Jede Zeit hat ihre Kultgetränke, und manchmal muss man sich sehr wundern, womit wir uns in der Vergangenheit so alles zugeprostet haben. Denn nicht immer gingen wir so klug vor wie die alten Ägypter, die sich bereits 3500 v. Chr. auf die Herstellung von reinem Wein verstanden und ihn zu schätzen wussten. Es waren dann die Römer, die erstmals auf Mix-Getränke setzten und das Tröpfchen süßer haben wollten. Also musste Honig in die Amphore: Sie kredenzten Wein-Met, das sogenannte mulsum, das schnell seinen Ruf als Tafel- und Gesundheitsgetränk weg hatte.

Auch die Wikinger liebten den gepanschten süßen Honigwein und stürzten die Becher. In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts kam noch mehr in den Wein, etwa ein spritziger Sekt und etwas Obst – die Ananas-Bowle war geboren. Und weil wir Kinder davon natürlich nichts bekommen durften, aber auch etwas Schickes zu trinken haben wollten, erlaubte man uns an Festtagen, von Omas selbstgemachtem Eierlikör zu kosten. Den gab es – die reinste Sünde – in einem Schnapsglas, das aus Zartbitter-Schokolade bestand. Wir spitzten die Zungen und tunkten sie in die vanillegelbe dickliche Flüssigkeit, die wie gemalt im dunklen Becher ruhte, wir schlürften und nippten, bis auch das allerletzte Tröpfchen aus der Schokolade verschwunden war.

Erst dann knabberten wir am Schokobecher wie die Hasen und fingen ein wenig zu kichern an, auch wenn mein Onkel eisern behauptete, im Eierlikör sei kein Alkohol mehr vorhanden, die Eier hätten ihn längst ertränkt. . . »Ei, Ei, Ei Verpoorten« sangen wir, nicht mehr ganz so taktsicher wie in der Fernsehwerbung. Dass das feine Gesöff von Oma war und nicht von der Firma Verpoorten, war uns herzlich wurscht. Was genau in die Flasche kam, verriet sie ohnehin nicht. Es muss aber etwas Besonderes dabei gewesen sein. Denn kein Eierlikör der Welt schmeckte so gut wie ihrer. Übrigens: Die Schokobecher sind im Supermarkt wieder zu haben. Und selbstgemachter Eierlikör lockt in jedem gutbestückten Hofladen. Einen Becher in Ehren…

Text: ELKE GRAßER-REITZNER
FOTO: WOLFGANG GILLITZER