Stadtführerin Renate Sommer erklärt interessierten Teilnehmern bedeutende Gegenstände in der Jakobskirche in Nürnberg. Foto: Michael Müller 66-Plus

Stadtführerin Renate Sommer erklärt interessierten Teilnehmern bedeutende Gegenstände in der Jakobskirche in Nürnberg.
Foto: Michael Müller

Hannelore Fröhlich ist baff. Die 73-Jährige aus Offenhausen nahe Hersbruck gehört zu einer Gruppe von zwölf Frauen und zwei Männern, die sich vor der Jakobskirche im Südwesten der Nürnberger Altstadt eingefunden haben und jetzt staunen. Sie hören einer ungewöhnlichen Stadtführerin zu. »Die weiß einfach alles. Und wie sie das rüberbringt.«  Von Gerda Sommers  Begabung, die plastisch und humorvoll Geschichte und Geschichtchen über das Jakobsviertel den Zuhörern nahebringt, sind alle begeistert.

Gerda Sommer ist Mitglied und Führerin bei den »Persönliche Stadtansichten«, einer zusammen mit dem Nürnberger Seniorenamt angebotenen besonderen Art von Stadtführung. Zwölf Rentnerinnen und Rentner bilden eine Experten-Crew, die Rundgänge ein wenig abseits der bekannten Sehenswürdigkeiten anbietet und oft auch mit eigenem Erleben verbindet. So war zum Beispiel die Rathausführerin selbst viele Jahre im Rathaus beschäftigt, die Dutzendteich-Kennerin trainiert dort regelmäßig mit dem Kanu-Club. Und der 64-jährige Peter Scharrer, gewissermaßen der Sprecher der Initiative, hat in der Nordstadt, wo er Interessierten die Besonderheiten des Viertels erläutert, »eifrig den Kinderwagen meiner Enkelin durch die Straßen geschoben«. Gleichwohl sucht man ständig neue, ehrenamtliche Stadtführer.

Im September gab es ein kleines Jubiläum, seit 15 Jahren gibt es nun diese Führungen, die von persönlichen Eindrücken geprägt sind. Es sind oft Frauen und Männer aus Nürnberg und der näheren Umgebung, die sich für nicht so bekannte Ecken und Historisches aus den Tiefen der Geschichtskiste der Stadt interessieren und zu den Rundgängen kommen.

Gertraud Hufnagel macht eine solche Führung zum ersten Mal mit. »Ich habe auf der Seniorenmesse inviva einen Gutschein dafür bekommen«, sagt die 65-jährige Rentnerin. Und wie es aussieht, war es nicht das letzte Mal, dass sie mitgegangen ist.

»So«, sagt Gerda Sommer, nachdem sie die gotische Jakobskirche und ihre Kunstwerke erklärt hatte, »jetzt gehen wir hinüber in die Elisabethkirche.« Draußen bleibt sie noch einmal stehen und zeigt auf einen kleinen Rundbogen in der Kirchenmauer, ziemlich weit oben. Von dort ging ein überdachter Laufgang hinüber in die seinerzeit einzige katholische Kirche in der protestantischen Reichsstadt Nürnberg. Nach Beschluss des Magistrats sollte damals das Pflaster zwischen evangelischer und katholischer Kirche kein »katholischer« Fuß betreten. Außerdem verbot der Magistrat den Bau eines mit St. Jakob konkurrierenden »katholischen« Kirchturms. Deshalb hat St. Elisabeth eine Kuppel.

Die kleine Sightseeing-Prozession im Jahr 2015 bewegt sich freilich, wie ab dem Jahr 1632, wieder auf bürgerlich-ökumenischen Pflastersteinen hinüber in die klassizistische Elisabethkirche. Hausfrau Gerda Sommer, die ein ausgeprägtes Faible für Kunstgeschichte hat, ist mit ihren 66 Jahren die jüngste im Team der Stadtführer. Zwischendurch bezieht sie ihre Gäste mit ein. »Das kennen Sie bestimmt…?!«

So abwechslungsreich wie die Jakobsviertel-Führung zeigt sich auch das übrige Angebot der »Persönlichen Stadtansichten«. Es sei so breit gefächert »wie es unsere Lebenserfahrungen auch sind«, sagt Gruppensprecher Peter Scharrer, früher Direktor des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Röthenbach/Pegnitz. Da erzählen die Führer die Kulturgeschichten der Grabdenkmäler auf dem Johannisfriedhof, auf einem Spaziergang von der Altstadt zur Wöhrder Wiese erinnern sie an die Hochwasserkatastrophen in der Vergangenheit. Aber auch die neue Zeit kommt nicht zu kurz, etwa beim Rundgang »Als am Aufseßplatz noch der Schocken war…« Für sportliche, an Heimatgeschichte Interessierte steht eine Fahrradtour entlang der Pegnitz auf dem Programm.

Mit ihren 40 Jahren vertritt Tanja Gebhardt bei der Jakobsviertel-Führung die junge Generation. Sie macht fleißig Notizen. Als Mitglied der »Gesellschaft für Familienforschung in Franken« hat sie sich auf die Spuren ihrer Vorfahren gemacht. »Mein Ur-Urgroßvater lebte schließlich im Jakobsviertel.«

 

Günter Dehn

Foto: Michael Müller-Jentsch