Hören hat immer etwas mit »dazugehören« zu tun. Wer einer Unterhaltung nicht mehr folgen kann, wer ständig nachfragen muss, weil er etwas nicht verstanden hat, verliert buchstäblich den Kontakt zu seinen Mitmenschen. In Deutschland gibt es nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbundes 16 Millionen Betroffene, das ist etwa jeder Fünfte. Das Wunderwerk Ohr bekommt dank ausgefeilter Technik gute Unterstützung, ein Hörgerät kann in vielen Fällen das Leiden erheblich lindern. Wir haben mit Menschen verschiedener Altersstufen über ihre Hörhilfen gesprochen.

Renate L. bemerkte erstmals schon vor zehn Jahren, dass sie schwerer hört. Auf einem Ohr hatte sie als Kind schon Löcher im rechten Trommelfell, das dann durch ein künstliches ersetzt wurde. Sie vermutet, dass das eine Folge der Bombenexplosionen war, die sie als Baby während des Zweiten Weltkriegs in Wien erleben musste. Vor einiger Zeit meinte sie, dass ihr Schwiegersohn »nuschelt«, und in ihrem Wohnprojekt, wo sie das Protokoll führt, brauchte sie neben sich einen »Flüsterer«, der ihr Unverstandenes einsagte.  Renate bekam den Hinweis: „Wenn Sie sagen, die anderen nuscheln, dann hören Sie schlecht.“

Seit einem dreiviertel Jahr hat die 76-Jährige nun also ihr neues Hörgerät. Mit einen Preis von mehr als 1000 Euro war es nicht ganz billig. Mittlerweile glaubt sie sogar, besser zu hören, wenn sie es nicht benutzt. »Ich trage es nur abends beim Fernsehen und in Gruppen.« Renate findet, dass der Umgang mit dem kleinen Gerät lästiger ist als der mit ihrer Brille ist, mit deren Bügeln es hinter dem Ohr kollidiert. Sie zeigt ein schickes kleines Kästchen in Silber und Hellgrün, in dem sie die Hörhilfe aufhebt. Wenn sie das Hörgerät darin verstaut, nimmt sie die teuren Batterien heraus, damit diese länger halten. Außerdem besitzt sie einen Trockenapparat für den Reinigung. »Ich kann Leute verstehen, denen die Reinigungsprozedur zu lästig ist.« Sie absolviert diesen Aufwand alle ein bis drei Tage. Dennoch ist sie ganz froh über die Hörhilfe, bei der sie auch keine störenden Nebengeräusche bemerkt.

Für die Journalistin Angela Giese (64) ist »gutes Hören das A und O«.  Und so erschrak sie sehr, als sie in einem Interview »Thailand« statt »Erlangen« verstand. Wegen einer nicht behandelten Mittelohrentzündung hörte sie schon mit Mitte 20 auf dem linken Ohr schlecht. Im Lauf der Zeit hat sie viele verschiedene Hörgerät-Modelle diverser Hersteller ausprobiert und ein sehr wertvolles sogar verloren. Trotz mit der technischen Unterstützung hat sie oft Mühe, Stimmen zu verstehen, vor allem, wenn Störgeräusche hinzukommen. Sitzposition und Umgebung spielen eine Rolle; ganz schlimm wird es, wenn mehrere Leute gleichzeitig reden. Nach ihrem subjektiven Empfinden hat sich ihr Hören verschlechtert. Schwerhörig zu sein bedeutet für sie, »sich ausgeschlossen zu fühlen, außen vor zu sein«.  Auf Reisen lässt Angela Giese ihre Hörhilfen allerdings trotzdem daheim, um sie nicht zu verlieren. »Dann müssen die Leute mit mir halt einfach lauter sprechen«, meint sie ganz pragmatisch.

Ein IdO-Hörsystem ist oft nicht größer als ein kleiner Knopf und nahezu unsichtbar. Foto: IdO-und-HdO-Hoersystem_copyright_biha-

Wenn Roland Weber (72) das Haus verlässt, hat er selbstverständlich sein Hörgerät immer eingesetzt. Daheim nimmt der aktive Senior die metallicschimmernde Hörhilfe aber manchmal ab; Fernsehen schaut er mit Kopfhörer, um niemanden zu stören. Als Behindertenrat bei der Stadt Nürnberg bedeutet ihm gutes Hören Teilhabe an der Gesellschaft. Den »Makel« will er gar nicht verbergen, deshalb hat er sich für ein außerhalb des Ohres zu tragendes Hörgerät entschieden. Roland Weber ist glücklich, dass ihm seine Hörhilfe auch gegen den Tinnitus hilft. Nach einem Hörsturz wurde sein Gehör schleichend schlechter, bis er auf einem Ohr nurmehr 35 Prozent hörte. Und wenn es ihm mal zu laut wird, wie im Straßenverkehr, dann schaltet er den Hörverstärker per Fernbedienung ganz leise. Wenn er hingegen zu einer Veranstaltung geht, bei der Induktionsschleifen vorhanden sind, wird die Stimme der Redner optimal direkt ins Hörgerät übertragen. Das Reinigen der Hörhilfe ist für den Rentner gar kein Problem: »Wenn ich ein Auto habe, muss ich tanken, das gehört eben dazu.«

