Fachsimpeln am Gartenteich: German Dirner (links) und Thorsten Weber sind Kleingärtner mit Leib und Seele. Foto: Mile Cindric

Ein kleiner Kirschbaum, ein kaum größerer Birnbaum, ein Weinstock, ein Haselnussstrauch, Stachelbeeren. Blumen natürlich, ein Rasenstück und ein bisschen Gemüse, den Gartenteich nicht zu vergessen und die leuchtend orangerot gestrichene Laube – das ist es im Wesentlichen. Ein typischer Kleingarten. Davon gibt es knapp 6000 in Nürnberg und eine Million im ganzen Land. Aber für Thorsten Weber ist seine 200-Quadratmeter-Parzelle im Osten Nürnbergs, einen Steinwurf vom Goldbach entfernt, etwas ganz Besonderes. Dabei hält sich der Mann nicht einmal für den geborenen Gärtner. Aber: »Es hängen viele Erinnerungen daran«, sagt Weber. Denn der 41-Jährige führt den Garten »in der vierten Generation«.
Schon seine Urgroßmutter Theresia Mayr hat auf demselben Grund und Boden gewerkelt. Ihre Zeit als Kleingärtnerin begann in den 1920-er Jahren. Damals war die Anlage noch ziemlich neu, wie der Vorsitzende des Kleingartenvereins »Goldbach e.V.«, Horst Röckl, berichtet: »1910 haben Eisenbahner das brachliegende Land zwischen Bertastraße und dem Goldbach erschlossen. So sind die ersten 35 Gärten entstanden.«
Damals steckte die Schrebergartenbewegung noch in den Kinderschuhen. Benannt nach dem Leipziger Arzt Moritz Schreber (1808–1861), geht der erste Schreberverein auf einen Schuldirektor namens Ernst Innozenz Hauschild zurück, einen Mitstreiter Schrebers. Eigentlich war es ein Schulverein, der in Zusammenarbeit mit Eltern seiner Schüler entstanden ist. Schrebergärten im eigentlichen Sinne legte erst der Lehrer Heinrich Karl Gesell um 1865 an. Zunächst als Beschäftigungsmöglichkeit für Kinder gedacht, entwickelten sich die Gärten bald zum Refugium für die ganze Familie.
Ist der Kleingarten in den vergangenen Jahrzehnten ein wenig aus der Mode gekommen, so erlebt er gerade eine Renaissance. Fünf Millionen Anhänger hat er bereits. Mancherorts existieren lange Wartelisten. In Nürnberg nicht, da liegt die Anzahl der Anträge seit Jahren konstant um 350. Der Grund: Immerhin 4,6 Kleingärten kommen auf 100 Einwohner, damit belegt die Noris den dritten Platz im deutschlandweiten Ranking der Städte. Zwar beträgt das Durchschnittsalter der Schrebergärtner immer noch 60 Jahre. »Aber es strömen immer mehr junge Leute zu uns, denn die verkrusteten Strukturen sind aufgebrochen«, freut sich Jochen Obermeier vom Stadtverband der Kleingärtner Nürnbergs. Thomas Wagner vom Bundesverband deutscher Gartenfreunde in Berlin kann den Trend bestätigen. »In den Jahren von 2003 bis 2008 gingen 45 Prozent der Neuverpachtungen an junge Familien, die ihre Kinder wieder im Grünen aufwachsen lassen wollen. Und 64 Prozent aller Pächter, die seit 2000 einen Garten haben, sind jünger als 55 Jahre.«
Etwas blüht immer
Der Nürnberger Thorsten Weber gehört zu diesen »jungen« Schrebergärtnern. Er hat »sein« Stückchen Land erst im vergangenen Jahr übernommen. Bis dahin war es die kleine Oase seiner Mutter Edeltraud Dirner. Sie war die Pächterin der Laubenparzelle, jedoch war sie schwer krank und konnte sich nicht mehr richtig um Blumen und Bäume kümmern. Vergangenes Jahr starb sie mit 59 Jahren. Doch Spuren ihrer Arbeit finden sich überall. »Das Rundbeet hat Mutter angelegt. Etwas blühte immer bei ihr«, sagt Sohn Thorsten. Was da wann für bunte Tupfer im Grün sorgt, weiß er zwar noch nicht. »Aber ich komm’ da rein«, versichert er. Klassische Beete hat er abgeschafft, den Gartenteich hat er erst vor einiger Zeit geschrubbt. Nie wurde auch nur ein Gedanke daran verschwendet, den Garten aufgrund der neuen familiären Situation aufzugeben. »Er gehört doch dazu.«
»Ich bin hier praktisch aufgewachsen«, sagt Thorsten Weber. »Unsere Gartennachbarn beispielsweise, beide 80, kennen mich, seit ich zur Welt gekommen bin.« Ein altes Foto, das Weber hervorholt, zeigt einen kleinen Buben auf einem Töpfchen mitten im Grünen. »Sommer 1970«, erklärt er und lächelt. »Auch als ich älter wurde, war ich oft hier. Nach der Schule bin ich zum Essen hergekommen. Hier habe ich mir mein Taschengeld abgeholt. Vom Freibad ging es nicht etwa auf direktem Weg nach Hause, obwohl wir bloß ums Eck gewohnt haben. Nein, der Garten war der Anlaufpunkt! Hier waren alle vom Frühjahr bis zum Herbst, und meist bis zum Einbruch der Dunkelheit: die Mutter, später auch der Stiefvater, die Großeltern, und die Uroma sowieso. Sie lebte bis 1990 und war selbst noch mit 85 Jahren im Garten aktiv.« »Und wie gern«, berichtet Weber, »habe ich hier mit der Clique gezeltet und gefeiert.«
Relaxen und Lesen
Heute liebt der Nürnberger den Garten hauptsächlich als Rückzugsort. Zum Relaxen, Lesen, Lernen. »Mein Fußball- und auch der Tennisverein sind nur wenige hundert Meter entfernt, 15 Minuten brauche ich bis nach Hause. Kurz: Der Garten liegt im Zentrum meines Lebens.« Und noch immer finden im »grünen Wohnzimmer« Feiern statt. An Silvester zum Beispiel, wo bei Schnee und Eis im Freien gegrillt wurde. Tradition ist die jährliche »lange Nacht«; bei Kerzenlicht sitzt man von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang beisammen.
»Früher ging’s hier zu wie in einer Großfamilie«, erinnert sich German Dirner, Webers Stiefvater. Bei Gesprächen über den Gartenzaun hat man einander gefragt: »Wie geht’s? Brauchst du Birnen? Dann bringe ich dir welche rüber.« Inzwischen hat das Publikum gewechselt, viele Migranten sind dazugekommen. »Die neuen Pächter zeigen wenig Interesse an Gemeinsamkeiten. Lieber bleibt jede Familie unter sich mitsamt den Kindern und Freunden. Das find’ ich schade.« Es gehe dadurch viel Kleingartenkultur verloren, findet der 64-jährige Rentner.
Für manch Außenstehenden sieht diese Kultur freilich auch nach Spießigkeit aus. »Mit Spießertum hat ein Kleingarten nichts zu tun«, widerspricht Thorsten Weber. »Es kommt natürlich drauf an, was man darunter versteht«, räumt er ein. »Für mich ist der wahre Spießer tätowiert und sitzt in der Sonne am Ballermann.«
Ute Fürböter
Fotos: Mile Cindric