Neulich hatte ich in Berlin ein Deja Vue. Ich hörte zunächst die Musik. Eine Geige und ein Akkordeon. Aber ich habe nicht gesehen, woher die Musik kam. Dann erblickte ich die beiden Straßenmusikanten, die um die Häuser zogen wie einst Edith Piaf und andere bekannte und unbekannte Künstler des letzten Jahrhunderts. Die Leute warfen Geld von den Balkonen und eine ältere Frau öffnete im Parterre sogar ihre Tür einen Spalt, um dem Musikanten die Münzen in die Hand zu drücken. Es war das erste Mal seit langem, dass ich eine solche Szene wie in Tempelhof beobachtete.

Als kleines Mädchen begleiteten wir den Leierkastenmann durch unser Viertel. Er hatte einen Affen auf dem Leierkasten sitzen. Wir fanden es eine tolle Abwechslung, wenn er bei uns der Gegend auftauchte. Wenn die Leute Geld auf die Straße warfen, liefen wir Kinder hin, bückten uns und hoben es auf. Dann haben wir es dem Mann, der zum Dank noch eine Runde auf seinem Leierkasten spielte. Meine Mutter hat übrigens die Groschen immer in Papier eingewickelt, damit sie heil unten ankamen und nicht auf dem Pflaster herumkullerten.

Eine sehr gute Freundin schenkte mir ihre Erinnerung an ein ähnliches Erlebnis in ihrer Kindheit, als ich ihr die Begebenheit erzählte. Sie hatte ebenfalls den Straßenmusikanten zugehört und diese ganz genau beobachtet. Als kluges Mädchen folgerte sie, dass sie auch Geld erhalten würde, wenn sie insbrünstig vor Publikum singt. Also hat sie es versucht. Aber leider zeigten sich die Zuhörer völlig unbeeindruckt davon. Es regnete kein Geld. Nicht einmal von der Familie. Die Enttäuschung blieb im Gedächtnis. Und wer weiß, vielleicht ist meiner Freundin somit die Karriere als Straßensängerin erspart geblieben. Sie hat nämlich etwas Anständiges gelernt und ist beruflich höchst erfolgreich geworden.