An der Mainschleife kann man gut wandern und genießen. Die Bahn bringt einen sicher von einer Station zur nächsten. Foto: Mile Cindric

Der Franke gilt als Skeptiker – auch was die Technik angeht. Hat er aber einmal Gefallen daran gefunden, werden seine Entwicklungen und Konstruktionen weithin gerühmt. Zum Beispiel die Eisenbahn: 1835 zwischen Nürnberg und Fürth das erste Mal unterwegs, verband sie nur wenige Jahrzehnte später viele kleine und kleinste Orte Frankens miteinander.
So auch die Dörfer in der Mainschleife zwischen Seligenstadt bei Würzburg und Volkach. Das Magazin sechs+sechzig empfiehlt im Herbst einen Ausflug mit einer der letzten erhaltenen bayerisch-königlichen Nebenbahnen – der Mainschleifen-Bahn – samt einer kleinen Schiffsreise und Kostproben der kulinarischen Genüsse dieser Region.
Am 14. Februar 1909 muss es den Menschen in der Mainschleife kurz vor Würzburg so vorgekommen sein, als sei das Tor, oder zumindest das Türchen zur Welt aufgestoßen worden. Nach einer zweijährigen Bauzeit, für die auch italienische Arbeiter, die Erfahrung mit dem Bau solch steiler Strecken hatten, angeworben wurden, fuhr an diesem Tag erstmals die Mainschleifen-Bahn. Zwischen Volkach am Main und Seligenstadt bei Würzburg eröffnete sie auf ihrer insgesamt zehn Kilometer langen Strecke mit damals sechs Haltestellen den Menschen in den Dörfern die Möglichkeit, relativ rasch und sicher in die großen fränkischen Städte und weiter zu gelangen. Denn bei Seligenstadt war die Mainschleifen-Bahn an die bereits 1854 fertig gestellte Ludwigs-Westbahn von Bamberg über Würzburg bis nach Hanau in Hessen angeschlossen.
Die Rhön ist zu sehen
In Seligenstadt bei Würzburg beginnt auch für diejenigen, die per Bahn aus Würzburg oder aus Schweinfurt kommen, die Tour mit der heutigen Mainschleifen-Bahn. Wer mit dem Auto fährt, kann den Zug in umgekehrter Richtung von Volkach aus benutzen oder bereits in Seligenstadt parken.
In Seligenstadt angekommen, müssen die Bahnreisenden umsteigen, da die einstige Verbindung zur Fernverkehrsstrecke heute gekappt ist. Vom Bahnhof führt ein kurzer asphaltierter Fußweg von der Hauptstrecke zur Trasse der Mainschleifen-Bahn. Der 12,70 Meter lange, dunkelrote Schienenbus mit 56 Sitzplätzen wurde 1960 in Uerdingen gebaut und war bis zum Jahr 2000 im regulären Einsatz der DB im schwäbischen Tübingen. Den (motorlosen) Steuerwagen hatte im gleichen Jahr MAN in Nürnberg gefertigt. Bis zum Jahr 2003 war er im Besitz einer Eisenbahngesellschaft in Prora auf Rügen. Insgesamt kann der Zug etwa 100 Personen befördern und dank seiner 150 PS auch gut 90 km/h schaffen. Die reizt der Fahrer aber nicht aus, denn die Mainschleifenbahn rollt bewusst gemütlich durch die Landschaft.
Von Seligenstadt aus fährt der Zug durch Wiesen und Getreidefelder nach Prosselsheim. Dazwischen passiert er den höchsten Punkt der Strecke mit 290 Meter über Normal-Null. An klaren Tagen reicht die Sicht im Norden bis zum Kreuzberg in der Rhön. Ein Blick auf den Steigerwald im Westen und die berühmten fränkischen Weinberge, den Schwanberg und den Bullenheimer Berg, sollte aber auch bei weniger klarer Sicht drin sein.
Bis zur nächsten Station Eisenheim fährt der Schienenbus auf einer Hochebene. Bevor das Bähnchen beim Haltepunkt Escherndorf in die Mainschleife einbiegt, geht es bereits langsam bergab, parallel zur Staatsstraße 2260, vorbei am Kloster Vogelsburg.
