»Ich kann doch gar noch nicht aufhören. Ich bin Berufsmusikerin und muss folglich wie jede andere Beschäftigte bis zu meiner Rente mit 65 arbeiten«, sagt Fee Kuhn spontan auf die Frage, ob sie es ihren männlichen Rock-Kollegen wie Mick Jagger, Joe Cocker oder Bruce Springsteen nachmachen will und vorhat, auch mit 70 vor Publikum aufzutreten. Natürlich, schränkt sie ein, seien Frauen, die in ihrem Alter noch aktiv im Musikgeschäft mitmischen, eher die Ausnahme.
Im Moment fällt ihr da nur Tina Turner ein, aber die spiele in einer anderen Liga, sagt sie. Ansonsten gibt es für Fee nur männliche Vorbilder. Die Beatles, die Stones, die Kinks oder Cream: Sie waren im Jahr 1970 – da war sie gerade mal 16 Jahre alt – der Grund für ihren Entschluss, eigene Bands zu gründen. »Yggdrasil«, »Mac Ten«, »Springwind«, so lauteten die klangvollen Namen dazu.
»Springwind« sei eine richtige »Ami-Band« gewesen, erzählt sie. »Wir spielten deutschlandweit in amerikanischen Clubs, alles aus den amerikanischen Charts. Witzigerweise hatten wir keinen Band-Bus, sondern fuhren mit unseren VW-Käfern, was bei den GIs zu besonderem Vergnügen führte«, erinnert sie sich.
Der Kontrast dazu war das »Günter Storch Sextett«, mit dem Fee Kuhn bis 1984 auf Galas in ganz Süddeutschland auftrat, Sil-vesterbälle in der Nürnberger Meistersingerhalle und dem Deutschen Hof bestritt. Das seien schon tolle Auftritte gewesen, meint sie nicht ohne Stolz.
Aber die junge Fee blieb trotz des frühen Erfolgs bodenständig, machte an der Nürnberger Wilhelm-Löhe-Schule Abitur, stu-dierte und wurde Lehrerin für Geschichte und Deutsch an der Fachoberschule in Cham.
Die Rockmusik ließ sie jedoch nicht los, Walti Schneider, Keili Keilhofer und ihr jüngst verstorbener Mann Mike Kuhn waren die Partner in den unterschiedlichsten Formationen. Mit der CD »Local Radio« ihrer 1988 gegründeten Gruppe »La Roque« schaffte sie sogar den Sprung bis nach Fernost, die CD kam in Taiwan in die Charts. Viele kennen sie auch aus den (Fernseh-) Auftritten des Musikkabaretts »Die 5 Sextolen« oder den Touren mit »George und den Lucky Riders«. Da war die Berufung dann schon zum Beruf geworden, ihre Auftritte mit dem Programm »Pearl – a Tribute to Janis Joplin« wurden zumindest in der Region legendär. Und das sicher auch, weil sie sich mit dem kurzen Leben dieser Ausnahmesängerin intensiv beschäftigt hat. »Ich habe nicht nur sämtliche Platten gehört, sondern auch alles gelesen, was ich über Janis bekommen konnte, habe mit ihren damaligen Musikern Kontakt aufgenommen und versucht, ihr Wesen, ihre Ängste, authentisch zu interpretieren.«
Portrait auf der Wade
Besonders gefreut hat sich Fee Kuhn, als nach einem Konzert ein junges Mädchen samt Eltern auf sie zukam und ihr stolz ein Joplin-Portrait zeigte, das sich der Teenager auf die Wade hatte tätowieren lassen. Das habe ihr gezeigt, dass es auch in der heutigen Generation noch Fans gibt, die nicht nur auf elektronische Musik stehen, sondern noch etwas mit authentischem Rock, Blues und Folk anfangen können. Natürlich gibt es nicht mehr so viele Anhänger der alten »Flower-Power-Zeiten«, doch gute Musik, da ist sich Fee Kuhn sicher, hat immer noch ihr Publikum.
Ob sie die Entscheidung, die Musik zum Beruf zu machen, je bereut hat?
