Neulich habe ich eine Beilage in der Wochenzeitung meines Vertrauens entdeckt. Es ging um 60 Jahre Europäische Gemeinschaft. Darin kamen Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters zu Wort. Sie erzählten, was ihnen die EU bedeutet. Prompt überlegte ich mir, was ich wohl in einem solchen Interview gesagt hätte.

Zunächst gehöre ich einer Generation an, die in dieser Nachkriegsordnung groß geworden ist. Ich musste mir mein Bild von Europa erst formen. Hilfreich waren dazu die Reisen, die ich unternommen habe, als ich langsam flügge wurde. Es ging per Interrail nach Skandinavien und Griechenland, mit dem Auto nach Südfrankreich und mit dem Flugzeug nach Portugal. Das alles war abenteuerlich genug. was ich dort sah und kennenlernte, legte den Grundstein für mein Verständnis von Europa als ein Gebilde mit wirklich sehr vielen Nationen, Mentalitäten, Emotionen und natürlich wirtschaftlichen Ausgangslagen. Daher gefiel mir der Slogan von einem “Europa der Regionen” besonders gut.

Dass es sich zunächst um einen ökonomisch motivierten Zusammenschluss handelte, mag die kühle Distanz erklären, mit der ich bisher das Eurpa Parlament gewählt habe. Für mich war die Aufnahme der Staaten in Osteuropa nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs übereilt. Ich habe dann eigentlich nicht mehr Schritt gehalten mit der raschen Erweiterung bis hin zu Balkanstaaten, die mir sehr weit weg vn unseren Werten erschienen sind. Inzwischen habe ich verstanden, was die Politiker angetrieben hat.

Dem Euro als Gemeinschaftswährung stehe ich skeptisch gegenüber, obwohl ich die Vorteile gerne in Anspruch nehme. Aber mal ehrlich: Ist der Geldumtausch in Polen oder Tschechien, also in Ländern ohne Euro wirklich so nervig? Oder hätte man nicht noch etwas warten können, bevor man beispielsweise Griechenland in die Währungsgemeinschaft aufgenommen hat?
Dann wäre aber der Krimi oder die Tragödie um den Grexit entfallen. Tagelang saß ich gespannt vor dem Fernsehen und habe mir die zahlreichen Diskussionsrunden und Dokumentationen angeschaut. Nun haben die Briten als erste den Austritt erklärt. Ob andere folgen? Ich weiß es nicht. Ich hoffe, es nicht. Denn die Grenzkontrollen aus früheren Zeiten möchte ich wirklich wieder einführen.

Nun gibt es in nahezu jeder deutschen Großstadt Demonstrationen für Europa. Ich bin bisher nicht mitgegangen. Lieber würde ich im Internet eine Kampagne für den Zusammenhalt Europas unterzeichnen. Das ist vielleicht wirkungsvoller, vor allem, wenn es von Bürgern aus vielen Staaten mitgetragen würde. Das wäre dann zwar kein Bürgerfest zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge und damit der Weichenstellung Richtung Europäische Union, aber zumindest ein Bürgermanifest. Das würde ich mir mehr wünschen, als Sonntagsreden, bunte Luftballons und den üblichen Rummel, den solche runden Geburtstage mit sich bringen. Wenn es so etwas schon geben sollte, bitte melden. Danke!