
Hohe Bordsteinkanten, Kopfsteinpflaster oder unter frischem Laub versteckte Gullydeckel: Das Benutzen eines Rollators hat so manche Tücken. Wie man diesen ausweicht oder wie man sie bewältigt, wissen Ina Beck und Nadine Ringer. Die beiden Beamtinnen der Verkehrspolizeiinspektion Nürnberg zeigen etwa ein Mal pro Monat älteren Menschen den richtigen Gebrauch dieses Hilfsmittels. Ich habe einen Crash-Kurs absolviert.
Der erste Eindruck ist klar: Mit Rollator altert man auf der Stelle um mindestens zehn Jahre. Und tatsächlich sei »Was werden die Nachbarn sagen?« oft die erste Frage, die im Gespräch mit potenziellen Nutzern dieses Hilfsmittels gestellt werde, berichtet Nadine Ringer. Insbesondere Frauen befürchten, dass sie als alt und krank stigmatisiert werden. In aller Regel aber schätzen sie die Gehhilfe bald als gute Unterstützung. Männer hingegen seien schwerer für den Rollator-Parcours zu interessieren. Gemäß der alten Regel: »Ein Mann hat kein Problem.«
Ich schon. Meine erste Aufgabe ist, vom Gehsteig auf die Fahrbahn zu wechseln. Das ist tückisch, denn zwischen Bordstein und Asphalt befindet sich eine kleine Rinne, über die Regenwasser abfließen kann. Und dort verkanten sich die Räder meines Rollators. Ich muss zurück auf Los. Vorangekommen bin ich nicht.
Schon bei dieser Herausforderung lerne ich zwei wesentliche Dinge: Geduld hilft unbedingt. Und wenn vorausschauende Routenplanung dazukommt, ist es noch besser. »Der kurze Weg ist nicht immer der Beste«, sagt Ina Beck. Also laufe ich ein paar Meter bis zu einer Stelle, an der der Gehsteig abgesenkt ist. Und komme locker ans Ziel.
Aufrechter Gang ist wichtig
Aber wie ist es mit dem Tempo? Wir sind darauf getrimmt, schnell und gut zu funktionieren. Kein Mensch will, dass sich die Straßenbahn verspätet, weil er beim Einsteigen zu langsam ist. Kann man also mit einem Rollator rennen, lautet meine Frage. Die Antwort: »Probieren Sie‘s. Aber wenn Sie den Rollator wirklich brauchen, wollen Sie das gar nicht mehr wissen.« Übrigens: Der richtige Gang ist aufrecht und beherrscht. Keinesfalls weit nach vorne gebeugt wie auf dem Rennrad.
Gibt es spezielle Regeln oder gar Sanktionen für Rollator-Nutzer? Alkohol? Keine Beschränkung, man gilt als Fußgänger. Handynutzung während des Laufens? Wird nicht bestraft, ist aber nicht zu empfehlen. Mangelnde Beleuchtung? Ohne Bußgeldbescheid, aber im eigenen Interesse ist gute Sichtbarkeit gerade in der dunklen Jahreszeit enorm wichtig. Gute Rollatoren verfügen über Reflektoren an der Rückseite der Handgriffe und an den seitlichen Holmen. Man kann seine Gehhilfe auch selbst schmücken.
Fallen unter dem Herbstlaub
Grundsätzlich braucht es mehr Aufmerksamkeit als beim Durchschnitts-Spaziergänger. Gerade im Herbst und Winter. Die beiden Verkehrserzieherinnen lotsen mich zu einer Stelle mit reichlich frischem Laub. Darunter befindet sich für mich unsichtbar ein Gullydeckel. Die Räder meines Rollators geraten in dessen Spalten, mein Fortbewegungsmittel kippt zur Seite. Wäre ich unbedarft mit Schwung darauf zugelaufen, wäre ich vielleicht gestürzt.
