Ralf Spangenberg kam mit Mitte 50 auf den Tattoo-Geschmack. Seitdem hat ihn die Lust am Körperschmuck nicht mehr losgelassen, siehe auch sein Porträt. Foto: Michael Matejka

Winston Churchill und Theodore Roosevelt, der Erfinder Thomas Edison, die Schriftstellerin Dorothy Parker, die österreichische Kaiserin Sisi und Ötzi, der Mann aus dem Eis: Sie alle waren tätowiert. In Deutschland fehlte dafür lange das Verständnis, hatten doch die bunten Bilder einen miesen Ruf. Hier ordnete das Klischee sie lange der sozialen Unterschicht zu: Verbrecher, Soldaten, Seefahrer, Prostituierte oder fahrendes Volk. In anderen Regionen der Welt waren und sind Tätowierungen indes ein Zeichen von Gruppenzugehörigkeit. Inzwischen sind auch hierzulande Tattoos gesellschaftsfähig geworden.

Höchstens ältere Menschen sehen die Sache kritisch, sind sie doch in einer Zeit aufgewachsen, als tätowierte Personen oft außerhalb der Gesellschaft standen. Für ihre Kinder und Enkelkinder hingegen sind sie ein Accessoire um dazuzugehören – ein Wandel um nachgerade 180 Grad. Selbst für Polizisten und Lehrer, bei Bank und Bundeswehr ist Hautschmuck heute nicht mehr pauschal tabu.

Farben, Maschinen, Technik und Motive waren gut gehütete Geheimnisse

Harry Schwing eröffnete 1984 Nürnbergs erste Tätowierstube. Foto: Kat Pfeiffer

Harald Schwing hat den Wandel im wahrsten Sinne des Wortes hautnah miterlebt – den technischen und den gesellschaftlichen. Als er 1984 im Westen von Nürnberg seine Tätowierstube aufsperrte, war sie die erste ihrer Art in der Stadt – und gerade mal die fünfte in ganz Bayern. »Die Szene war klein und fast schon mafiös«, erinnert sich der 60-Jährige. »Die wenigen Kollegen, die es gab, hatten keine Lust auf Konkurrenz und auch keinerlei Inter­esse, sich auszutauschen. Man konnte froh sein, wenn die keinen vorbeigeschickt haben, der einem die Finger gebrochen hat.«

Farben und Maschinen, Technik und Motive – das waren alles gut gehütete Geheimnisse. Wenn überhaupt, dann gab es so etwas in Amerika und England und musste von dort importiert werden. »Das Herstellen von Nadeln war das größte Geheimnis«, erinnert sich der gelernte Schriftenmaler. »Von der Ultra-Qualität, die heute Standard ist, war damals nicht zu träumen. Wir mussten gucken, dass wir überhaupt etwas hergekriegt haben. Den Rest mussten wir uns selbst löten oder von einem Maschinenbauer bauen lassen.«

Hauptsache besser als selbst gestochen

Wer in »Harry’s Tattoo Studio« kam, wusste, was er bekam. Und die Leute waren zufrieden. »Hauptsache es sah besser aus als selbst gestochen.« Wie hätten sie es auch wissen sollen? Bis weit in die 80-er Jahre hinein hatte kaum jemand eine Vorstellung davon, wie ein gutes Tattoo aussehen kann. In den Tätowierstuben gab es Tafeln mit den Motiven, die angeboten wurden und die der Tätowierer in der Regel vorher selbst gekauft hatte. Aus den Vorlagen suchte man sich eine heraus und die wurde dann gestochen – klein und in der Regel an einer Körperstelle, die verdeckt werden konnte. Fertig.

So richtig los mit dem Tattoo-Boom ging es Ende der 1990er Jahre, als immer mehr Stars offen und stolz ihren Hautschmuck zur Schau trugen: Schauspieler, Fußballer, Musiker, Künstler. Der Kult der Außenseiter wurde mehrheitsfähig und zum Modetrend – Tribals und die berüchtigten »Arschgeweihe« zeugen noch heute von dieser Epoche. Um die Jahrtausendwende herum schossen die Tätowierstuben dann nicht nur wie Pilze aus dem Boden, sondern wurden endgültig zu Tattoo-Studios, oftmals ergänzt um Angebote zu weiteren Body-Modifikationen wie Piercing. Und befeuert von einer riesigen Industrie im Hintergrund, die Maschinen und Möglichkeiten, Zubehör, Inspirationen und Ausbildung lieferte.

