17 Prozent der deutschen Bevölkerung zwischen 16 und 74 Jahren haben noch nie das Internet genutzt. Wie das Statistische Bundesamt (05.09.2011) mitteilte, waren im Jahr 2010 EU-weit 26 Prozent der Menschen noch nie im Netz. Foto: epd

Der Münchner Kreis hat Mitte des Jahres in einer repräsentativen Studie 7.231 Personen in Deutschland, Schweden, USA, Brasilien, China und Südkorea nach ihren Einschätzungen des zukünftigen digitalen Lebens befragt. In der vierten Phase der Zukunftsstudie, die vom Marktforschungsinstitut Infratest durchgeführt und dessen Ergebnisse jetzt publiziert wurden, konzentriert sich das Netzwerk von Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik nun auf den Menschen als Nutzer von Technologie. Mit diesem Perspektivwechsel jenseits der bisherigen Expertensicht setzt die Studie einen entscheidenden Akzent: „Aus den Einstellungen und Vorlieben, aber auch aus Vorbehalten und Befürchtungen zu wesentlichen Aspekten der digitalen Zukunft ergeben sich Anhaltspunkte für langfristige Chancen sowie für die Einsatz- und Entwicklungsperspektiven zukünftiger Technologien in den verschiedenen Regionen der Welt“, erläuterte Professor Arnold Picot, Vorstandsvorsitzender des Münchner Kreis. Dazu wurden in der Studie exemplarisch 16 Zukunftsbilder des zukünftigen digitalen Lebens untersucht. Visuell aufbereitet und auf sieben elementare Lebenssituationen bezogen, lässt die Auseinandersetzung der Befragten mit diesen Zukunftsbildern Aussagen über die Bedeutung individueller Erfahrungen, Einstellungen und kultureller Prägungen für die Akzeptanz und Nutzung neuer Anwendungen zu.
Das Magazin 66 stellt eines dieser Szenarien exemplarisch vor, denn dieses scheint für die Zukunft von älteren Menschen besonders relevant zu sein. Es handelt sich um das Zukunftsbild „Der lebenslange Datentresor“ belegt: Für die Nutzer ist die lebenslange Verfügbarkeit persönlicher digitaler Daten von hoher Bedeutung. Die Menge der persönlichen digitalen Daten steigt im Wandel zur digitalen Gesellschaft exponentiell an. Dadurch ist es für den Einzelnen nicht mehr möglich, für eine lebenslange Verfügbarkeit der eigenen digitalen Daten, sowohl technisch als auch zeitlich, zu sorgen. Der lebenslange Datentresor, der die zuverlässige und sichere Speicherung digitaler Inhalte mit einer ortsunabhängigen und langfristigen Auffindbarkeit und Lesbarkeit verbindet, stößt vor allem in China, Brasilien und Korea auf hohe Resonanz.
Während 90 Prozent der Befragten in China den Datentresor nutzen möchten, sind dazu in Deutschland immerhin 57 Prozent bereit. Aber nur jedem dritten Deutschen gefällt es, dass der Datentresor den lebenslangen Zugriff auf persönliche Daten – unabhängig vom Datenformat oder der nötigen Soft- oder Hardware – ermöglicht. Die Aufgeschlossenheit für das Zukunftsbild ist auch hier in den USA und Deutschland deutlich geringer als in den Vergleichsländern. In Brasilien und Südkorea hält jeweils jeder Zweite (48 Prozent) den Datentresor für relevant – in Deutschland nur jeder Vierte (26 Prozent).
Insgesamt verweisen die Ergebnisse auf eine höhere Innovationsoffenheit bei den Nutzern in China, Brasilien und Korea. Allerdings lassen sich auch deutliche Entsprechungen ausmachen. So zeigt das Beispiel „lebenslanger Datentresor“ den auch in anderen Zukunftsbildern genannten Punkt, nämlich Angst vor Datenmissbrauch, als wichtigste Barriere. Auch die bislang noch ungeklärte Frage, was mit den Daten nach dem Ableben passiert, stellt ein Akzeptanzproblem dar. Hierauf ist zu reagieren, wenn eine intelligente Langzeit-Speicherfunktionalität im privaten Nutzungskontext Verbreitung finden soll.
Dass diese Anwendung, die – trotz des Phänomens des digitalen Verfalls von Daten durch unterbrochene Kompatibilität von Datenformaten, Programmen und Betriebssystemen – Daten auffindbar und lesefähig erhält sowie zusätzlich den lebenslangen, sicheren Zugriff gestattet, sich zu einer neuen Schlüsselfunktion mit technischer und gesellschaftlicher Relevanz entwickelt, belegen die Umfrageergebnisse der Zukunftsstudie 2011.
Erfolgskritischer Akzeptanzfaktor: Schutz persönlicher Daten. Weltweit bestehen bei den Nutzern große Befürchtungen im Hinblick auf den sicheren Umgang mit den persönlichen Daten. So geben 40 Prozent der in Deutschland Befragten an, dass sie sich bemühen, so wenig persönliche Daten wie möglich im Internet preiszugeben. Ähnlich hohe Werte erreichen Brasilien (39 Prozent) und Korea (40 Prozent). Die USA sind in dieser Hinsicht sogar Spitzenreiter (45 Prozent). Befürchtet werden vor allem die unbefugte Datenspeicherung und krimineller Datenmissbrauch. Damit wurde die in den vorausgegangenen Zukunftsstudien aufgezeigte international steigende Bedeutung eines sicheren Umgangs mit persönlichen Daten nun auch aus Nutzersicht deutlich bestätigt.
In der Konsequenz muss sich der Anspruch auf den Schutz der Persönlichkeit und der persönlichen Daten noch stärker im gesellschaftlichen, politischen und individuellen Bewusstsein sowie in institutionellen Regelungen verankern. Der zentralen Bedeutung dieses Themas angemessen sollte eine „Nationale Strategie zum Schutz persönlicher Daten“ hier Orientierung für erforderliche technische Funktionalitäten liefern, die das Schutzbedürfnis des Bürgers in der digitalisierten Gesellschaft in den Mittelpunkt rückt und konkret individuelle Hilfestellung gibt. Aufgrund der weltweiten Sensibilität für dieses Thema können Kompetenzen, Funktionen und Produkte entstehen (vergleichbar wie im Umweltschutz), die dann auch zu einem relevanten wirtschaftlichen Standort- und Wettbewerbsvorteil weiterentwickelt werden können. Das Sicherheitsbedürfnis steht in Deutschland bei allen Innovationen immer im Vordergrund und somit muss die Kompetenz der deutschen Industrie im Bereich Sicherheitstechnologie, die insbesondere international hoch geschätzt wird, als wettbewerbsfördernder Faktor entwickelt werden. Im Weiteren ist eine internationale Harmonisierung von IKT-Systemen im Hinblick auf Mechanismen des Umgangs mit persönlichen Daten erforderlich, um die Akzeptanz von IKT-Diensten insgesamt zu befördern.