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Auf Meißners Plattenparty funkte es

Wenn Helga und Horst Wessemer in ihren Fotoalben blättern, werden Erinnerungen an Partys und Tanzstunden lebendig.

Die Partnersuche findet heute häufig im Internet statt. Man chattet, tauscht Bilder – und kennt sich schon beim ersten Treffen ganz gut. Aber wie war das damals, vor 60 Jahren? Das Ehepaar Helga und Horst Wessemer aus Nürnberg hat uns davon erzählt. Und sagt: Eigentlich war’s früher einfacher.

»Ännchen von Tharau bittet zum Tanz.« Schwer vorstellbar, dass eine Schallplatte dieses Titels bei einem Treffen für 18-Jährige gespielt würde. Wenngleich sie von einem gewissen Hans Last stammte, der unter seinem späteren Künstler-Vornamen »James« als Bandleader Furore machen sollte. Aber als Helga und Horst Wessemer jung waren, war diese Musik durchaus schick. Und man ging mittwochs in die Tanzschule Meißner zu »Meißners Platten-Party« und tanzte Foxtrott, Rumba, Walzer und mehr auch zu frisch arrangierter Volksmusik.

Helga Wessemer liebt den Blick zurück. Über 200 Seiten an Lebenserinnerungen hat die 80-Jährige zu einem Buch verarbeitet. Und so sprudelt es nur so aus ihr heraus, wenn sie von früher erzählt. Jeweils zur Mitte der Woche wurde die Tanzschule in der obersten Etage des heutigen Kinocenters Admiral-Filmpalast nahe der Nürnberger Lorenzkirche zur Party-Zone. »Über 170.763 junge Leute aus ganz Franken« vermeldete die Tanzschule Meißner in einem Werbetext über die Gästezahl bei ihrem »ansprechenden Stelldichein«. Freistil-Gehopse war selbstredend nicht angesagt, sondern Tanz zu Musik »charakteristisch in Rhythmus und im jeweiligen Tempo«. Und ein wirklich begabter Plattenjockey wusste auch heiter zu moderieren. Den Stil dieser Zeit prägte der mutmaßlich erste deutsche DJ, Klaus Quirini aus Aachen, erstaunlicher Künstlername »Heinrich«. Das Online-Lexikon Wikipedia zitiert eine seiner Moderationen: »Meine Damen und Herren, bitte krempeln Sie die Hosenbeine hoch. Wir lassen Wasser in den Saal, denn ›Ein Schiff wird kommen‹ von Lale Andersen.

Siezen gehörte zum guten Ton

Es waren steife Zeiten«, sagt Helga Wessemer. Am Arbeitsplatz hätten sich sogar die Lehrlinge gesiezt. Schlampige Kleidung habe es bei »Meissners Platten-Partys« nicht gegeben. Für junge Männer habe Krawattenzwang gegolten. Wer den Binder vergessen hatte, wurde vom Türsteher mit einer Leih-Krawatte versorgt. Alkohol wurde nicht ausgeschenkt, die Flasche Sinalco oder Cola kostete 70 Pfennige. Jeweils samstags war Tanzparty für das ältere Publikum. Da gab es Live-Musik, Wein und Gedeckzwang. Aber das habe man sich nicht leisten können.

Horst Wessemer, ein paar Monate jünger als seine Ehefrau, war nicht der große Tänzer. Aber er war dabei, wenn nach der Party, also nach 23 Uhr, noch um die Häuser gezogen wurde. Das »Mausloch«, der »Ritter« oder das »König Otto« waren beliebte Kneipen-Ziele. Die Diskotheken der Stadt waren der damaligen Clique der Wessemers zu wild, zu gefährlich. Dort verkehrten die US-amerikanischen Soldaten. »Die hatten viel Geld und haben sich entsprechend benommen«, erinnern sich beide.

Junge Frauen wandelten auf einem schmalen Grat zwischen Abenteuerlust und Vorsicht. »Ich hatte viele Verehrer«, erinnert sie sich. Sie erwähnt auch eine Italien-Reise mit ihrer jüngst verstorbenen Freundin Hanne. »Wir haben den Männern die Köpfe verdreht. Zum Rücken eincremen war immer einer da. Aber mehr gab’s nicht.« Bei einem der Partyspiele in Meissners Tanzschule wurde »Fräulein Schwab«, wie sie damals korrekt angesprochen wurde, zur Kartoffelkönigin gekrönt. Und bei einem Tanzschul-Ausflug zur Abenberger Burg wurde sie zum Burgfräulein gekürt. Als der Tanzlehrer an die Tür klopfte und fragte, ob er beim Einkleiden helfen solle, lehnte Helga dankend ab.

