Nun mit der tastkräftigen Hilfe der Kinofans gelang der Neustart beim Casa in Nürnberg. Foto: privat

Totgesagte leben länger: Im März 2009 scheint es, als schlüge das Totenglöckchen für das letzte Kino in der Nürnberger Südstadt. Die Stühle stehen vor dem Eingang in der Brosamerstraße, Selbstabholer konnten sie ersteigern. Doch eine Gruppe couragierter Kulturinteressierter gibt nicht auf und formiert sich noch im selben Monat zu einem Verein. Seit drei Jahren betreibt nun der Casa e.V. das »Kino mit Courage«.
Der Kopf des Vereins ist Helfried Gröbe. Der frühere Leiter der Kinderklinik in Nürnberg verhandelte einst über die Rettung des einzigen verbliebenen Südstadt-Kinos mit dem damaligen Betreiber Wolfram Weber. »Es musste dieser Ort sein. In einen Neubau einzuziehen, war undenkbar«, berichtet Gröbe.
Dass das Kino tatsächlich im September 2009 seine Wiedergeburt erfuhr, ist das Verdienst vieler – vor allem aber das des Trägervereins. »Wir wollten diesen schönen Ort in der Südstadt erhalten, wo Kultur sonst keine große Rolle spielt«, fährt Gröbe fort. Über die Ziele war sich die hoffnungslos optimistische Gruppe einig: Ein »Kino plus« wollten sie betreiben mit Filmen jenseits des Mainstreams, »die über den Abspann hinauswirken«. Anspruchsvoll, diskussionsfreudig, intellektuell sollte das Programm aussehen. Es fehlte nur noch das Geld, das Projekt umzusetzen, denn die Spenden allein reichten nicht für eine Modernisierung der Räume.
Das Wunder der Südstadt
Der Durchbruch kam, als die Zukunftsstiftung der Sparkasse Nürnberg eine Geldspritze von 200.000 Euro verabreichte. Der Neuanfang galt als »das Wunder der Südstadt«. »Ja, es ist wirklich ein kleines Wunder«, findet auch Vereinsvorsitzender Gröbe. Und viel Arbeit, ehrenamtliche Arbeit. Denn es gibt nur einen Festangestellten, den gelernten Politologen Matthias Damm. Für ihn war das Casablanca früher »mein zweites Wohnzimmer«, er hielt sich ständig im anspruchsvollen Hinterhofkino samt beliebter Creperie auf. Dann kam er später nur noch zum Filmegucken, zu ungemütlich war es geworden, vor allem die Toiletten waren stark sanierungsbedürftig. Heute sind sie top, ebenso wie die drei renovierten und technisch aufgerüsteten Kinosäle.
Damm nennt es eine »Fügung«, dass er vom ehrenamtlichen Casablanca-Mitarbeiter zum Theaterleiter aufstieg. Gröbe setzt schnell hinzu: »Für uns war es ein Glücksfall, ihn, der professionelles Filmtheater machen kann, dafür gewinnen zu können.« Der beste Beweis sei, dass das »Casa«, wie das Kino von seinen Liebhabern genannt wird, immer häufiger Filme zum Bundesstart zeigen darf und nicht mehr nur nachspielen muss, was bei der Konkurrenz längst läuft. Gröbe: »Die Verleiher wissen: Das Casablanca ist ein gutes Kino.«
Während Theaterleiter Damm als Hauptberufler inzwischen sein Mandat im Vereinsvorstand wieder abgegeben hat, ist Bernd Siegler von Anfang an mit von der Partie – als Vize-Vorsitzender. »Es ist spannend, als Verein ein Kino zu betreiben«, sagt der studierte Sozialwirt und freie Journalist. »Ich denke, wir haben 85 Prozent unserer Ziele erreicht.«
Mit seinem Mix aus aktuellem Programmkino, Kurz- und Dokumentarfilmen, diversen Themenreihen sowie Filmdiskussionen, aber auch Kleinkunst und Kneipe hat sich das »Kino mit Courage« eine Nische für den Geschmack einer Minderheit (Damm: »Dazu stehen wir«) geschaffen, aus der es in die Zukunft blicken kann. Nicht nur bezogen auf die Südstadt. Das Filmkunsttheater strahlt weiter aus. So kommen Gäste aus anderen Stadtteilen und aus dem Umland, zumal wenn berühmte Regisseure wie Hans W. Geißendörfer oder Schauspieler die Bühne betreten. Im Schnitt ist das Casa-Publikum älter als die Besucher des großen Cinecittà von Wolfram Weber. Aber zu den Kurzfilmtagen etwa kommen viele junge Leute, darunter Kunststudenten, die sich Anregungen holen.
Inzwischen ist die Fördersumme aus der Zukunftsstiftung aufgebraucht. Sie wurde »solide investiert in die Renovierung und die Filmtechnik«, sagt Damm, doch auch im kommenden Jahr stehen einige kostspielige Projekte an. »Das Kino trägt sich, wir kommen zurecht, aber wir sehen noch viele Sondereffekte«, meint Damm. Daher sei es noch zu früh für eine Gesamtbilanz.
Der siebenköpfige Vorstand des »Casa e.V.« fühlt sich gut unterstützt. Hinter ihm stehen über 500 Mitglieder. Viele davon sind nicht nur mit dem Geldbeutel, sondern auch mit dem Herzen dabei. An der jüngsten Mitgliederversammlung nahmen 70 Leute teil – die Ortsvereine mancher Parteien würden sich glücklich schätzen über solches Interesse.
Pläne bis weit ins nächste Jahr
In den drei Jahren des Vereinsbestehens, erzählt Chef Gröbe, habe er alles erlebt: Phasen der Euphorie und der Depression, des Auf-der-Stelle-Tretens und der bisweilen zähen basisdemokratischen Entscheidungsprozesse. Doch es hat sich gelohnt, da geben ihm seine Mitstreiter Recht. Die Planungen reichen bis weit ins nächste Jahr hinein. Die Nachrüstung der Vorführtechnik geht weiter. Und thematisch soll eines der Highlights ein Fahrrad-Filmfestival sein. Doch erst einmal lockt die Reihe »Zu alt für die Zukunft – Filme ohne Altersbeschränkung«.
Text: Angela Giese
Foto: NN-Archiv