Hello All,

Medikamente heilen oder lindern; sie spenden Hoffnung und beugen vor. Doch Medizin ist intim, sie dringt in unser Innerstes. Und sie ist verräterisch, weil sie tatsächliche oder befürchtete Schwächen ihrer Nutzer offenbart: „Sag mir, welche Medikamente du hortest, und ich sage dir, wie es um dich steht.“  Eine Devise, nach der Medizin-Soziologen die gründlicheren Patientenstudien ausrichten. Anstatt nur nach Beschwerden zu fragen, bittet man, zusätzlich den Inhalt der Hausapotheke zu zeigen oder per Foto zu dokumentieren. Was den Beteiligten kriminalistisches Talent, Langmut und höchste Diskretion abverlangt. Denn „die“ eine zentrale Hausapotheke, in der alle Medikamente eines Haushaltes sicher verwahrt lagern, gibt es nur in Lehrbüchern. Menschen pflegen ihre Medikamente auf verschiedene „Therapienester“ zu verteilen. Und je älter die Zielgruppe, um so vielfältiger und reicher bestückt sind diese.

Produkte zur akuten Wundversorgung finden sich bevorzugt im Bad oder Flur. Badezimmerschränkchen und Kulturbeutel erweisen sich als notorische Fundorte für angebrochene und abgelaufene Arzneien. Küche und esstischnahe Schubladen bergen hingegen meist frische, alltägliche Dauermedikation; in der Originalpackung oder vorsortiert in kleinere Tagesrationen. In wärmeren Gefilden und im Land der unbegrenzt riesigen Kühlschränke lagern beträchtliche Arzneisortimente. Dem Kühlschrank wohnt offensichtlich besonders effektives Erinnerungspotential inne: seinen Inhalt übersieht man selten. Weitere Therapienester siedeln typischerweise in Nachttischen und bettnahen Fächer. Gewiefte Forscher lassen zudem die aktuell genutzten Hand- und Aktentaschen auf Medikamente prüfen. Das ergibt durchschnittlich vier Arzneidepots je Befragten, wobei in Mehrpersonenhaushalten es mehrfach belegte sowie individuell genutzte gibt.

Der Besitz von Arzneien bedeutet nicht deren Einnahme; sagt wenig über den Schweregrad des Anlasses. Ihr Vorhandensein ist ein Indikator für den Gesundheitsszenario, auf den sich die Betreffenden, bisweilen heimlich, einrichten. Sie belegen, was Ärzte für die Betreffenden für sinnvoll halten, wogegen sich die Menschen zusätzlich wappnen; was sie für alle Fälle horten. Die Therapienester bieten faktenbasierte Auskunft über das werte Befinden der letzten Jahre, zuverlässiger als das Gespräch und die eigene Erinnerung, aber indiskreter. In der Summe ergibt sich daraus ein Logbuch zur (eigenen) Befindlichkeit der vergänglichen Art: Siehe Verfallsdatum. Bleiben Sie gesund!

Ihr Global Oldie