Welche Unfälle passieren hauptsächlich? Hierzu gibt es keine polizeiliche Statistik. Aber es sind Stürze, die von Unebenheiten ausgelöst sein können. Kopfsteinpflaster sei immer schwierig, starkes Gefälle sowieso. Bei großer Nässe, Schnee oder Eis sollte man eher mal zu Hause bleiben. Nicht unterschätzt werden darf die Gefahr des toten Winkels, also dass man beim Überqueren einer Fahrbahn von den Fahrern abbiegender Lkw oder Busse übersehen wird. Hoch gefährlich ist es, zwischen zwei parkenden Autos auf die Fahrbahn zu laufen. Ein Rollator ist keine Knautschzone.
Ein Unfall-Klassiker ist auch, dass vergessen wird, bei einer Pause die Handbremse zu nutzen. Dann kann der Rollator nach hinten wegrutschen und statt auf der Sitzfläche landet man schmerzhaft auf dem Hosenboden. Ich teste diese Situation, bestehe die Prüfung.
Immer die Bremsen festmachen
Die Verkehrserzieherinnen berichten von einer Infoveranstaltung im Stadtteil Johannis. Eine Teilnehmerin habe sich die Jacke ausziehen wollen und dafür die Hände vom Rollator genommen. Dieser setzte sich auf der abschüssigen Strecke sofort in Bewegung und rollte schließlich über eine Straße. Deshalb gilt: Immer die Bremse festmachen, bevor man die Hände wegnimmt.
Welcher Rollator ist gut geeignet? Es kommt darauf an, wie man ihn nutzt. Wer üblicherweise unebene Strecken bewältigen muss, sollte ein Modell mit großen Rädern kaufen. Die beiden Expertinnen raten dazu, bei dieser Anschaffung – soweit möglich – nicht zu sparen. Das Kassenmodell ist ein relativ schweres, unhandliches Ding. Höherwertige Rollatoren sind aus leichtem Material, sind locker auf- und zuzuklappen und haben hilfreiches Zubehör wie Kipphilfen und Gehstock-Halter. Ina Beck empfiehlt den Kauf im Fachhandel. Hier gebe es Beratung und bei Bedarf eine Wartung. Grundsätzlich sei ein Rollator bei richtiger Benutzung ein tolles Hilfsmittel, durch das Mobilität erhalten bleibe.
Der richtige Sitzplatz im Bus
Letzte Station meines Parcours ist die Bushaltestelle an der Gustav-Adolf-Straße. »Was werden die Leute sagen?« könnte ich mich fragen, ehe ich mich eskortiert von zwei Polizistinnen einem Bus nähere. Die Neugier ist jedenfalls geweckt. »Sowas ist wichtig«, meint eine Frau, als ich das Einsteigen mit Rollator übe. Nicht ganz fehlerfrei: »Sie müssen sich hier hinsetzen, sonst rollen Sie durch den Bus«, sagt Nadine Ringer und zeigt mir einen Sitzplatz.
Und beim Aussteigen vergesse ich die richtige Reihenfolge. Diese ist: Bremse einklinken, an der Türe festhalten, rückwärts aussteigen und den Rollator nachholen. Ich vergesse die Bremse, mein Rollator rollt weg. Nun sieht es aus wie: »Opa Klaus braucht Hilfe.«
Schließlich gehe ich ein paar Schritte in Richtung Rolltreppe. Aber nur fürs Foto, denn diese Art der Fortbewegung ist zu gefährlich. Was bedeutet: Der kluge Rollator-Nutzer ist nicht nur vorausschauend und geduldig. Er überschätzt sich nicht. Sonst hat er ein Problem.
Text: Klaus Schrage
Fotos: Michael Matejka
Information
Veranstalter, die einen Rollator-Parcours anbieten möchten, erreichen die Verkehrspolizeiinspektion Nürnberg unter Telefon 0911 / 6583-1530 oder per Mail unter pp-mfr.nuernberg.vpi.ve@polizei.bayern.de