Heute sind Tätowierer Künstler

Wer heute ein Tattoo haben möchte, kommt in der Regel mit einer konkreten Idee, einem fertigen Motiv oder gleich einem Konzept für den ganzen Körper – meistens nach einem Vorbild aus dem Internet. Immer mehr Zeichner und Illustratoren greifen zur Nadel, bieten immer ausgefeiltere Techniken und Typografien an. »Heute sind Tätowierer Künstler, die miteinander reden und sich austauschen«, sagt Harry. »Viele kommen von der Kunsthochschule und bringen ein unglaubliches zeichnerisches Talent mit. Da kann ich noch hundert Jahre tätowieren, das werde ich nie so hinkriegen.«

Doch nicht hinter jeder Tätowierung steckt eine freie Entscheidung. Was heute ein unbeschwerter Ausdruck von Freiheit und Individualität ist, war für andere ein Zeichen der Entmenschlichung – ein ewiges Brandmal. »Ich habe im Laufe der Jahre drei KZ-Tattoos gesehen«, erzählt Roland Leikauf von der Tattoo Garage. »Zwei davon habe ich überstochen, das dritte sollte kurioserweise eingerahmt werden – als mahnendes Beispiel, das wohl auch ein Stück weit offen und stolz getragen wurde.« Mehr kann er dazu nicht berichten – und das, wo es doch beim Tätowierer normalerweise zugeht wie beim Frisör: Es wird sich munter unterhalten, oft packen die Kunden ihre halbe Lebensgeschichte aus. Hier aber war dreimal nur Schweigen, auch Fotos waren nicht erwünscht. »Natürlich hätte ich gerne mehr über diese Menschen und ihre Tätowierungen erfahren, aber ich kenne das ja von meinen Großeltern: die haben ja auch nie über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen.«

Harald »Harry« Schwing kennt die andere Seite. »KZ-Tätowierung hatte ich tatsächlich nie, aber ich habe schon SS-Tattoos abgedeckt. Vor allem waren es aber ehemalige Fremdenlegionäre, die zu mir kamen – oft mit uralten, richtig schlechten Stichen. Für manch einen kam es einer Erlösung gleich, wenn man das weggemacht und überstochen hat. Einer aus Österreich schreibt mir heute noch jedes Jahr eine Dankeskarte, der kam damals für jede Sitzung aus Kärnten angefahren.«

Zum 80. Geburtstag das erste Tattoo

Dass der Körperschmuck in Deutschland jahrzehntelang gesellschaftlich verpönt war, heißt nicht, dass da nicht trotzdem der Wunsch danach bestand. Und manchmal dauert es ein wenig länger, bis Menschen sich einen Lebenstraum erfüllen. »Eine meiner ältesten Kundinnen kam an ihrem 80. Geburtstag zu mir in den Laden und hat sich ihr erstes Tattoo stechen lassen«, erzählt Roland Leikauf. »Seither ist sie jedes Jahr wiedergekommen, immer zu ihrem Geburtstag. Sie hatte schon immer davon geträumt, sich tätowieren zu lassen, doch ihr privates Umfeld hat das nie zugelassen. Jetzt, wo alle tot sind und sie die letzte Überlebende ist, ist es egal.«

Thomas Budach, ebenfalls Tätowierer mit eigenem Studio in Nürnberg (Motto: »Sterne sind aus«), erzählt von einem 80-Jährigen, der sich von ihm das Wappen seiner früheren Fallschirmspringer-Einheit stechen ließ. Anfang der 60-er Jahre hatte er bei der Bundeswehr gedient, bis heute treffen sich die noch lebenden Kameraden einmal im Jahr. Er sei damals der einzige gewesen, der sich das Logo damals nicht unter die Haut habe jagen lassen, so seine Geschichte. Doch beim nächsten Treffen wollte nun endlich auch er mit dem gemeinschaftsstiftenden Tattoo einlaufen.