Das Gehör von Hilde Metz (92) wurde vor zwei Jahren im Altenheim, in dem sie lebt, von einem Arzt geprüft, der meinte, dass sie noch bis sieben Meter hört. Sie dachte, das sei noch viel, staunte dann aber beim Akustiker, wie viel mehr sie mit einem Hörgerät wahrnahm. »Auf einmal war die Straßenbahn ganz laut und das 12 Uhr-Läuten konnte ich besser hören! Und dann erst die 40 Stimmen im Speisesaal und das Geschirrklappern …«
Beim Interview muss die anwesende Tochter dennoch ab und an eine Frage wiederholen. Auf die Fragen, wo denn ihr Hörgerät sei, antwortet die alte Dame: »Na, in der Schublade. Ich fürchte, ich kann sonst  nimmer ohne. Alle hier im Heim, die eines haben, können fast nix mehr hören, wenn sie es raustun. Und manche verstehen mich auch mit Hörgerät nicht, da frage ich mich, warum sie es haben! Die Zeitungsvorleserin hier hat so eine schöne Stimme, die verstehe ich trotzdem, auch die Frau beim Turnen, sogar mit Mundschutz. Man muss sich mir halt zuwenden beim Reden, das verlange ich schon … im Alter isses halt so.«
Tochter Lisa sagt, wenn ihre Mutter müde oder gestresst sei, höre sie schlechter. Die Seniorin genießt Musik und das Vogelgezwitscher im Garten. Eines ihrer Augen ist nach einem Sturz schwer geschädigt, doch sie erzählt glücklich, dass sie noch selbst Zeitung liest: »Es ist sehr schön, wenn man im Alter noch hört und sieht.«

Kiki Lucaciu (42) hatte mit Mitte 30 das Gehör einer 50-jährigen. Mit ihrem Hörgerät war sie trotz langer Anpassung nicht glücklich. Es raschelte oft, und sie empfand ihre eigene Stimme als fremd. »Ich merkte, wie ich mich selbst von der Gesellschaft ausschloss, und das war das Schlimmste. Das ging mir an die Seele.« Sie entschloss sich zu einer Operation an beiden Ohren: »Gleich nach fünf Tagen hörte ich trotz Stöpsel im Ohr besser! Der Mehrwert ist unbeschreiblich. Ich kann nur raten, sich unbedingt Hilfe zu holen, wenn man nicht mehr gut hört«, sagt die junge Frau. Auch sie merkt, dass sie deutliche besser hört, wenn sie weniger Stress hat.

In den Hörgeräte-Spezialgeschäften liegen Hörhilfen in diversen Designs und schicken Farben im Schaufenster. Die Erfahrung der meisten Hörgeräte-Akustiker sind immer gleich: Schwerhörigkeit wird immer noch mit dem Stigma der Behinderung und des Altwerdens und oft mit geistiger Schwäche verbunden. Kunden möchten nicht so wahrgenommen werden.

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen bei 10 Euro Zuzahlung die Basis-Versorgung mit einer passablen Ausstattung: mehrkanalige Digitaltechnik inklusive Störgeräusch- und Rückkoppelungsunterdrückung. Die Preisspanne liegt zwischen rund 80 und mehreren tusend Euro. Bei den höherwertigen Geräten ist dann jeglicher Komfort zu haben. Der Akustiker findet mit dem Kunden heraus, was am besten zu ihm passt. Dabei spielen soziales Umfeld und Arbeitsalltag eine Rolle, ob man Konferenzen und Vorträge besucht, vom Auto/Handy aus telefoniert oder meist alleine zuhause ist.

Experten raten, möglichst früh mit dem Tragen eines Hörgeräts zu beginnen, doch zu spät ist es fast nie; nur dauert dann die Gewöhnungsphase länger und das maximale Sprachverständnis kann schlechter sein. Durch ein Hörsystem wird das Hörzentrum trainiert, es kommen wieder mehr Geräusche an, die es zu erkennen gilt. Beim Akustiker kann man sich unverbindlich testen lassen und Hörgeräte nach einer Probezeit auch wieder zurückgeben. Mehr Infos und ein Onlinetest.

Text:  Charlotte Melde, weitere Beiträge von dieser Autorin finden Sie hier.

Foto Cafeszene: Presefoto FGH-Info.

Foto: Bundesinnung der Hörakustiker/Fotograf:Copyright: biha / Olaf Malzahn