Der Epilepsie Landesverband Bayern weist darauf hin, dass viele Senioren an der Krankheit leiden, ohne behandelt zu werden. Foto: epd

Epilepsie ist immer noch ein großes Tabuthema. Die anfallartigen Krämpfe, mit denen sich die Krankheit meist äußert, machen den Betroffenen und ihrer Umwelt häufig Angst. Gerade bei älteren Menschen bleibt Epilepsie oft unerkannt, obwohl sie in dieser Altersgruppe erstaunlich häufig vorkommt.
In Deutschland sind es über 300.000 betroffene Senioren, allein in Bayern leben mehr als 40.000, deren Erkrankung bekannt ist – Tendenz steigend.
Seit 20 Jahren setzt sich der Epilepsie Landesverband Bayern e.V. für Betroffene und ihre Angehörigen ein. Er repräsentiert 53 Regionalgruppen und rund 2.000 Betroffene sowie deren Familien, die Aktiven im Verband arbeiten ausschließlich ehrenamtlich. Priorität hat derzeit der Personenkreis der älteren epilepsiekranken Patienten. Renate Windisch (65) aus Schwanstetten ist die Vorsitzende des Verbandes, der in diesem Jahr erstmals auf der Messe Inviva mit einem Stand vertreten ist.
sechs+sechzig: Frau Windisch, wie äußert sich eigentlich eine Epilepsie-Erkrankung im Alter?
Renate Windisch: Es gibt zahlreiche Formen von epileptischen Anfällen, die sehr unterschiedlich aussehen, von kurzen Bewusstseinspausen bis hin zum großen Anfall mit Sturz und Bewusstseinsverlust. Bei jungen Menschen wird die Ursache in der Regel rasch diagnostiziert.
Bei älteren Menschen können neben diesen »typischen« Symptomen auch Verwirrtheitszustände, Gedächtnislücken, Sprach- oder Empfindungsstörungen, unsinnige Handlungsweisen, verändertes Verhalten, Kopf- und Muskelschmerzen, Schwindel oder Gangunsicherheit ihre Ursachen in einer Epilepsie haben.
Wenn Epilepsie nach Demenz und Schlaganfall die dritthäufigste Erkrankung im Alter ist – warum kommt es dann so häufig zu Fehldiagnosen?
Die genannten, aber auch andere Symptome, die die Krankheit begleiten, werden leicht verkannt und eher unspezifisch den Begleiterscheinungen des Alters zugeordnet – und nicht einer Epilepsie. Somit kommt es zu keiner richtigen Diagnose und damit auch zu keiner adäquaten Behandlung. Dabei werden bei richtiger Therapie 70 Prozent der Betroffenen langfristig anfallsfrei und können ein normales Leben führen – ohne das beispielsweise stark erhöhte Verletzungsrisiko bei Stürzen.
Was können Betroffene und ihre Angehörigen tun?
Patienten wie auch deren Familien sollten darauf bestehen, dass bei Auffälligkeiten, die nicht einzuordnen sind, zur Sicherheit ein Facharzt zu Rate gezogen wird. Geeignet sind dann Untersuchungen bei einem Neurologen oder in einem Epilepsiezentrum, wo inzwischen mit modernster Medizintechnik häufig schnell eine richtige Diagnose gestellt wird. Wenn dann die geeignete Therapie, das geeignete Medikament gefunden ist, kann der Hausarzt die Behandlung entsprechend der fachärztlichen Verordnung weiterführen.
Was muss getan werden, damit sich die Situation der älter werdenden Menschen mit Epilepsie verbessert?
Wir sind gerade dabei, zusammen mit einer Expertenrunde aus Medizinern, Apothekern, Pflegedienstleitungen, Altenpflegeschulen, Krankenkassen und Epilepsie-Beratungsstellen die Defizite in der Versorgung aufzuspüren. Zum einen bei Patienten und ihren Angehörigen, des Weiteren in der ambulanten und stationären Altenpflege, in der medizinischen Versorgung und schließlich bei Seniorenorganisationen und Seniorennetzwerken. In kleinen Schritten sind wir auch schon bei der praktischen Umsetzung angelangt und haben zum Beispiel ein neues Faltblatt »Epilepsie 60 plus« herausgegeben, das speziell die Besonderheiten der Epilepsien bei Senioren aufgreift.
Interview: Günter Dehn
Landesverband Epilepsie Bayern e.V.,
Mittelstraße 10, 90596 Schwanstetten
Telefon 09170/18 90, Fax 09170/28148
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