Mit den Tänzerinnen auf Tour 

Das Mädchen mit der größten Knolle gewinnt: Wie der historische Zeitungsausriss zeigt, wurde in der Tanzschule Meißner eine Kartoffelkönigin gekürt.

Ihr späterer Ehemann fand 1968 seinen Weg in die »Dresdensia«. Die von Exil-Sachsen gegründete Karnevalsgesellschaft, die in diesem Jahr ihren 66. Geburtstag feiert, hatte in der Tanzschule Meißner ihr Domizil. Dort trainierte die Prinzengarde. Horst Wessemer als Rundfunk- und Fernsehtechniker, der bei Grundig arbeitete, war hoch willkommen. Horst sorgte zuverlässig für die Musik bei den Auftritten. Und machte die Erfahrung, dass es nicht immer steif zugehen musste. »Da kam ein weißhaariger Mann und sagte: ›Ich bin der Erhard, wir sind per Du.‹ So einen Älteren zu duzen, war mir fremd.«

Zum Ehepaar wurden die beiden vor 55 Jahren. Sie hatten gescheiterte längere Beziehungen hinter sich, Helgas Tante machte sie auf den »hübschen Burschen« aufmerksam. Horst war mit einem Gardemädchen liiert gewesen, war aber weiterhin mit den Tänzerinnen auf Tour. Helgas Mutter mahnte zur Vorsicht. »Also habe ich alle Gardemädchen abgecheckt.« Und erkannte: »Meiner ist ein Braver.« Den ersten Schritt beim Tanzabend hat er aber schon gehen müssen. »Der Mann hat aufgefordert. Man hat es nicht anders gekannt«, erinnert sich Horst Wessemer.

Beide waren 26, als sie heirateten. Und Helga Wessemer, die als 15-Jährige ihre Lehre als »Versicherungskaufmann« bei der damaligen Versicherungsgesellschaft Deutsche Lloyd begonnen hatte, war eine gute Partie. Sie hatte gut verdient. Beide kauften »beim Krügel«, einem heute nicht mehr existierenden Möbelhaus in Stein, »gute Möbel von Hülsta«, die zum Teil noch heute im schmucken Reihenhaus im Steiner Stadtteil Unterweihersbuch stehen. Knapp 100.000 Mark kostete das Domizil. Das Paar lebte sparsam, erst recht, als ihr Sohn zur Welt kam. Helga Wessemer wurde Hausfrau. Man kannte es nicht anders, sagen sie.

Zweck der Partys war erfüllt

Nach der Heirat war es mit dem Tanzen vorbei. Der Zweck der Partys war offenbar erfüllt, wie der Gatte auf Nachfrage grinsend bestätigt. Bei der »Dresdensia« mischt er immer noch mit. Aber das wird toleriert. Und so sitzt man einem hellwachen, körperlich fitten Paar gegenüber, das zufrieden auf ein langes (Ehe-)Leben zurückblickt. Wie aber schauen die beiden auf die jungen Menschen von heute, die zum Kennenlernen statt Tanzpartys eher auf Handy und Computer setzen?

»Ich glaube, die Jungen heute haben es schwerer«, sagt Helga Wessemer. »Wir hatten zuerst wenig, aber bei uns ging es von Null auf Hundert. Und wir waren ziemlich gleich. Die großen Unterschiede beim Wohlstand, die gegenseitige Konkurrenz wie heute gab es nicht.« Ehemann Horst hingegen findet, dass viele Fähigkeiten verloren gegangen sind. Wer könne heute noch eine Telefonzelle benutzen, wer ein Feuer im Ofen anzünden? Er selber hat spezielle Fähigkeiten: Die selbstgebaute Klingelanlage tönt wie die Pausenglocke einer Schule. Und was bedeutet das rote blinkende Licht auf der Abdeckung? »Das zeigt, dass Post im Briefkasten ist.«

Text: Klaus Schrage
Fotos: Michael Matejka

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