vignette2012 Hello All, immer diese Missverständnisse! Melbournes berühmte Straßenbahn war voll besetzt, als sich eine ältere, sehr gepflegt wirkende  Dame in den Gang zwängte. Ein jüngerer Herr, der unmittelbar vor ihr einen Sitzplatz innehatte, stand auf. „Nein, das will ich nicht“, sagte die Dame streng zu dem Mann. Er blieb stehen. „Sie wollen mich doch nicht kränken, oder? So  alt bin ich nun wirklich nicht. Setzten Sie sich bitte sofort  wieder hin“, herrschte die Dame nun sehr bestimmend den Jüngeren an. Sichtbar irritiert zuckten seine Blicke ratsuchend zu den anderen Fahrgästen; die blieben regungslos.  Zögerlich nahm er wieder Platz, sagte kein Wort, wirkte aber unruhig. Lag es daran, dass er seine gute Erziehung nicht umsetzen durfte? Hat sie ihn vor allen Umstehenden durch die resolute Art gedemütigt? Immerhin, sie war eine Weiße, er dunkler Hautfarbe. Die Bahn rüttelte weiter. Schließlich schnellte er auf und sagte: „So sorry Madam. Ich wollte Sie in keiner Weise kränken.  Aber das war vorhin meine Haltestelle. Wenn Sie nichts dagegen haben, ich würde jetzt gerne aussteigen und das Stück zurücklaufen.“ Er lächelte die Dame freundlich an, tippte zum Gruß an seine Baseballkappe und zwängte sich zum Ausgang.  Die Köpfe und Augen der Mitreisenden wendeten sich zur Dame.  Ein Hauch von Röte huschte über ihr Gesicht. Sie blieb stehen und der Platz vor ihr, trotz des Gedränges bis zur übernächsten Station leer. Als wäre der Sitz nunmehr mit einem Fluch belegt. Den nahm  ein Neuzugestiegener ein, der die Vorgeschichte nicht kannte. *

Das Leben könnte so schön sein, wenn da nicht immer diese Missverständnisse wären; da hilft offenbar selbst die Altersweisheit nichts, weder hier noch  in „Down Under“.

Ihr Global Oldie

* Diese wahre Begebenheit erzählte mir Prof. Abanteriba; der polyglotte Autor von „Poetic Retribution from Mars“; siehe Blog vom  1.März 2013: ja, inzwischen haben sich unsere Wege tatsächlich gekreuzt.