Im Behandlungsraum wird die Ökumene gelebt: Evangelische Hände pflegen katholische Pilgerfüße. Foto: Mile Cindric

In den letzten Jahren ist das Pilgern zur Mode geworden. Wer sich erschöpft fühlt von den Zumutungen der postmodernen Zivilisation, macht sich auf die Socken, um auf dem Weg zu alten Heiligtümern neue, irgendwie “andere” Erfahrungen zu sammeln. Zu den liebsten Nahzielen der Pilger, die im katholischen Sprachgebrauch Wallfahrer heißen, gehört die barocke Basilika in Gößweinstein. Seit dem späten 16. Jahrhundert lässt sich die Wallfahrt in die Fränkische Schweiz zuverlässig nachweisen – und der Eifer der Pilger ist ungebrochen.
Derzeit kommen jährlich über 130 Gruppen, um Dank zu sagen, um Bitten zu äußern, um mit ihrem Gott zu kommunizieren. Sie kommen aus Herrieden und Herzogenaurach, aus Langenzenn, Nürnberg oder Iphofen. Zu Fuß sind sie unterwegs – stundenlang, tagelang. Da tun die Füße nicht nur weh. Sie sind gezeichnet von Blasen, Abschürfungen, Druckstellen. Aber wenn die Wallfahrer Glück haben, steht auf dem Platz vor der Basilika Liselotte Grunow (Foto). Dann winkt Balsam für die Füße. In Gößweinstein ist Frau Grunow inzwischen eine Institution als Samariterin der Wallfahrer.
Samariterin vom Dienst
Die 78-Jährige erzählt, wie sie das handhabt: Eine halbe Stunde vor Ankunft der Wallfahrer richtet sie ihren Behandlungsraum im Pfarrhaus neben der Basilika her. Und sobald die Wallfahrer-Glocken läuten, geht sie an die Kirche und zeigt den Wallfahrern, dass sie da ist. “Sie haben mir schon häufig bestätigt: ‘Wenn wir dich da stehen sehen, geht es uns schon besser.’ Nach dem Gottesdienst kommen sie dann zu mir und nehmen sogar längere Wartezeiten in Kauf, denn mein Behandlungsraum ist oft sehr voll.”
Liselotte Grunow ist eine sprichwörtliche Samariterin. Das heißt, sie ist ein Mensch, der anderen uneigennützig hilft. Sie ist auch eine buchstäbliche Samariterin, denn seit vielen Jahrzehnten gehört sie dem ArbeiterSamariterBund (ASB) an, einer Wohlfahrtsorganisation, die Ende des 19. Jahrhunderts in Kreisen der Arbeiterschaft und des Handwerks entstanden ist. In ihrer Heimatstadt Berlin hat sie sich für den ASB engagiert: “In Spandau war ich einige Jahre technische Leiterin und dann 1. Vorsitzende des ASB.”
1983 zog sie mit ihrem Sohn von Berlin nach Gößweinstein und eröffnete ein Jahr später ein Schuhgeschäft mit Fußpflegesalon. “Und da ich ja Samariterin bin und mal einem notleidenden Wallfahrer vor der Basilika half, habe ich mich entschlossen, meine Fußpflege allen Wallfahrern anzubieten. Seit 24 Jahren pflege ich an fast jedem Wochenende von April bis Oktober die Wallfahrer-füße.”
Faszinosum Wallfahrt
Aus Berlin nach Gößweinstein – das ist ein ungewöhnlicher Ortswechsel. Er wirkt noch radikaler, wenn man Liselotte Grunow in Hühnerloh besucht, einem winzigen Dorf mit durcheinander geworfenen Hausnummern, das zur Gemeinde Gößweinstein gehört. Genau hier hat sie vor vielen Jahren erstmals Ferien gemacht. In diese Landschaft hat sie sich verliebt und ist in fast jedem Urlaub zurückgekehrt. Schließlich ist sie hergezogen und hat hier sogar ihren Lebensgefährten kennen gelernt. Der Umzug bedeutete eine große Umstellung für die Großstädterin, die noch dazu der evangelischen Kirche angehört und mit dem Phänomen Wallfahrt überhaupt nicht vertraut war. Zuerst hat sie das für eine große Beerdigung gehalten.
Sie erinnert sich: “Über die Hauptstraße kamen viele Menschen mit Musik und Gesang. Ich wusste gar nicht, was da vorgeht. Ich habe gedacht: Da wird doch nicht unser Bürgermeister gestorben sein?! Bis man mich aufgeklärt hat: Das sind Wallfahrer! Jedes Mal, wenn später eine Wallfahrergruppe vorbeikam, trieb’s mir Tränen in die Augen, so ergriffen bin ich von dieser Wallfahrermusik. Meinen Wallfahrern ist es übrigens ganz egal, dass ich evangelisch bin und katholische Füße pflege. Wir haben ja alle nur einen Herrgott. Und mein evangelischer Pfarrer sagt zu mir, wenn ich sonntags nicht in die Kirche kommen kann: Macht nichts; das ist auch ein Gottesdienst, den Sie da machen.”
Im evangelischen Sonntagsgottesdienst wird man Liselotte Grunow also nicht häufig antreffen. Dabei hat sie kürzlich sogar noch das Ehrenamt der Mesnerin übernommen. Außerdem hat sie viele Spendenaktionen angeregt, sei es für brasilianische Straßenkinder, sei es für Kinder mit Muskelschwäche. Für diese hat sie in Gößweinstein Kindergeschichten gesammelt und in einer kleinen Broschüre veröffentlicht. Der Erlös geht an die Gesellschaft für Muskelkranke.
Trotz ihrer 78 Jahre ist Liselotte Grunow immer noch unermüdlich. An den Sommerwochenenden sitzt sie von morgens früh bis abends in ihrem kleinen Behandlungszimmer im Pfarrhaus neben der Basilika. Dann lässt sie sich, klinisch weiß gekleidet und umgeben von Salben und Bandagen, die gepeinigten Füße der Wallfahrer in den Schoß legen.
Was hat sie da zu versorgen? “Die häufigste Verletzungsart sind Blasen – von winzig klein bis sehr groß und blutunterlaufen.” Außerdem behandelt sie Nägel, die über einem Bluterguss sitzen oder Stauungsekzeme, wenn die Wallfahrer zu dicke Socken und zu lange Stiefel angezogen haben. Dazu kommen Kreislaufbeschwerden oder Zeckenstiche. “Bis jetzt konnte ich noch jedem gut helfen, was mich sehr glücklich macht.” Liselotte Grunows Dienst am Fuß ist übrigens komplett unentgeltlich. Erhält sie von einem Wallfahrer ein Trinkgeld, dann kauft sie davon wieder Pflaster, Verbände und Salben. Die nächsten wunden Füße warten dann nämlich schon.
Herbert Heinzelmann