Wechselbad der Gefühle: Tod eines Fieslings

Man könne den Bastard behalten, teilt Sohn Gary der Klinik am Telefon mit. Auch Schwester Alex und Barbra, die Mutter der beiden, lassen den Toten zurück wie ein ausrangiertes Möbelstück. Sie müssen schleunigst Abstand bringen zwischen sich und den fiesen Patriarchen. Weshalb Victor Tuchmann, 73, Schwarzgeldwäscher und skrupelloser Immobilienmogul, Schürzenjäger und Betrüger, nach einem Herzinfarkt notgedrungen im Armengrab verscharrt wird. 

»Ich bin noch am Leben, du bist tot. Also fick dich«, triumphiert Ehefrau Barbra. US-Autorin Jami Attenberg (50), die mit Vorliebe alptraumhafte Familienverhältnisse seziert, schaut in ihrem neuen Roman »Alles ist deins!« aus der Perspektive der Überlebenden auf den so plötzlich Verblichenen. Sympathischer wird er dadurch nicht, im Gegenteil. Aber es ist auch nicht zu übersehen, dass alle ein Leben lang viel geschluckt und mitgespielt haben, und dass sie von ihren Deals mit dem Fiesling durchaus profitiert haben. 

Das abgründige Drama spielt wohl nicht zufällig im New Orleans der Trump-Ära. Doch mehr als die gesellschaftspolitische Grundierung der Tuchman-Story liefert der andere Lügner und Pussy-Grabscher im Oval Office hier nicht. Ob alles Private politisch ist? Jami Attenberg interssiert sich mehr für die erschöpften Hinterbliebenen, die sich nach Wahrheit sehnen, nach einer Entschuldigung und vor allem nach dem Ende der Verletzungen.

Vor allem Tochter Alex will von ihrer in schönem Schein erstarrten Mutter endlich wissen, was der Vater angerichtet hat. Sie scheitert. » ›Ach, Alex.‹ Ihre Mutter vergoss eine edle, diamantene Träne. ›Du warst immer so klug und wissbegierig, aber du musst nicht jede Kleinigkeit wissen.‹« Es hat, da sind sich Kinder und Kindeskinder einig, nie einen Funken Ehrlichkeit gegeben in dieser Familie. 

Vor allem die Frauen, deren Selbstwertgefühl unter einer rigiden Schönheitsdiktatur steht, kommen im Buch (endlich) zu Wort. »Dünn und hübsch« lautet ihr Mantra, Ehefrau Barbra treibt es dazu, vor der Intensivstation, in der ihr Mann im Sterben liegt, auf und ab zu rennen, weil der Schrittzähler das verlangt. Victor hat sie betrogen und geschlagen; dafür gab’s teure Uhren. Schmiergelder seien seine Spezialität gewesen, sagt die Witwe.

Ob und wie Tuchmanns Erben ihren Frieden machen mit dem Alten und mit sich selbst, analysiert Jami Attenberg mit demselben unbarmherzigen Realismus wie die Zeit vor Victors Tod. Dass er, notgedrungen, endlich schweigen muss, macht vieles möglich. 

Jami Attenberg, »Ist alles deins!«, Verlag Schöfflung & Co 2021, Jami Attenberg, 320 Seiten, 24 Euro

Sams Sommer

Die Frage liegt nahe: Muss man sich, wenn die Zeit eigener pubertärer Verwirrung ein halbes Jahrhundert her ist, den x-ten Coming-of-Age-Roman aufs Nachtkästchen packen? Einen, wie ihn Benedict Wells mit »Hard Land« gerade geschrieben hat, jener 37-jährige Autor, der auf dem Verlagsfoto aussieht wie 22? Tatsächlich passiert auf den 352 Seiten nichts, was man in anderen Adoleszenz-Schilderungen nicht schon ganz ähnlich gelesen hätte. 

