Die Ursprünge der »Flickwerkkunst« werden im Orient vermutet. Anita Leutwiler versteht sich auf dieses Handwerk par excellence.

Die Ursprünge der »Flickwerkkunst« werden im Orient vermutet. Anita Leutwiler versteht sich auf dieses Handwerk par excellence. Foto: Michael Matejka

Es war Liebe auf den ersten Stich. Schon als Kind, erzählt Anita Leutwiler, fand sie es nicht sonderlich spannend, ihre Puppen zu kämmen und ins Bettchen zu legen – sie nähte ihnen viel lieber ein Kleid nach dem anderen. Ob Prêt-à-porter oder Haute Couture lässt sich heute nicht mehr ermitteln, aber es dürfte eine stattliche Garderobe zusammengekommen sein. Im Handarbeitsunterricht der Schule konnte sie die Freude am Nähen, Sticken und an der Vielfalt von Stoffen schon ein Stück weit professionalisieren, später ist aus dem Hobby so etwas wie Berufung geworden. Die heute 74-Jährige ist eine international anerkannte Textilkünstlerin.
Wie groß diese Vielfalt tatsächlich ist, lässt sich in Anita Leutwilers Atelier entdecken: Den Hauptteil des geräumigen Dachstuhls in ihrem Haus in Herzogenaurach nehmen Weidenkörbe und Plastikboxen ein, randvoll befüllt mit farblich sortierten Stoffstücken – uni oder gemustert, gestreift oder kariert, matt oder glänzend, aus Baumwolle, Seide, Wolle, Filz, Kunstfaser und anderen Materialien. Wow, denkt man und staunt. Doch das ist nur der Anfang. Als nächstes zieht Anita Leutwiler, die die immer größer werdenden Augen des Gastes mit einem hellen Lachen quittiert, die Schubladen hölzerner Kommoden auf, aus denen ein Farbenmeer quillt, dessen Wellen einem in Gestalt zahlloser Garnrollen entgegenrollen. Daneben stapeln sich Schachteln mit beeindruckenden Knopfbeständen, zwei Nähmaschinen warten auf Beschäftigung, ein Computer signalisiert, dass diese Schatztruhe unterm Dach keineswegs von gestern ist. Oben in einem Regal liegen Kunstbände und Kataloge griffbereit. Kurz bevor den Gast der Drehschwindel packt, finden seine Augen Halt an einem Patchworkbild an der Wand. In seinen beruhigenden Blautönen bündelt sich alles, was man gesehen hat, zu der Magie eines textilen Mosaiks. Willkommen in der Welt von Anita Leutwiler!
Was einmal ihr Hobby war, hat längst existenzielle Bedeutung angenommen: “Ich kann gar nicht mehr ohne leben”, gesteht die Patchworkerin aus Leidenschaft. Wie schön, dass ihre Arbeit seit einiger Zeit auch von Erfolg gekrönt wird. Von einem Krönchen, würde die 74-Jährige vermutlich relativieren; sie ist Schweizerin und scheut große Töne. Aber natürlich freut sie sich über die Resonanz, die stark zugenommen hat in den vergangenen Jahren. Immer öfter verlassen ihre Textilbilder nun den heimischen Dachboden und ziehen in die Welt hinaus. 2001 erschien in einem indischen Verlag das zauberhafte kleine Buch “Excuse me, is this India?”. Der Text ist englischsprachig, aber die Geschichte der blauen Maus, die nach Indien reist, erschließt sich problemlos über die textilen Illustrationen Leutwilers – und bezieht aus ihnen auch ihren besonderen Reiz. Das Bändchen wurde bereits in vierter Auflage gedruckt.
Die Bilder mit der Maus sind fröhlich – die Welt ist traurig genug. Foto: Michael Matejka

Die Bilder mit der Maus sind fröhlich – die Welt ist traurig genug. Foto: Michael Matejka

Das zweite Kinderbuch – wie jedes gute Kinderbuch auch für Erwachsene – erschien im Jahr 2013 in einem deutschen Verlag mit dem schönen Namen JaJa. Es ist zweisprachig, deutsch/englisch, und verkauft sich prächtig. Unter dem Titel “Entschuldige, wer wohnt denn hier?” schickt es die blaue Maus nun durch die ganze Welt, von den Bergen bis zum Meer, in den Wald und in die Großstadt, von einem Zirkuswagen bis in ein Schloss. Und schließlich zurück ins kleine Mausloch, wo es auch schön kuschelig sein kann. Vor allem, wenn sich darin mittlerweile ein attraktiver gelber Mäuserich einquartiert hat, der sogar das Geschirr spült.
“Patchwork”: das heißt wörtlich übersetzt Flickwerk, weil man dabei kleine, bunte Stoffteile aneinandernäht. Die Ursprünge werden im Orient vermutet, und ein Hauch von 1001 Nacht zieht auch durch manche Bilder der Schweizerin – auch wenn sie, anders als Scheherazade beim Märchenerzählen, gottlob nicht um ihr Leben sticken muss.
Über den Umweg Europa kam die Stick-Technik schließlich nach Amerika, das man bis heute am meisten mit dem textilen Wirken verbindet. Am Anfang, lange vor Erfindung der Nähmaschine, wurden dort in mühevoller Handarbeit vor allem Quilts, wärmende Steppdecken für den Alltagsgebrauch, hergestellt. Sie dürften den Einwanderern im rauen Wind der Fremde auch ein Stück Heimatgefühl geschenkt haben und sind heute fast ein Mythos in Amerika. Längst sind die reizvollen Stoffmosaike, industriell hergestellt, auch hierzulande allgegenwärtig, auf Kissen, Sesseln oder sogar Schuhen.
Für Anita Leutwiler aber spielte tatsächlich Amerika die entscheidende Rolle bei ihrer Entwicklung im textilen Schaffen. 1969 bis 1974, als die Familie Leutwiler in den USA lebte, wurden die Kurse, die sie bei der Textilkünstlerin Arline Morrison belegte, zum Auslöser für ihr eigenes Gestalten: “Textil gearbeitet hatte ich ja schon lange, aber jetzt erst lernte ich das freie Sticken, eine Arbeitsweise, bei der ich mehr und mehr eigene Ideen in meine Arbeit fließen lassen konnte.” Tradition und künstlerische Freiheit verbinden sich seither zu ihrem neuen, individuellen Stil.
 