Rein technisch, so die Fachleute, sei es kein Problem, Menschen auch im gesetzteren Alter zu tätowieren. Jeder Mensch ist einzigartig und die Haut von einem Landschaftsgärtner naturgemäß ganz anders als die eines Büroangestellten. »Ich habe schon 50-Jährige erlebt, die sich wie 70-Jährige angefasst habe«, erzählt Roland Leikauf. »Mit 18 hingegen ist man noch im Wachstum, da wird es oft schwer, vor allem am Oberkörper.«

Ein Viertel der Kundschaft ist Ü60

Wer sich tätowieren lassen möchte, muss gesund sein. Entscheidend ist die Wundheilung. Ältere Menschen leiden häufiger an Diabetes, das stört den Heilungsprozess. Bis zu einem Viertel der Kundschaft ist heute Ü60. Falten sind weniger ein Problem als ein schwaches Bindegewebe, das man allerdings auch schon in jungen Jahren haben kann und in dem die Tinte schnell verläuft. Am besten halten Farben bei blassen Menschen, die die Sonne meiden. »Ich würde einer 80-Jährigen nichts am Bauch und am Dekolleté machen«, sagt Roland Leikauf. »Aber an den straffen Körperstellen wie Wade, Oberschenkel, Unterarm und Schulterblatt ist das kein Problem.« Der Rest bleibt die individuelle Entscheidung. »Wenn jemand über 60 ist, muss er ja nicht automatisch im Kopf alt sein. Mir sind reifere Kunden ohnehin lieber, weil sie eher wissen, was sie tun.«

Womit man endgültig bei der vielzitierten »Jugendsünde« angelangt ist, ohne die keine Geschichte über Tätowierungen auskommt. Was ist dran an der Warnung der Eltern, dass die Motive, die man sich in jungen Jahren unbedacht stechen lässt, einem eher früher als später wieder leidtun werden? »Mit 18 tätowiert man sich in der Regel Schwachsinn«, sagt Roland Leikauf ungerührt. »Ich bin ja selbst das beste Beispiel dafür!« Auch er war gerade frisch volljährig geworden, als er wie ein angeschossener Tiger vor der Tätowierstube auf und ab lief und sich nicht rein traute. Als er schließlich seinen ganzen Mut zusammennahm, durch die Tür trat und fragte, was er für 140 Mark bekommen würde, schlug der Nadelmeister ein Buch auf und deutete stumm auf zwei Bilder – ein Einhorn und einen Pegasus. Leikauf entschied sich für den Pegasus und die Sache war erledigt.

Beratung ist heute das A und O

Das geflügelte Pferd ist längst überstochen und in einer neuen, besseren Tätowierung aufgegangen, doch es hat ihm einst den Weg in die Szene geöffnet. In der hat sich seither auch der Ton komplett gewandelt: Beratung ist heute das A und O. Jeder seriöse Tätowierer wird erst einmal ein Gespräch führen und den potentiellen Kunden abchecken – und muss da mitunter ein halber Psychologe sein. »Wir sind immer in der Beratung verpflichtet. Ich rede lange mit den Leuten«, vor allem wenn es um Tätowierungen gehe, die den Kunden auf Dauer Probleme machen könnten. »Und da überlege ich natürlich, ob ich das verantworten kann. Denn manchmal muss man die Menschen vor ihren Wünschen schützen.«

Aufträge ablehnen ist Teil des Spiels und kommt öfter vor, als man denkt – nicht nur bei den 16-Jährigen, die mit ihren Erziehungsberechtigten im Schlepptau im Studio auftauchen. »Ich mache aber auch einem 18-Jährigen kein Tattoo auf den Unterarm, das ist ein ungeschriebenes Gesetz.« Es kommt aber auch vor, dass der Fachmann es ablehnt, ein altes Tattoo zu covern, sprich: zu überdecken. Als ein Kunde mit einer uralten Arbeit bei ihm auftauchte und bat, diese zu überstechen, staunte Thomas Budach nicht schlecht. Das Bild stammte aus den 70-er Jahren: ein Schädel mit Krummsäbel, zweifelsohne gestochen von Eddie, dem allerersten Tätowierer in Süddeutschland. Ein Echo aus einem anderen Jahrhundert, ein Motiv, das kaum mehr einer hat und das so auch niemand mehr machen kann und würde. Ein Relikt. Weil ein Tattoo seine Geschichte nicht nur im Motiv, sondern immer auch in der Zeit trägt, in der es entstanden ist.

Budach erklärte dem Kunden, dass er da einen Oldtimer unter der Haut trage und dass es vielleicht nicht das schönste Tattoo auf der Welt sei, aber definitiv eine Antiquität, die auszulöschen er nicht übers Herz brächte. »Seither, so hat es mir jedenfalls seine Tochter erzählt, zeigt er sein Tattoo wieder gerne her – und ist wohl auch ein bisschen stolz darauf.«

Text: Stefan Gnad
Fotos: Michael Matejka, Kat Pfeiffer