Chani ist 19, munter und aufgeweckt, eine unter acht Schwestern, von denen die älteren „Baruch HaSchem“, Gott sei Dank, schon verheiratet sind. Jetzt ist Chani, Tochter eines Rabbiners und seiner übermüdeten, erschöpften Gattin, an der Reihe, eine ehrbare, fromme Ehefrau zu werden. Einige „dates“ – arrangierte Zusammenkünfte mit etwaigen Bewerbern – hat sie schon hinter sich, aber der Richtige war noch nicht dabei. Das macht alle nervös, denn was gibt es Schlimmeres in dieser jüdisch-orthodoxen Gemeinde in London, als als unverheiratete Frau übrig zu bleiben.

Auch Baruch, Sohn aus wohlhabendem Hause, ist noch ledig. Auf einer Feier entdeckt er Chani beim Blick durch ein Guckloch auf die Seite der Frauen, und findet Gefallen an ihrem zart geschwungenen Rücken. Mit Hilfe seines Freundes kommt er auf die Spur der Unbekannten und es gelingt tatsächlich auf gewundenen Wegen ein Treffen. Dreimal sehen sich die jungen Leute, dann kommt es trotz familiärer Hindernisse zum Heiratsantrag und – am Ende des Buches – zur Hochzeit. Was die junge Braut erwartet, bleibt ungewiss. Die parallele Liebesgeschichte zwischen der Studentin Rebecca und dem angehenden Rabbiner Chaim, die knapp dreißig Jahre zuvor in Jerusalem beginnt, erzählt von einer Ehe, die zärtlich beginnt und in den unveränderlichen Riten des orthodoxen Judentums erstarrt. Fasziniert schaut der (nicht jüdische) Leser in diese fremdartige, abgeschottete Welt und vergewissert sich immer wieder aufs Neue, dass die Geschichte im London unserer Tage angesiedelt ist.

Eve Harris, Jahrgang 1973 und Tochter polnisch-israelischer Eltern, beschreibt in ihrem Debüt-Roman „Die Hochzeit der Chani Kaufmann“ kenntnisreich, gewürzt mit freundlicher Ironie und Anteilnahme, sowohl das Geborgensein als auch die Enge in einer Gemeinschaft, in der nichts Privates privat bleiben darf. Ihre Figuren sind authentisch, die Handlung mitreißend und das angehängte Glossar erläutert zuverlässig die vielen verwendeten jüdischen Begriffe.

Brigitte Lemberger

Eva Harris, „Die Hochzeit der Chani Kaufmann“, Diogenes Verlag AG, Zürich 2015, 16.- Euro