Das ehemalige Karmeliterkloster wurde 1282 gegründet und war eine Außenstelle des Würzburger Karmeliterklosters St. Barbara. Im Zuge der Säkularisation 1803 wurde das Kloster aufgelöst. Heute ist nur noch wenig von der ursprünglichen Anlage erhalten. Im Erdgeschoss befindet sich ein Ausflugslokal, von dem aus man die Mainschleife überblicken kann.
Zwischen 1909 und 1922 existierte hier ein Haltepunkt. Er wurde aber stillgelegt, weil er kaum genutzt wurde, zudem hatten die Züge, die aus Volkach kamen, aufgrund der starken Steigung regelmäßig Probleme beim Anfahren.
Steil bergab nach Astheim
Wer also das Lokal im ehemaligen Kloster besuchen möchte, muss in Escherndorf aussteigen und die etwa 200 Meter von der Haltestelle zu Fuß zurücklegen. Auf den letzten vier Kilometern von Escherndorf nach Astheim führt die Strecke durch Weinberge und Wälder steil hinunter zum Main. Bevor der Zug den Endbahnhof Astheim, ein Ortsteil von Volkach, erreicht, kann der Reisende noch einen Blick auf die Wallfahrtskirche »Maria im Weingarten« werfen, die hoch auf einem Berg über dem Main thront. Bundesweit kam die Kirche in die Schlagzeilen, als die »Madonna im Rosenkranz«, eine von Tilmann Riemenschneider zwischen 1521 und 1524 gefertigte Holzplastik, 1962 aus der Kirche gestohlen wurde. Henri Nannen, Chef des Magazins »Stern«, zahlte damals 100.000 DM, damit die Diebe das Kunstwerk wieder herausrückten. Das nützte ihnen aber wenig, da sie kurz darauf gefasst wurden.
Die Ursprünge der Kirche sind nicht bekannt, aber der Fund frühmittelalterlicher Mauerreste aus dem 10. und 11. Jahrhundert legt nahe, dass es sich um eine Urpfarrkirche handelte. Das Ziel der Wallfahrer war das Gnadenbild der schmerzensreichen Muttergottes, einer Holzplastik aus dem späten 14. Jahrhundert, die über dem linken Seitenaltar hängt. Über dem rechten Altar ist Riemenschneiders Werk zu sehen.
Volkach ist einen Besuch wert
Vom Endbahnhof in Volkach-Astheim kann man entweder zur Wallfahrtskirche laufen oder eine Fahrt auf dem Main mit dem Ausflugsschiff Undine unternehmen. Die Abfahrtszeiten sind mit der Bahn abgestimmt. Alle zwei Stunden fährt das Schiff mainaufwärts bis zur Schleuse Wipfeld und wieder zurück. Die Fahrt dauert etwa 20 Minuten.
Unternehmungslustige können außerdem den nur wenige Meter von der Endstation entfernten Quittenlehrpfad besuchen. Dort erfahren sie auf zwölf Tafeln Wissenswertes über dieses Rosengewächs, aus dem unter anderem erfrischender Quitten-Secco in Barrique-Fässern gemacht wird.
Schließlich sollte man auch das nahe Volkach besuchen und dabei den Weg über die große Mainbrücke nehmen. Der Ursprung des Ortes geht auf den fränkischen König Arnulf von Kärnten zurück, der dem Kloster Fulda die Siedlung im 9. Jahrhundert schenkte. 1258 urkundlich als Stadt erwähnt, gehört Volkach ab 1328 teilweise dem Hochstift Würzburg, ab 1520 vollständig. Aus dieser Zeit erhalten geblieben sind noch die Türme der beiden Altstadt-Tore – das Sommeracher und das Gaibacher Tor. Nicht versäumen sollte der Besucher den Marktplatz mit dem Renaissance-Rathaus aus dem Jahr 1544 und seiner doppelläufigen Treppe.
Vor dem Rathaus befindet sich ein Brunnen mit einer Plastik der »Maria Immaculata« (Maria, die Unbefleckte) aus dem Jahr 1480. Erwähnt sei noch das Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert an der Ecke zur Hauptstraße.
Zum Abschluss des Ausflugs mit der Mainschleifen-Bahn kann man eines der kleinen Lokale besuchen und eine fränkische Spezialität des Herbstes genießen: Bremser (sehr junger, moussierender Most) mit Zwiebelkuchen. Und wer mag, kann im Frühling wiederkommen – zu Spargel und Weißwein.
Rainer Büschel
Fotos: Mile Cindric