Inspiration von Hundertwasser
Themen schöpft Anita Leutwiler aus dem Leben, auch dem eigenen: “Jeder Quilt hat Bezug zu meinem Leben”, sagt sie – auch wenn das für Außenstehende niemals sichtbar werde, wie sie betont. In der Anfangszeit waren es die Zeichnungen ihrer beiden Kinder, die sie als Vorlagen nahm. Mittlerweile wird die ausgebildete Kindergärtnerin, die in Lausanne geboren wurde, auch inspiriert von Künstlern wie Hundertwasser oder Paul Klee oder der Literatur, besonders Fabeln: Tiere sind in ihren Quilts allgegenwärtig, denn “mit ihnen lässt sich eben auch viel über Menschen erzählen”.
Seit ihr Mann als Professor für Mathematik an die Uni Erlangen kam, lebt die Familie Leutwiler in Franken. 40 Jahre sind es schon. Aber wie viele Menschen, die aus der zwar schönen, aber recht engen Schweiz stammen, reisen die Leutwilers viel: So haben Stoffe aus Ländern wie Indien, Tunesien und Afghanistan den Weg auf den Dachboden in Herzogenaurach gefunden. Das Unterwegssein liefert aber auch die unsichtbaren Stoffe, aus denen Anita Leutwiler die Geschichten in ihren textilen Bildern spinnt. Der Klangvielfalt der Welt lauscht sie dabei Töne ab, die sie mit viel Gespür für Poesie in Farben und Formen umsetzt.
In den vergangenen Jahrzehnten hat Anita Leutwiler zahlreiche Kurse besucht, hat selbst welche gegeben und ihre Kunstfertigkeit stetig verbessert. Wichtiger noch als das handwerkliche Geschick war aber das zunehmende Vertrauen in die eigene Phantasie. Die Loslösung von der reinen Handarbeit zur Freiheit der Gestaltung. Es dürfte letztlich dieser Schritt weg von der reinen Patchwork­tradition hin zur spielerischen Kreativität sein, der zur Aufmerksamkeit geführt hat, die sie jetzt erfährt. “Sie ist ja regelrecht explodiert”, sagt sie mit einem ungläubigen Unterton, als wäre ihr das alles selbst noch nicht recht geheuer.
 
Glasperlen und Stoffluftballons
Aktuelles Beispiel ist die Einzelausstellung im unterfränkischen Königsberg zwischen Bamberg und Schweinfurt. Rund 30 Originale von ihr hängen an den Wänden einer ehemaligen Brauerei, die zu einem Fachwerkidyll mit Café, kleinen Ateliers und einer Galerie umgebaut wurde. Die Fahrt lohnt sich, denn weit besser als in den Büchern lässt sich hier nachvollziehen, mit welcher Hingabe die Künstlerin näht, stickt und verziert. Hier ein paar aufgenähte Glasperlen, da ein Netz, das sich filigran über Stoff spannt; auf einem Bild kringeln sich die Schnüre von Stoffluftballons als lose Fäden aus der Bildfläche. Man kann viel Zeit vor den Werken verbringen, immer wieder neue Feinheiten entdecken und über den kreativen Reichtum staunen.
Die blaue Maus ist fast immer dabei, auf dem Bild »Glücksbringer« trägt sie auch mal Röckchen und Flügel, zum “Karneval der Tiere” kommt sie flott verkleidet in Orange, auf der “Waldbühne” sagen sich nicht nur Fuchs und Hase gute Nacht. Es sind fröhliche Bilder, “die Welt ist traurig genug”, sagt die 74-Jährige.
Etwa 30 bis 40 Stunden sitzt sie an einem kleinformatigen Werk, bei den großen sind es schon mal einige Monate – auch, “weil mein Rücken mehr als drei oder vier Stunden am Tag nicht mehr mitmacht”, sagt sie. Keine Klagen hingegen über ihre Augen, die das Nähen von Hand offenbar noch ebenso gut wegstecken wie mit der Maschine.
Apropos Alter: Vergangenen Juli organisierte der JaJa-Verlag, der in erster Linie junge, trendige Comic-Künstler verlegt, eine Ausstellung mit seinen Autoren in den Berliner Hacke‘schen Höfen, wo die etablierte Hauptstadtszene zuhause ist. “Dort war ich die Oma”, sagt Anita Leutwiler und lacht schallend. “Ich erzähle Geschichten mit Nadel und Faden”, stellt sie entspannt fest und fügt hinzu: “Ich mache einfach das, was ich kann.” Diese Gelassenheit mag ein Privileg des Alters sein. Oder die Folge der Erfahrung, dass jetzt immer mehr Menschen, zu dem, was sie kann, jaja sagen.
 
Tamara Dotterweich