Ralf Spangenberg ist Späteinsteiger. Erst vor 15 Jahren hat er sich sein erstes Bild stechen lassen. Die Initialzündung ergab sich durch seine Tochter, die er zum Tätowierer begleitete und dort ihre Hand hielt. Hinterher fragte er spontan, ob er sich auch eines machen lassen könne. »Dabei war ich lange Zeit der Meinung, Tattoos sind nix«, sagt der 69-Jährige. Doch mit dem ersten Bild hat es auch ihn gepackt, wie so viele. Getreu der alten Tätowierer-Weisheit »Es ist ein Kilometer zu deinem ersten Stich und nur ein kleiner Schritt zu deinem zweiten.«

Heute zieren den Körper des 69-Jährigen neun Tattoos. Zu jedem Motiv hat er eine Geschichte – seine Geschichte. So ist die leicht abstrakte Abwandlung der Siegesgöttin Nike, jene berühmte kopflose Staue, die man einst aus dem Mittelmeer gefischt hat, nach einem Aquarell von seiner Schwiegertochter entstanden. Daneben auf der rechten Wade findet sich ein Gargoyle, einer jener geheimnisvollen mittelalterlichen Wasserspeier und Kirchenwächter.

Von der Harley zum Feuerdrachen

Seinen rechten Unterarm ziert ein Panhead-Motor (»Pfannenkopf«) von Harley-Davidson und erinnert an die Motorradzeit, der linke Arm ist dem Thema Steampunk gewidmet mit allerlei altertümlichen Skalen und Bedienungshebeln. Auf Spangenbergs Brust flattert ein chinesischer Glücks- und Feuerdrache.

Probleme mit der Haut hatte der Nordhesse, der heute in der Nähe von Bamberg lebt, nie. Und das, obwohl er seine Tätowierungen über die Verheilungsphase hinaus nie großartig pflegte. »Bei manchen Menschen verschwimmt das Tattoo unter der Haut, aber ich habe Glück, bei mir sieht das aus, als sei es erst vor kurzem gemacht worden. Aber klar: Ich verändere mich, dann kann sich mein Tattoo auch verändern. So lange aus dem Drachen kein Esel wird, ist das kein Problem.«

Dumme Sprüche sind Fehlanzeige

Probleme hatte der Rentner mit seinem Körperschmuck nie. Dumme Sprüche, schlechte Erfahrungen? Fehlanzeige. Und das, obwohl Ralf Spangenberg früher in der Medizintechnik gearbeitet hat und regelmäßig selbst im Operationssaal stand. »Wenn wir uns umgezogen haben, dann kamen von den Kollegen im Krankenhaus immer nur positive Bemerkungen. Das hängt aber sicher auch damit zusammen, dass ich mir nicht wahllos irgendein ausdrucksloses Motiv habe stechen lassen, sondern immer auf Qualität geachtet habe. Auch, dass ich erst spät eingestiegen bin, war da sicher von Vorteil.«

Text: Stefan Gnad
Fotos: Michael Matejka