gegen eine Hausecke in Lauf. Das war ihr furchtbar peinlich. Die Kühlerhaube musste erneuert werden, möglichst so, dass der Vater nichts von dem Missgeschick bemerkte.
Ihre Leidenschaft für Autos hat sich bis heute nicht verflüchtigt. Beim Nürnberger Opernball im vergangenen Jahr hatte sie sogar das unverschämte Glück, einen BMW Z5 Coupé zu gewinnen. Freilich, ein bisschen Glück braucht der Mensch. Doch dass sie es zu einer Unternehmerin, die 22.000 Mitarbeiter führt, geschafft hat, war planvolle Arbeit. Manchmal auch mehr oder weniger planvoll. Als junge Frau absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Außenhandelskauffrau in einem Blumenimportunternehmen. Die Liebe zu Blumen und das Fernweh verquickten sich zur Chance, einen Traumberuf daraus zu machen: Managerin auf einer Orchideenplantage in Südafrika etwa wären ihr Ziel gewesen. Doch das Apartheid-Regime schreckte sie ab.
Was jedoch blieb, war das Ziel, Managerin zu werden, erzählt sie. Zunächst hieß es, Berufserfahrung zu sammeln. Zehn Jahre lang arbeitete sie sich in einer Zeitarbeitsfirma Stück für Stück hoch. Ganz oben wurde die Luft dünn. »Damals war es für eine Frau kaum möglich, in einem Unternehmen an die Spitze zu kommen«, sagt sie heute. Also verwirklichte sie ihren Plan B und gründete eine eigene Firma, was die junge Frau aus Hiltpoltstein (Landkreis Forchheim) einige Überwindung kostete. »Ich komme vom Bauernhof und habe erlebt, dass meine Eltern beinahe rund um die Uhr arbeiteten. Genau deswegen wollte ich nicht selbstständig sein.«
Startkapital vom Vater
1985 wurde sie es doch. Der Vater lieh ihr als Startkapital 30.000 Mark. Nicht genug, um groß die Werbetrommel zu rühren. So schaffte sie auf anderen Wegen Wachstum, über Kundenempfehlungen. Dann folgte das einschneidende Erlebnis des Mauerfalls. »Am 10. Oktober 1989 habe ich in Dresden die Revolution live erlebt.« Für Hofmann war es die Initialzündung für eine Expansion in die Neuen Bundesländer. Nach und nach kamen ihr Zweifel. Denn es wurden nach der Wiedervereinigung immer mehr Menschen in der Ex-DDR arbeitslos. Würde Zeitarbeit dort funktionieren? Es funktionierte. Heute hat die Unternehmensgruppe in Ostdeutschland 4000 Mitarbeiter in 21 Niederlassungen. Die Automobilindustrie ist für sie eine wichtige Kundenbranche.
Hofmanns Alltag ist bewegt: Mit dem Auto oder Flugzeug ist sie unterwegs zu Kunden oder zu einer ihrer 90 Niederlassungen oder Tochterunternehmen im In- und Ausland. In Nürnberg, wo die Hauptverwaltung in Langwasser zu Hause ist, ist die Chefin bestenfalls zweimal pro Woche anzutreffen. »Doch wann immer es geht, bin ich abends zu Hause.« Bei ihrem Mann, mit dem sie kürzlich ihren 30. Hochzeitstag feierte, kann sie am besten abschalten. Noch besser im Urlaub. Das Fernweh hat sie nie verlassen: »Morgens Rio, abends New York, das war früher mein Traum«, sagt die 60-Jährige. Die jüngste Reise führte sie nach Nordindien. Urlaubstage zu verschenken, kommt für sie nicht in Frage: »Ich gehöre in der Firma zu denjenigen, die ihre Urlaubstage zu 100 Prozent nehmen.«
Die Tochter kann sich Zeit lassen
Ingrid Hofmann scheint ihre Tochter Sonja mit beidem angesteckt zu haben: mit dem Drang, ins Ausland zu gehen, und dem Hang zum Personalwesen. Gegenwärtig arbeitet die Tochter bei einem Münchner Headhunter, also einem Personalunternehmen, das Führungskräfte vermittelt. Haben Mutters gute Kontakte geholfen? Hofmann verneint. »Sonja ist immer ihren eigenen Weg gegangen. Auch wenn ich in den Startlöchern stand, um sie bei der Jobsuche zu unterstützen. Meine Hilfe hat sie für sich selbst nie gewollt und nie gebraucht.« Trotzdem liegt es nahe, dass die Tochter in die Fußstapfen ihrer Unternehmer-Mutter tritt. Für diese Position brauche Sonja noch die Reife, »aber langfristig kann ich mir die Unternehmensnachfolge vorstellen«, sagt Hofmann. Die Tochter könne sich Zeit lassen. »Denn ich habe immer gesagt: Ich arbeite bis 84.« Bei guter Gesundheit und Spaß am Job werde ihr das gelingen, wenngleich mit weniger Arbeitsstunden als heute.
Die gewonnene Zeit lustvoll zu verbringen, macht ihr keine Probleme: Fotografieren, Tanzen, Wagner-Opern hören und die Ölmalerei gehören zu ihren Hobbys. Heute sind es keine Mohnblumen mehr wie auf ihrem VW-Käfer, sondern Bilder im Stile Piet Mondrians. Aus den Gemälden mit sehr farbenfrohen, geometrischen Formen gestaltet sie eigene Kugelschreiber. »Gibt es ein persönlicheres Geschenk für die Kunden?«, fragt sie.