Macht nichts. Wells schreibt so hervorragend und schildert seine jugendlichen Figuren mit so viel Empathie und Menschlichkeit, dass man durch sein Buch hindurchgleitet wie der Löffel durch eine Riesenportion Sahneeis. Manchmal vielleicht ein wenig zu süß, und manchmal ist es sehr vorhersehbar, was der 15-jährige Sam in einer Kleinstadt in Missouri einen Sommer lang erlebt und durchstehen muss. Es liest sich trotzdem weg wie nichts, und das mit Genuss.

Der Vater ist arbeitslos, die Mutter leidet an einem unheilbaren Hirntumor. Der ängstliche, introvertierte Junge ist alles andere als unbeschwert, als er beim Ferienjob im örtlichen Kino auf eine verschworene Clique trifft. Auf Hightower, den schwarzen Footballspieler, auf den schwulen Cameron und auf Kirstie, an die er sein Herz verlieren will. Immer wieder muss er sich überwinden, um dazuzugehören, er muss Mutproben bestehen, den ersten Kuss küssen und sich danach mit Liebeskummer quälen, wie sich das gehört mit 15. 

Als Sams Mutter stirbt, wird alles anders. Die eigenwilligen Freunde und die Angebetete entpuppen sich als verlässliche Freunde, die den Trauernden auffangen, besser, als das die in ihren eigenen Traumata gefangenen Erwachsenen können. Dass Benedict Wells seinen Protagonisten Gitarre spielen und im Kleinstadtkino arbeiten lässt, gibt ihm die weidlich genutzte Möglichkeit zu einer Fülle von Querverweisen auf Musik und Filme der 80-er Jahre. Auch die Literatur spielt eine nicht unbedeutende Nebenrolle in »Hard Land«, und am Ende gibt es sogar die Playlist zum Buch! Ein bittersüßes Lesevergnügen, auch wenn hin und wieder ein klitzekleiner Kitschverdacht aufkommt.

Benedict Wells, »Hard Land«,  Diogenes Verlag 2021, 352 Seiten, 24 Euro, auch als Hörbuch erhältlich.

Wo alles beginnt

Man bleibt frisch im Kopf, wenn man liest, was erwachsene Töchter in feministischer Rage anschleppen. Das kann dann auch mal ein Comic sein, der den »Ursprung der Welt« zum Thema hat – also jene weibliche Körperregion, die wie keine andere mit Tabus und Irrtümern belegt wurde und immer noch ist. Die schwedische Sozialwissenschaftlerin und Zeichnerin Liv Strömquist (43) hat ihre Kulturgeschichte der Vulva akribisch recherchiert, sie schlägt im Sprechblasen-Stil einen sarkastischen Ton an, immer wieder werden historische Abbildungen eingestreut. Die Autorin kommentiert ihre Erkenntnisse scharfzüngig und witzig. 

Auch wenn einem etwa bei der Lektüre von John Harvey Kelloggs Anti-Onanie-Rezept das Lachen im Hals steckenbleibt. Der Arzt und Erfinder der Cornflakes (1852 – 1943) empfahl ätzende Karbolsäure gegen weibliche Sinneslust und ist einer von vielen Männern, die das weibliche Geschlechtsorgan über die Jahrhunderte beschäftigt hat. Mit üblen Folgen. Weltweit werden Frauen immer noch beschnitten; wohl die brutalste Form patriarchaler Dominanz.

Zugegeben, ohne gut geputzte Lesebrille ist Strömquists Bildergeschichte kein Vergnügen. Die Texte im Handschriften-Look sind manchmal so winzig, dass man verzweifeln möchte. Doch es lohnt die Mühe, sich vom Vulva-Kult der Steinzeit über die Hexenverfolgung bis hin zu Freuds seltsamer Frigiditätstheorie durchzukämpfen. Einzelne Kapitel widmet Strömquist der Klitoris, dem Orgasmus, und beim Thema Menstruation kommt endlich Farbe auf die sonst schwarz-weißen Seiten. 

»Der Ursprung der Welt« ist ein feministisches Aufklärungsbuch ohne erhobenen Zeigefinger. Langeweile ausgeschlossen.

