Das Nürnberger Opernhaus muss generalsaniert werden. Für viele Ältere ist der Bau am Ring mit schönen Erinnerungen verbunden. Foto: Kat Pfeiffer

Die Nürnberger lieben ihr Opernhaus. Die Nürnberger? Jedenfalls die »alt«eingessenen, unter ihnen auch viele Leserinnen und Leser dieses Magazins. Viele haben dort zum ersten Mal Theater erlebt. Dank der Schulplatzmiete hat man sie mit Bühnenbildern, Stimmwundern, Orchesterklängen und der Körper-Artistik des Balletts bekannt gemacht. Sie freuten sich über glitzernde Operetten und langweilten sich in endlosen Musikdramen. Als Erwachsene sind viele von ihnen der Oper treu geblieben – aus Interesse, Begeisterung, aus Gründen der Repräsentation oder weil man als Nürnbergerin und Nürnberger halt ein Abonnement abgeschlossen hat. Apropos »Abbo«: Als die Ansagen in der U-Bahn noch nicht computergeneriert waren, hat man für die Strecke gern Stimmen gewählt, die locker drei »bbb« hintereinander sprechen konnten: »Obbbernhaus« heißt die Haltestelle – nicht Richard-Wagner-Platz, nicht Stadttheater oder Staatstheater.

Schon wieder eine Generalsanierung?

Ab 2025 werden die Nürnberger das Opernhaus an dieser Haltestelle erst einmal vermissen müssen. Das Gebäude muss generalsaniert werden. »Schon wieder?«, werden sich die fragen, die noch über ein Kurzzeitgedächtnis verfügen. Man hat doch erst von Mitte der 1980er Jahre bis 1996 daran herumgebastelt: Asbest entfernt, den Zuschauerraum erneuert, dem Haus wieder eine Dachlaterne aufgesetzt, das Foyer in den Gluck-Saal verwandelt. Aber schon damals war in der Verwaltung bekannt, dass man nochmals grundsätzlich in den Baubestand eingreifen muss, um spielfähig zu bleiben.

Damals war die Architektur für einige viel zu modern

Das wird teuer. Aber seit dem 15. Dezember letzten Jahres ist es beschlossene Sache. Der Stadtrat hat entschieden: Das Bauwerk wird umgekrempelt. Immerhin nicht abgerissen. Das hatten einige Stadtmütter und -väter durchaus auf dem Plan. Weg mit diesem wuchtigen Block am Ring! Irgendwas Neues, architektonisch Modernes an seinen Platz! Dabei ist unser Opernhaus doch modern. Viel zu modern, wie viele meinten, als es am Ende des 19. Jahrhunderts an die Planung eines »neuen Stadttheaters« ging. Das alte, an das sich die Nürnberger gewöhnt hatten, das aber wirklich aus der Zeit gefallen war, stand am Lorenzer Platz. Die Bürger hätten es zu gern behalten.

Es sieht so aus, als hätte der Berliner Architekt Heinrich Seelings, der mit den Entwürfen für den Neubau beauftragt worden war, ihren eher bewahrenden Geschmack gekannt. Seine ersten Skizzen sahen Fassaden vor wie jene, deren Verlust am Pellerhaus man heute noch betrauert. Dazu Dächer wie auf den Stadttortürmen. Und überhaupt noch ein Türmchen mit Chörlein gleich daneben. »Nürnberger Stil« wurde das genannt. Dabei war die Stadt an der Wende zum 20. Jahrhundert durch die Industrialisierung gerade wieder groß geworden. Deswegen tobte sofort der Streit los, was für ein Theater-Bau denn angemessen sei für diese Epoche.