»Musik zu machen war für mich in den 70ern einfach die totale Befreiung aus der Spießigkeit des Alltags. Wir rebellierten ja gegen alles und jeden, wobei für uns Hippies weniger die politischen Fragen der 68er Generation im Mittelpunkt standen, sondern unsere Haltung war mehr von einem Protest gegen die gesamte Gesellschaft geprägt«, erwidert Kuhn. Aus dieser Bewegung seien viele Entwicklungen hervorgegangen, die bis heute unsere Gesellschaft prägen. »Ich denke da an die Grünen oder den Umwelt- und Naturschutz. Und wir haben uns damals auch fremde Kulturen erschlossen. Weltmusik, Yoga, Indien, das waren Erfahrungen, die ich nicht missen möchte«, sagt Fee leicht melancholisch, setzt aber zuversichtlich hinzu: »Noch bin ich kein Kulturpessimist.« Das Umfeld für Musik und Gesellschaftskritik sei allerdings immer schwieriger geworden.
So habe es früher viel mehr Auftrittsmöglichkeiten gegeben, vor allem in den Großstädten. »Gerade die Kulturläden und kleineren Spielstätten waren ideal für uns. Da hat auch noch das Honorar gestimmt.« Heute passiere es immer öfter, dass man zu Auftritten den eigenen Techniker mitbringen und auch bezahlen müsse, oft selber an der Eingangskasse sitze und dann mit zwanzig Euro nach Hause geht. Und trotzdem. »Solange mich die Leute noch hören wollen, werde ich auch auftreten«, sagt die sympathische Sängerin mit den blonden langen Haaren trotzig.
Dass sie ihren Lebensunterhalt mit zusätzlichen Jobs verdienen muss, stört sie dabei nicht. »Ich habe eine Ausbildung als Yoga-Lehrerin und Therapeutin gemacht, schreibe Musikkritiken, male und gebe Bauchtanzunterricht.« Außerdem habe sie auch in der »Sturm- und Drangzeit« das Geld nicht mit vollen Händen ausgegeben.
Zwar gönnten ihr Mann und sie sich Rucksackreisen durch Asien, waren in Indien, Kambodscha, Vietnam und Thailand, aber auch da waren sie mit ihren Ausgaben sehr zurückhaltend, und so kann Fee jetzt zum Teil von ihren Ersparnissen und Tantiemen leben und sich kleine Fluchten suchen.
Das sind zum Beispiel Opern-Besuche (»Ich liebe die Musik von Wagner und Verdi«) oder auch Ausflüge mit dem Motorrad in die Natur. Dafür hatte sie mit fast fünfzig Jahren noch den Motorradführerschein gemacht und sich eine kleine Maschine zugelegt. Zusammen mit zwei guten Freunden genießt sie nun ihr eigenes »Easy-Rider-Gefühl« und stellt immer wieder fest, »wie groß doch Gottes Schöpfung ist und wie sehr man sich darin aufgehoben fühlen kann«. Und so hat sie auch die langen Jahre der schweren Erkrankung ihres Mannes und den Tod des begnadeten Musikers und Mentors Mike Kuhn tapfer ertragen können. »Musik und die Natur geben mir Kraft. Und das bis heute«, lautet ihr Resümee.
»Und hoffentlich geht’s weiter«, meint Fee Kuhn. Zum Beispiel mit der neuen Band »Roots T«, einer Caribbean Crossover Formation, bei der sie im vergangenen Jahr als Sängerin eingestiegen ist. »Und vielleicht mache ich ja auch wieder etwas Eigenes.« Selbst getextete und komponierte Chansons zum Beispiel. Oder doch wieder Janis Joplin?
Karin Jungkunz
Fotos: Michael Matejka
Eine Antwort
Tolle Frau, die Fee
Als ich soeben die Dokumentation auf Bayern 3 sah, habe ich sofort den Namen von Fee gegoogelt, vor allem, weil mich ihr Geburtsdatum interessierte. Ich bin zwar bis jetzt noch nicht fündig geworden, aber ich vermute, dass sie Ende Januar geboren ist.
Das ist ja auch nicht so wichtig wie ihre Vita und ihre offensichtlich große Liebe zur Musik und ihr künstlerisches Talent gepaart mit unglaublichem Durchhaltewillen, dabei hätte sie es so einfach haben können, wenn sie den Schuldienst der Musik zuliebe damals nicht quittiert hätte. Aber das Motto „ganz oder gar nicht“ lässt halt keine Kompromisse zu, was ich sehr bewundernswert finde, genauso wie ich mir eigentlich seit meinem 18. Lebensjahr gewünscht habe, den Motorradführerschein zu machen und es nur deshalb nicht gemacht habe, weil ich zu der Zeit auswandern wollte.
Anyway, Fee hat meine ganze Bewunderung – weiter so!