Liv Strömquist, »Der Ursprung der Welt«, avant-Verlag 2017, 140 Seiten, 19,95 Euro

Was sich liebt …

Es ist das, was man heute als toxische Beziehung bezeichnen würde. Lehrling Katharina, 19, trifft in Ostberlin Hans, 53, den arrivierten Schriftsteller. »Alles war so gekommen wie es hatte kommen müssen« an jenem 11. Juli 86, blickt sie nach Jahren zurück, als sie die schriftlichen Zeugnisse dieser anfangs leidenschaftlichen, später zerstörerischen Liebe sortiert. Er, der Verheiratete, aufgewachsen in der Nazizeit, »kennt sie besser als sie sich selbst« und macht daraus ein sado-masochistisches Machtspiel voller Gewalt, Demütigung und Schuldgefühl. Sie schaut auf und lernt viel von ihm, am Ende vor allem das Leiden.

Jenny Erpenbeck, geboren 1967, schreibt in »Kairos« über eine DDR, in der sie selbst aufgewachsen ist. Der Ton ist lakonisch, manchmal atemlos, wenn er sie wieder kleinmacht und die Risse in dieser geheimgehaltenen Verbindung immer tiefer werden. Draußen verrottet Ende der 80-er Jahre der Staat, gegen den sich weder Katharina noch Hans als Künstler aktiv stellen mögen. Drinnen kann sie nicht lösen, was sie zunehmend lähmt.

Erpenbeck findet beeindruckende Bilder für diesen doppelten Verfall. Während vor ihrem Haus demonstriert wird, sitzt Katharina mit Kopfhörern am Schreibtisch und lauscht den vielfältigen Vorwürfen, die er ihr auf Kassette gesprochen hat. Sie hat mit einem anderen, Jüngeren geschlafen. Hans, der seine Ehe seit jeher nur durchs Fremdgehen lebendig erhält, verzeiht nicht. 

Es ist eine Liebe, die Metapher für die Lage im Land ist. Man hält fest an der vertrauten Lüge und kann den Niedergang doch nicht aufhalten. Hans steht für die Vergangenheit, Katharina für den Beginn des Neuen, trotz all ihrer Unterwürfigkeit, die einen beim Lesen manchmal rasend macht.

Warum sich das Buch unbedingt lohnt? Lesend erfährt man viel über das Innere der DDR und die Nachwendezeit.  

Jenny Erpenbeck, »Kairos«, Penguin-Verlag 2021, 384 Seiten, 22 Euro, auch als Hörbuch erhältlich.

Buchkritiken: Claudine Stauber

Mehr als blaue Bohnen: Kochbuch zum 75. Geburtstag des Comic-Cowboys Lucky Luke

Die Küche des Wilden Westens hat keinen sehr guten Ruf. Meistens löffeln Cowboys, Sheriffs und Banditen in der Prärie Bohnen mit Speck und kippen Whisky am Tresen. Was bringt also ein Kochbuch im Namen einer der größten Western-Legenden, zumindest was Comic-Heroen betrifft?

Nun, eigentlich ist Lucky Luke Franzose. Und diesem Volksstamm wurde seit jeher eine Nähe zur Kulinarik nachgesagt. In einem seiner Abenteuer ist der gar nicht so einsame Reiter aus dem Zeichenstift mit den Allüren eines französischen Küchenchefs konfrontiert worden. In einem anderen wurde er in die Geheimnisse der chinesischen Speisezubereitung eingeweiht.

Warum ihm also kein Kochbuch widmen, jetzt, wo er gerade 75 Jahre alt geworden ist? Im Seniorenalter steigt man gern mal vom Pferderücken auf den Restaurant-Stuhl herunter. »Lucky Luke – Das Kochbuch« ist selbstverständlich Marketing und Futter für die Fans. Doch es birgt durchaus ein paar wenig abgenudelte Rezepte für den Speiseplan.