Großbürgerlicher Bau

Eröffnet wurde 1905 schließlich das Opernhaus, an das wir uns gewöhnt haben: ein bisschen historisierend in seinem Neo-Barock, ein bisschen trotzig auch den Geist der Gründerzeit betonend, auf jeden Fall: sehr großbürgerlich – und sehr teuer. Das Opernhaus galt bei seiner Eröffnung als der kostspieligste Theaterbau Europas. Die möglicherweise weniger großbürgerlichen Besucher der oberen, billigen Ränge werden schon in der Vorhalle in seitliche Treppenaufgänge verwiesen und dürfen gar nicht erst ins Foyer. Ist Ihnen das je aufgefallen?

Egal. Die Innenarchitektur des neuen Theaters war jedenfalls höchst zeitgemäß: reiner Jugendstill, verschlungen, grottenhaft, beinahe exotisch. Zu modern für jene, die 1933 die Macht auch in diesem Gebäude ergriffen. Der »Führer« kam. Und das Opernhaus musste alljährlich anlässlich der Reichsparteitage der NSDAP zu »Festvorstellungen« von Richard Wagners »Meistersingern« herhalten, in denen sich die zwangsgeladenen Kohorten der SA so grässlich ödeten, dass sie in den Pausen möglichst unauffällig die Seiten der Frauentormauer wechselten. Auch damals befanden sich dort bereits die Bordelle.

Erst mussten die GIs ausziehen

Dem »Führer« jedenfalls war der Jugendstil als Umfeld der Pflege »kerndeutschen Volksgutes« zu modern. 1935 ließ er ihn übertünchen, zurückbauen, glätten. In den Theaterräumen entstand jene Nüchternheit, in der die Generationen der Nachkriegszeit »ihr« Opernhaus lieben lernten. Sie mussten ohnehin warten, bis die amerikanischen GIs ausgezogen waren, die das Gebäude 1945 eine Zeitlang als Kino und Club nutzten. Die Stadt hat ihnen südlich der Oper bald ein eigenes Kino und einen eigenen Club gebaut. Darin sind heute Schauspielhaus und Kammerspiele untergebracht.

Nach diesen Irrläufen der Geschichte mutet es ein wenig merkwürdig an, wenn das Opernhaus als Interimslösung 2025 (übrigens genau 120 Jahre nach seiner Eröffnung) ausgerechnet auf das ehemalige Reichsparteitagsgelände umziehen soll. Entweder in den Innenhof der Kongresshalle, wo es von den Flügeln des kollossalen Torsos, in dem der Versammlungsraum der NSDAP enstehen sollte, regelrecht umarmt wird. Oder es darf sich von außen an das groteske Architekturzitat des antiken Kolosseums anlehnen. Über den Standort ist noch nicht entschieden. Auch über die Bauform nicht. Und die Kosten für den Zwischenaufenthalt des Opernhauses am Dutzendteich sind bislang unbekannt. Nur dass es dort hin soll, ist Wille der kommunalen Verwalter und Verwalterinnen.

Wie geht es »da draußen« weiter?

Ob »da draußen« die Liebe der Nürnberger zu ihrem Opernhaus anhält, bleibt abzuwarten. Sie gelten ja als beharrlich, wenn sie jemanden oder etwas ins Herz geschlossen haben. Das gilt auch für ihre Haltung zur Opern-Moderne. Sie wurden vorsichtig daran gewöhnt, denn die Pflege der »Gegenwartsoper« gehörte seit der Spielzeit 1953/54 zu den kontinuierlichen Projekten der Nachkriegsepoche. Sie mochten trotzdem die Operette immer lieber. Und sie können Jahrzehnte später immer noch bitterlich darüber streiten, ob die »Troubadour«-Inszenierung des unlängst verstorbenen Hans Neuenfels im Jahr 1974 wirklich nötig war. In der Premiere noch ein Skandal, wurde sie ab der zweiten Vorstellung fast einhellig bejubelt. Dieses Publikum lässt sich begeistern. Hoffentlich auch »da draußen«. Und, noch weiter hoffend, irgendwann wieder in ihrem dann immer noch geliebten »Obbbernhaus« am Ring.

Text: Herbert Heinzelmann
Foto: Kat Pfeiffer