Ehrung des Stadtseniorenrats im Nürnberger Rathaus.

Ehrung des Stadtseniorenrats im Nürnberger Rathaus.

Man kann Ursula Wolfring zu Recht als Mutter des Stadtseniorenrats bezeichnen. Denn die engagierte Gewerkschafterin kämpfte gemeinsam mit der damaligen Sozialreferentin Ingrid Mielenz und anderen lange Zeit für die Einrichtung einer Interessenvertretung für die ältere Generation. Als es vor 20 Jahren dann so weit war, kandidierte sie für den Posten der Ersten Vorsitzenden und hatte
diese Position zwei Amtsperioden lang inne. In dieser Zeit prägte sie die Arbeit; allerdings agierte sie weniger fürsorglich und emotional, wie man es einer Mutter zuschreiben würde, sondern sehr sachlich, diplomatisch und weitsichtig.
An die Gründerjahre des Stadtseniorenrats Nürnberg erinnert sich Christine Schlaht sehr gut. Die inzwischen 79-Jährige war von Anfang an dabei. Sie beschreibt Ursula Wolfring als respekteinflößend und gerecht. Und man konnte in allen Dingen mit ihr sprechen«. Das hat Schlaht damals geholfen, denn die frühere VAG-Angestellte wurde über die Gewerkschaft ÖTV (Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr) in den Stadtseniorenrat gewählt und sprang damit »ins kalte Wasser«. Aber schnell hatte Christine Schlaht ihre Aufgabe gefunden, denn das Gremium wurde in verschiedene Arbeitskreise unterteilt. Sie wählte den »AK Gesundheit und Pflege«, dem sie bis heute treu geblieben ist.
Die Mitglieder dieses Arbeitskreises haben – wie die der anderen Arbeitskreise auch – etliche Verbesserungen angestoßen. Dazu zählt unter anderem die Einrichtung der Beschwerdestelle für Angehörige von Heimbewohnern, die Besuche in Heimen, denen eine Kontrollfunktion zukam, etliche Veranstaltungen mit namhaften Referenten aus der Stadtgesellschaft, Forschung und Praxis zu Themen wie Ernährung und Demenz.
Die Liste der Initiativen und Aktivitäten, an denen sich Christine Schlaht in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten beteiligt hat, ist lang. Wichtig ist ihr dabei noch die erfolgreiche Baustein-Aktion der Senioren-Initiative Nürnberg (SIN), die zur Errichtung des Wintergartens an der Geriatrischen Tagesklinik des Nürnberger Klinikums führte und damit eine Keimzelle darstellt, aus der das spätere Theo-Schöller-Zentrum für Altersmedizin entstand.
Weitere große, für die Stadt bedeutende Anstöße für seniorengerechte Angebote kamen aus dem Stadtseniorenrat. Die Messe inviva wäre ohne die Mitwirkung des Gremiums undenkbar gewesen. Zunächst aus dem Deutschen Seniorentag im Jahr 2000 in Nürnberg heraus entstanden, entwickelte sich ein eigenständiges Veranstaltungsformat, das mit viel Service und Information bei den Senioren punktete.
Die Gründung des Magazins sechs+sechzig ist ebenfalls eng mit dem Stadtseniorenrat verzahnt. Einmal durch die Aktiven – schließlich gehört Ursula Wolfring neben der früheren Sozialreferentin Ingrid Mielenz und der früheren Bürgermeisterin Helene Jungkunz zu den Schirmfrauen des Magazins sechs+sechzig. Aber auch Magda Schleip, die sich die kluge Baustein-Kampagne ausgedacht hatte, förderte die Gründung eines eigenständigen Mediums für Senioren durch ihre Mitarbeit stark. Ebenfalls zu den Befürwortern der gewählten Interessenvertretung für Ältere gehörte die damalige Seniorenbeauftragte Ilona Porsch. Sie ist übrigens nach wie vor stark in die konzeptionelle Altenarbeit eingebunden und aktiv im Verein zur Förderung des Dialogs der Generationen e.V, dem Herausgeber des Magazins sechs+sechzig. Dieser hat sich als unabhängiges Sprachrohr für die Generation 50 plus bewährt und ist im Netzwerk ein wichtiger Unterstützer des Stadtseniorenrats. Laute Töne waren nie die Sache des Stadtseniorenrats – egal, wer den Vorsitz führte. Es wurde mehr Wert auf Gespräche in kleinen Gruppen oder unter vier Augen gelegt. Natürlich begleiteten auch größere Kampagnen mit Beteiligung der Mitglieder aus den Verbänden und Organisationen die Arbeit. Meistens wurde die starke Vernetzung in der Stadtgesellschaft aber dafür genutzt, das Ohr ganz nah an den Bedürfnissen der Zielgruppe zu haben. Das gelingt in sehr vielen Fällen: Sei es bei der Verbesserung der Lautsprecheransagen auf U-Bahnhöfen für Menschen mit Hörgeräten oder bei der Durchsetzung einer Busverbindung auf der Nord-Ost-Achse der Stadt.
Insgesamt 69 Delegierte zählt der Stadtseniorenrat aktuell. Ihr Vorsitzender Ingo Gutgesell pflegt einen ruhigen Führungsstil. Dieser kommt bei so alten Hasen wie Christine Schlaht gut an. Und nicht nur dort. Denn Gutgesell möchte, »dass es den Senioren in Nürnberg gut geht und sie sich wohl fühlen«. Unter dieser Prämisse werden auch manch heikle Themen angesprochen, beispielsweise »Gewalt gegen Senioren« oder »Sucht im Alter«. Bei letzterem gehe es darum »aufzuzeigen, welche Problematik dahinter steht«, erklärt er. Angefangen von Schmerzmitteln und Schlaftabletten, die regelmäßig und vielleicht im Übermaß eingenommen werden, bis hin zu Alkohol und harten Drogen: Diese Abhängigkeiten entfernten den alten Menschen immer weiter von einem selbstbestimmten Leben. »Die größte Angst im Alter ist die Sorge, die Wohnung verlassen zu müssen«, formuliert
Gutgesell. Dass das nicht passiert, steht im Mittelpunkt vieler Bestrebungen des Stadtseniorenrats.
Die Liste der Aktionen und Erfolge ließe sich noch lange fortsetzen. Nicht alles wird in der Amtszeit von Ingo Gutgesell umgesetzt werden. Der pensionierte Polizeibeamte wird im Herbst den Stab an einen neuen Vorsitzenden weiterreichen. Denn dann ist es Zeit für turnusgemäße Neuwahlen. Über das etwas komplizierte Prozedere der Nominierung von Delegierten aus den Vereinen und Organisationen führt der Weg dann ins Seniorenparlament, das übrigens von allen im Stadtrat vertretenen Parteien anerkannt und geschätzt wird. Es werden dafür immer aktive Ältere gebraucht. Auch wer kein Mitglied in einer Organisation ist, kann über die Senioren-Initiative Nürnberg kandidieren.
Diese wurde übrigens auch von Ursula Wolfring mitbegründet mit dem klaren Ziel, den älteren Menschen mehr Einfluss auf die Stadtpolitik zu ermöglichen. Ihrem frühzeitigen Bewusstsein dafür, wie der demografische Wandel die Gesellschaft verändern wird, ist es geschuldet, dass sie dieses Ziel so hartnäckig verfolgte. Dafür gebührt ihr großer Dank. Den drückt Nürnberg unter anderem damit aus, dass bald eine Straße nach ihr benannt werden soll.
Petra Nossek-Bock
Fotos: Bogdan Itskovskiy