Erika Heusinger bringt Waren von zu Hause mit, die im Höfener Gebrauchtwarenhof verkauft werden.

Erika Heusinger bringt Waren von zu Hause mit, die im Höfener Gebrauchtwarenhof verkauft werden.

Frau Grassme ist eine zierliche Person. Der Stapel Bücher, den sie vor sich herträgt, fordert ihre ganze Kraft. »Ich habe die Bücher für meine gehbehinderte Freundin gekauft«, sagt die 72-Jährige. Inge Grassme ist Stammkundin in diesem Kaufhaus der besonderen Art. Es steht im Industriegebiet im Westen Nürnbergs, in der Burgbernheimer Straße 12 im Stadtteil Höfen. Denn wie Frau Grassme machen es hier viele Kunden. Sie sind gleichzeitig Kunden und Lieferanten: »Wenn meine Freundin die Bücher gelesen hat, spende ich sie wieder.« Bezahlt hat sie für ein Buch 50 Cent.
Gerade für Rentnerinnen und Rentner, die in eine kleinere Wohnung ziehen, ist der Gebrauchtwarenhof ein wahrer Segen. Hier können sie Möbel abgeben. Ein Anruf genügt, und schon kommt ein Mitarbeiter, prüft die Kommode oder den Schrank auf seinen Verkaufswert. Tage später fährt der Kleinlaster vor und holt die Sachen ab. Selbst gut erhaltene Küchen werden fachmännisch von den Service-Mitarbeitern abgebaut. Und sie finden meist rasch Abnehmer.
»Zwischen 200 und 300 Kunden stöbern täglich im Gebrauchtwarenhof«, berichtet Leonhard Schneider. Der 50-Jährige ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Unternehmens mit insgesamt sechs Höfen in Nürnberg, Fürth, Heilsbronn im Kreis Ansbach und Veitsbronn im Landkreis Fürth, wo die Geschäftsleitung ihren Sitz hat. Und Sozialpädagogin Franziska Rothe ergänzt: »Einhundert Anrufe sind es bestimmt jeden Tag.« Meistens soll etwas abgeholt werden.
In dieses glitzer- und glamourfreie »Kaufhaus des Westens« kann jeder kommen.  Studenten, wenn sie finanziell nicht gerade auf dicke Aktienpakete oder Sparbücher gebettet sind, werden oft auf der rund 1000 Quadratmeter großen, liebevoll und übersichtlich sortierten Verkaufsfläche fündig und erstehen hier ihre Ersteinrichtung. Und wenn es nur ein preisgünstiges Bücherregal ist, das sie in dem einstigen Lager für Mineralwasser aufstöbern. Wer weiß, vielleicht wird irgendwann der Herr Studiosus das Regal wieder als Spende zurückgeben, wenn die Geldbörse etwas gefüllter ist.
Die Philosophie des dem Diakonischen Werk Bayern angeschlossenen Unternehmens ist durchdacht und funktioniert.
Zum einen will man das Müllaufkommen reduzieren, indem man gut erhaltene Waren entweder abholt oder entgegennimmt. »Man glaubt ja gar nicht, was alles auf dem Sperrmüll landet«, weiß Schneider. Zum andere schafft man Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose, indem man die Arbeitsförderungmaßnahmen der Bundesagentur in Anspruch nimmt. Allein in Höfen im Nürnberger Westen sind neben 14 Festangestellten 68 sogenannte Maßnahmeteilnehmer eingesetzt. Sie stehen alle in einem sozialversicherungspflichtigen, allerdings befristeten Arbeitsverhältnis. Neben ihrer Arbeit im Kaufhaus oder beim Fahrdienst werden sie in parallel laufenden Schulungen wieder fit gemacht für den ersten Arbeitsmarkt. Ein 49-Jähriger erzählt: »Es läuft gut bei mir.« Und nach einer Weile des Nachdenkens fügt er hinzu: »Man soll die Hoffnung nie aufgeben.« Vielleicht wird es ja doch bald wieder was mit einer festen Anstellung. Er ist im Servicebereich eingesetzt, und die Sozialpädagogin Franziska Rothe, zuständig für das »Arbeitsmarkt-Training«, stellt ihm nur das beste Zeugnis aus. »Er ist wirklich ein guter Kundenberater.«
Erika Heußinger ist nicht zum ersten Mal hier, sie kennt sich aus. Sie weiß, wo sie suchen muss. Und schon hat sie das ersehnte Stück: eine kleine Pfanne. Heußinger will sie verschenken, dazu ein selbstverfasstes Gedicht und ein paar Euro hineinlegen. »Ich bringe immer auch etwas her und nehme aber auch oft was mit«, versichert sie. Wenn es beispielsweise in ihrem Kleiderschrank zu eng zugeht, mistet sie aus. »Es soll sich nicht zu viel ansammeln«, meint die muntere 70-Jährige.
Eines will man in der Burgbernheimer Straße auf gar keinen Fall, ein »Kaufhaus für Arme sein«, stellt die 27-jährige Sozialpädagogin Rothe klar. Deshalb gibt es auch keine »Bezugsscheine« für Minderbegüterte. »Jeder kann bei uns einkaufen.«
Ulrich Schulze arbeitet derweil konzentriert am Computer. Für den 62-Jährigen ist es schwer, auf dem Arbeitsmarkt eine Stelle zu bekommen. Er ist schon das zweite Jahr hier. Unzufrieden ist er nicht. Wenn er seine 20 Jahre jüngeren Kollegen sieht, die ebenfalls keine Beschäftigung finden, dann weiß er: Für ihn ist der Zug wohl abgefahren. Deshalb kann er seiner Arbeit im Gebrauchtwarenhof nur Positives abgewinnen: »Man kommt unter Leute, hat was zu tun. Viele Kunden sind dankbar, dass sie ihr Budget schonen können.« Und es macht ihn geradezu glücklich, wenn eine alleinerziehende Mutter »eine hübsche Vase ersteht, die 50 Jahre in der Vitrine einer Oma stand«.
Günter Dehn
Fotos: Michael Matejka