Wiederentdeckte Lyrik, späte Liebe und eine bemerkenswerte Biografie – drei sechs+sechzig-Lesetipps von Brigitte Lemberger, die die lange dunkle Zeit vertreiben:

»Hinter den Fenstern fallen Sterne«

Eine Kostbarkeit, die Lyrik-Freunde womöglich noch nicht für sich entdeckt haben: »Hundert Freuden«. Es handelt sich um Gedichte von Wislawa Szymborska (1923-2012), »der Ersten unter den Lyrikerinnen Polens«, wie sie genannt wurde. 1991 erhielt sie den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt, 1995 den Herder-Preis, 1996 wurde sie mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Ihre Stimme ist verstummt, doch ihre Verse wirken weiter. Sie handeln von Menschen, Tieren, Landschaften, von Liebe, Unmenschlichkeit und Krieg. Die Sprache ist natürlich und überraschend: Es sind Miniaturen und große Bilder. Herausgegeben und hervorragend ins Deutsche übertragen von Karl Dedecius. Das schmale Bändchen ist in Deutschland schon lange auf dem Buchmarkt, vielleicht noch längst nicht, wie es sein sollte, bekannt. Es muss gelesen werden. Es beschert uns hundert Freuden.

  • Wislawa Szymborska, »Hundert Freuden«
  • Gedichte. Suhrkamp-Taschenbuch 2589
  • Suhrkamp Verlag, Frankurt/M. 1996
  • € 11.-

Die Vielfältigkeit des Lebens

In ruhigem Ton erzählt und sehr gut lesbar sind die Romane der amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Strout, die 2009 für ihr Buch »Mit Blick aufs Meer« mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Weitere literarische Preise folgten. Schauplatz ihrer Geschichten ist häufig die Kleinstadt Crosby an der Küste von Maine. Viele ihrer Figuren tauchen in ihren Büchern immer wieder auf, jeweils in ihren unterschiedlichen Lebensaltern und -situationen. So auch in dem jüngst in Deutschland erschienen Episoden-Roman »Die langen Abende«. 

Im Mittelpunkt steht die nun in die Jahre gekommene, etwas ruppige Olive Kitteridge, ehemals Lehrerin, verwitwet und nun verbunden mit dem gleichfalls verwitweten Jack Kennison, einem früheren Harvard Professor. Was die beiden Alten zueinander treibt, sie lieben und streiten lässt, beschreibt Strout ohne Gefühlsduselei, wie es ihr auch gelingt, die anderen Menschen im Umfeld der beiden überzeugend darzustellen. Geschichten sozusagen mit »open end«, wie das Leben selbst. Jeder ihrer Romane steht für sich, der Leser kann sich einklinken, wo er mag. Ihre Themen sind alt und immer wieder neu: Stets geht es um ganz normale Schicksale und Verhaltensweisen – um den großen Kanon der menschlichen Gefühle. Fest in der bewährten amerikanischen Erzähltradition verankert, zeigt uns Elizabeth Strout in ihren Büchern einmal mehr, wie sich die seltsame Spezies Mensch tapfer, verzweifelt, wütend, freudig und unbeirrt durch das Leben hangelt. 

  • Elizabeth Strout, »Die langen Abende«
  • Luchterhand Verlag, München 2020
  • € 20.-

Was für ein Leben!

»Es fängt klein an. Sie ist siebzehn, es sind/ Sommerferien, jemand spricht sie an, ein Mann.«

In diesem Kriegsjahr 1940 steht Anne Beaumanoir am Anfang ihres Lebensweges als Widerstandskämpferin. Zum ersten Mal befördert sie einige Päckchen an eine unbekannte Adresse im Auftrag eines Mitglieds der französischen Résistance. Es ist »ein unmerklich langsames/ Hineingeraten in etwas, wovon man/ keine Ahnung hat.« 

Vom Leben dieser (realen) Frau erzählt Anne Weber in ihrem Buch »Annette, ein Heldinnen-Epos« – kürzlich ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2020. Woher kommen Mut und Kraft dieser jungen Frau und die Vision von einer Gesellschaft, die frei ist von Unterdrückung und Gewaltherrschaft? Im Untergrund kämpft Annette gegen die deutschen Besatzer, beteiligt sich an Rettungsaktionen für Untergetauchte und jüdische Verfolgte, wird zeitweilig Kommunistin und nimmt nach dem Krieg schließlich ein Medizinstudium auf. Eine Weile lebt sie (beinahe) bürgerlich, wird Professorin für Neurologie, heiratet einen Arzt, bekommt zwei Söhne. Als der Algerienkrieg beginnt, ergreift sie Partei für die Nationale Befreiungsfront FLN. Durch einen Verrat landet sie im Gefängnis, wo sie eine kleine Tochter zur Welt bringt. Sie wird zu zehn Jahren Haft verurteilt. Ihr gelingt die Flucht nach Tunesien, dann nach Algerien, wo sie in der Regierungsmannschaft von Ben Bella als Ärztin arbeitet. Nach Boumediennes Putsch 1965 muss sie erneut fliehen, und lebt, da sie in Frankreich noch immer auf der Fahndungsliste steht, als angesehene Ärztin in der Schweiz. Ihre Familie hat sich ihr entfremdet. Dann, (heute ist sie 97 Jahre alt), zieht sie zurück in ihr Geburtsland. Sie lebt, »jetzt schon seit beinahe dreißig Jahren nicht/ mehr in Genf, sondern (…) in einem schmalen Haus in Dieulefit, was in der/ Drôme liegt, in der Nähe des Vercors, früher ein/ Nest des Widerstands…« 

So, in aller Kürze, die äußeren Ereignisse dieses bemerkenswerten Lebens, das die Autorin Anne Weber in ein Versepos fasst. Beinahe überrascht merkt der Leser, die Leserin, wie wunderbar der Rhythmus dieser Sprache zum Erzählten passt: Ganz leicht und entspannt liest sich, was spannend und schrecklich zugleich ist. Übrigens: Anne Beaumanoirs zweibändige Autobiographie ist in Deutschland erschienen unter dem Titel »Wir wollten das Leben ändern«. 

  • Anne Weber, 
  • »Annette, ein Heldinnen-Epos«
  • Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020
  • € 22.-

Foto Homepage: Melk Hagelslag/Pixabay.