Früher war alles besser? Das gilt für den Sektor der medizinischen Versorgung wohl kaum. Die Fortschritte sind dort oft innerhalb kurzer Zeit sehr groß. Das wird meistens erst in der Rückschau deutlich. Das Magazin sechs+sechzig wird regelmäßig aufzeigen, was sich für den Patienten, aber auch für die Ärzte und Pflegekräfte verändert und in den meisten Fällen verbessert hat. Schließlich profitieren ältere Menschen von modernen Behandlungsmethoden. In dieser Ausgabe befassen wir uns mit künstlichen Hüft- und Kniegelenken.
Wohl keine Rentner-Generation zuvor hat so viel Wert auf Mobilität gelegt, wie die aktuelle. Sie verbindet mit der Automobilisierung der Gesellschaft ihre besten Jahre und möchte selbst in Bewegung bleiben.
Dieser Wunsch nach Mobilität ist für Andreas Mauerer, den neuen Chefarzt für Unfallchirurgie und Orthopädie am St. Theresienkrankenhaus in Nürnberg, mindestens genauso wichtig wie die Wahl des Materials und der Operationsmethode für künstliche Gelenke. Denn der Einbau von neuen Hüft-, Knie- und Schultergelenken gehört zu den zentralen Tätigkeitsfeldern des 38-jährigen Mediziners. Dabei handelt es sich um ein ständig wachsendes Aufgabengebiet. Deutschlandweit werden jährlich mehr als 200.000 Hüft- und über 160.000 Kniegelenke implantiert.
Die Anfänge des Gelenkersatzes gehen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Hierbei gilt Themistokles Gluck (1843-1941) als einer der Pioniere auf diesem Gebiet. Kaum mehr vorstellbar, wurde damals unter anderem Elfenbein als Material für künstliche Gelenke verwendet. »Heute bestehen die meisten modernen Implantate aus Kobalt-Chrom-Legierungen (»Chirurgenstahl«) oder aus speziellen Titanlegierungen«, erläutert Mauerer. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Betätigungen beschäftigt sich der Experte besonders mit dem Einsatz neuer Materialien in der Endoprothetik wie der Untersuchung alternativer Materialien und antibakteriellen Beschichtungen.
Obwohl es sicherlich die Idealprothese noch nicht gibt, so kann der Operateur doch schon auf ein großes Repertoire an Möglichkeiten zurückgreifen, um dem jeweiligen Anspruch der Patienten gerechter zu werden.
So wird auch der Einsatz von Knochenzement (was grundsätzlich weder als positiv oder negativ gewertet werden kann) insgesamt individueller gehandhabt als früher. Die Implantation von zementfreien Komponenten vor allem in der Hüft-Endoprothetik auch bei über 65-jährigen ist heutzutage keine Seltenheit.
Chefarzt Mauerer hat bei dem frisch operierten Michael Stipler, einem gebürtigen Nürnberger, den Meniskusschaden beseitigt. Obwohl das Kniegelenk bereits durch Anzeichen von Arthrose geschädigt ist, wie auf den Röntgenbildern zu sehen, vertraute der Mediziner darauf, dass sein Patient noch eine Weile ohne künstliches Gelenk zurecht- kommen wird.
»Ich behandle Menschen und keine Bilder«, stellt Mauerer klar und verdeutlicht, dass er jeden Eingriff sorgfältig abwägt. Sein 63-Jähriger Patient Stipler ist sehr aktiv und will so schnell wie möglich wieder auf die Beine kommen. Wer etwas länger braucht, bis er wieder richtig laufen kann, hat die Möglichkeit, in der geriatrischen Reha-Abteilung des St. Theresienkrankenhauses entsprechend zu trainieren.
Übrigens gehört die Vorstellung, dass Gelenke durch hohe Beanspruchung schnell verschleißen, teilweise ins Museum. Denn manche Beschwerden wie eine Hüftdysplasie sind erblich bedingt. In Franken tritt diese Krankheit laut diverser Studien gehäuft auf, berichtet Mauerer. Woran das im Einzelnen liegt, kann er nicht sagen. Doch seitdem Säuglinge in ein dichtes Netz von Vorsorgeuntersuchungen eingebunden sind, werden bei einer Hüftsonographie frühzeitig solch unreif ausgebildete Hüftgelenke erkannt und beispielsweise mit einer Spreizhose in den ersten Lebensmonaten erfolgreich behandelt. Deswegen könne man hoffen, so der Chefarzt, dass in Zukunft der Einbau von künstlichen Hüftgelenken zumindest in dieser Patientengruppe abnehmen wird.
Allerdings hat Mauerer keineswegs Angst, arbeitslos zu werden, denn verschiedene andere Krankheitsbilder, wie die Entstehung der primären Arthrose, sind bis heute weder hundertprozentig erforscht noch kennt man Vorbeugemaßnahmen, die die Arthrose definitiv verhindern könnte. Gelenkschäden, die durch solche Prozesse ausgelöst werden oder durch Unfall bedingte Verletzungen, werden also auch weiterhin auftreten.
Petra Nossek-Bock