Genau darüber wird der Facharzt für Anästhesie und Leiter der Schmerzambulanz am Klinikum Nürnberg auf der Messe inviva sprechen. »Mehr Lebensfreude durch aktive Schmerzbewältigung« lautet sein Thema. Denn Schmerz spielt sich bei weitem nicht nur auf der physischen Ebene ab. Im Gegenteil: »Das Schmerzempfinden ist sehr individuell und emotional«, weiß der Oberarzt. »Es hängt von der Lebensgeschichte und den Schmerzerfahrungen jedes Einzelnen ab.« Längst weiß man aus der Forschung, dass bei Schmerz viele Bereiche im Gehirn betroffen sind, auch emotionale. Will man einem unter Schmerzen leidenden Patienten wieder auf die Beine helfen, muss man über die rein körperliche Ursache hinausblicken. Auch soziale und psychische Faktoren spielen eine Rolle. Biopsychosoziales Schmerzmodell nennen die Experten das.
In einem Teufelskreis
Gerade ältere Patienten geraten dabei leicht in einen »Teufelskreis«, wie Risack es nennt: Sorgen ein Knochenbruch oder Arthrose erst einmal für körperliche Einschränkungen, erwächst daraus schnell Unsicherheit im Kopf. Aus Angst vor Stürzen oder Unfällen bewegen die Betroffenen sich weniger, so dass auch die körperliche Leistungsfähigkeit abnimmt. Das wiederum führt zu noch mehr Unsicherheit. Im schlimmsten Fall ziehen die Menschen sich immer mehr aus ihrem sozialen Leben zurück. »Dann gilt es, den Patienten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wieder zur Mobilität zu verhelfen und sie zum Aktivsein zu motivieren. Nur so können sie ihre körperliche und seelische Integrität wiedergewinnen«, sagt Risack.
Wie so oft in der Medizin gibt es auch bei der Schmerztherapie kein Patentrezept. Risack entscheidet von Fall zu Fall, hört sich die Leidens- und Lebensgeschichte seiner Patienten an und erstellt dann einen gestaffelten Therapieplan. In einem ersten Schritt nimmt er die verabreichten Medikamente unter die Lupe und passt sie gegebenenfalls an. Als zweites steht oft eine Physiotherapie auf dem Plan, um die körperliche Stabilität wieder aufzubauen, mehr Bewegungsfreiheit zu ermöglichen und damit Sicherheit zu geben. Danach sucht Risack nach den kleinen Tricks und Kniffen, die zurück in die Normalität führen und damit vom Schmerz ablenken.
Oft sind das Alltagsfreuden, die den Patienten lang gefehlt haben: Stricken zum Beispiel, elektronische Basteleien oder Klavier spielen. »Es gilt, das Schräubchen zu finden, an dem man ohne großen Aufwand drehen kann«, sagt der Schmerzexperte. »So unterschiedlich die Ausgangslagen sind – es findet sich immer eine Ressource, die es zu fördern lohnt.«
Manchmal muss er dabei auch einen Kompromiss aus den Wünschen der Patienten und ihrer gesundheitlichen Situation finden. »Ich beobachte, dass viele auch im Alter noch sehr hohe Ansprüche an sich haben. Ihnen fällt es schwer zu akzeptieren, dass sie mit 80 nicht mehr problemlos Bergsteigen oder Rennrad fahren können.« In solchen Fällen könne es helfen, daheim auf dem Ergometer zu strampeln oder auf ein E-Bike, also ein Fahrrad mit elektrischem Antrieb als Unterstützung, umzusatteln. Eine sanftere Variante des Lieblingssports also. Risacks eigene Mutter ist diesen Weg gegangen. Nach einer Knie-OP kam die passionierte Tennisspielerin nicht wieder richtig in die Gänge. »Besser wurde es, als Freunde ihr vorschlugen, ab nun im Doppel und damit mehr im Stand zu spielen«, erzählt der Experte.
Freilich ist die Lösung nicht immer so naheliegend. Oft behandelt Risack auch Patienten mit chronischen Schmerzen oder in körperlich sehr schlechtem Zustand. »Manche haben dadurch den Faden im Leben verloren«, weiß der Anästhesist. Dann emp-fiehlt er häufig den Schmerzkurs in der geriatrischen Tagesklinik. Beim Bewegungstraining wird der Körper gekräftigt, eine Gangschule hilft, wieder sicher unterwegs zu sein, psychologische Gespräche ermutigen zu mehr Eigeninitiative.
Der Schalter fehlt
Doch soweit muss es gar nicht kommen. Risack rät, sich bei Schmerzen nicht zu sehr zu schonen: »In vielen Fällen von Rücken-schmerzen oder von isolierter Arthrose, etwa in Hüfte oder Knie, muss man sich nicht komplett zurücknehmen.« Man helfe sich selbst am meisten, wenn man weiterhin aktiv bleibe, allerdings ohne dabei krampfhaft die Zähne zusammenzubeißen.
Bei allem Optimismus, den der Anästhesist ausstrahlt – eines ärgert ihn gewaltig: der Satz, heutzutage müsse keiner mehr unter Schmerzen leiden. »Das ist vollkommener Blödsinn«, empört sich Risack. »Man kann den Schmerz nicht einfach wie einen Lichtschalter an- und ausknipsen.« Sein Credo lautet vielmehr: Egal in welchem Schmerzstadium, es gibt immer Möglichkeiten, den Aktionsradius schrittweise zu erweitern und damit mehr Zufriedenheit in den Alltag zu bringen.
Annika Peißker
Foto: Michael Matejka