Dabei merkt man ihm die französische Herkunft durchaus an. Merguez zum Beispiel, scharfe arabische Würste, wie sie für die Zubereitung eines »Hot Dogs Rantanplan« (so heißt der blöde Hund, der Lucky Luke bei der Suche nach den Daltons hilft), sind weder hierzulande noch in Texas leicht zu bekommen. Auch eine Vorliebe von Sioux und Apatschen für Tartes kann man sich kaum vorstellen.

Das Kochbuch versammelt allerdings nicht nur Rezepte, sondern auch Geschichten. Es zeichnet die 75-jährige Erfolgs-Story des Comic-Helden aus der Feder von Künstlern wie Morris, René Goscinny und Achdé kurz nach und präsentiert die lustigsten Ess-Szenen aus den rund 100 Alben der Serie. Ein großes Lesevergnügen! 

Übrigens geht es in der Geburtstags-Hommage, die der deutsche Comic-Meister Ralf König für Lucky Luke gezeichnet hat, nicht nur um schwule Cowboys, sondern auch um Kulinarisches. Im Zentrum des Albums stehen Schweizer Kühe, deren Milch für besonders »Zarten Schmelz« (so der Titel) von Prärie-Schokolade sorgen soll.

»Lucky Luke – Das Kochbuch«, Egmont Verlag 2021, 29 Euro

Buchkritik: Herbert Heinzelmann 

Weitere Tipps:

»August und ich«

Vier Generationen lässt Werner Haussel in seinem autobiografischen Roman »August und ich« zu Wort kommen. Dabei geht der Wahl-Feuchter auf zeitgeschichtliche Ereignisse ein und zeigt, wie man mit dem Lebensmotto »Denen werde ich es zeigen« eine beachtliche berufliche Karriere und ein erfülltes Privatleben schafft. Besagter August ist Haussels Urgroßvater, mit dem ihm viel verbindet. Für Freunde von Familiengeschichten ist das Buch eine unterhaltsame Lektüre mit Lokalbezug und ein Anstoß, eigene Erinnerungen an die Vorfahren wachzurufen.

Werner Haussel, »August und ich«, ­Biografischer Roman, Books on Demand, ­Norderstedt, 2020. 214 Seiten, 15,95 €, ISBN 978-3-751950-99-2

»Fürther Wirtshaus-­Geschichten«

Fürth ist für seine zahlreichen Gastwirtschaften weithin bekannt, die Gustavstraße hat über die Stadt hinaus einen Ruf als Ausgehmeile. Für das Jahr 1804 ist belegt, dass es in der Kleeblattstadt 168 Gasthäuser gab. Auf 71 Fürther kam damals eine Wirtschaft – eine unglaubliche Quote. Es gibt viele Geschichten über die Gastronomie zu erzählen. Stadtheimatpflegerin und sechs+sechzig-Autorin Karin Jungkunz hat viel recherchiert für ihre in diesem Wandkalender abgedruckten Wirtshaus-Geschichten, die Fotograf Gerd Axmann liebevoll illustriert hat.

Karin Jungkunz und Gerd Axmann, »Fürther Wirtshaus-Geschichten«, Wand­kalender für 2022, 24,80 €

»Die Leute vom ­Hauptmarkt«

Der Hauptmarkt ist die Gute Stube der Nürnberger, hierher kommt man zum Einkaufen, Feiern oder Flanieren. Für die in der Innenstadt lebenden Nürnberger und sechs+sechzig-Grafiker Sabine Weiß und Wolfgang Gillitzer ist der Hauptmarkt aber auch Nachbarschaft. Jeden Tag überqueren sie den Platz auf dem Weg zur Arbeit. Sie kennen die »Leute vom Hauptmarkt«, die hier an ihren Ständen stehen. Mit ihrer Analogkamera haben Weiß und Gillitzer die Menschen und den Platz in zwölf atmosphärisch dichten Bildern in Schwarzweiß eingefangen.

Sabine Weiß und Wolfgang Gillitzer, »Die Leute vom Hauptmarkt«, Wandkalender für 2022, Bartlmüllner Verlag, Nürnberg, 19 €, ISBN 978-3-942953-82-5