
Das ist ein schwerer Beruf!« Diesen Satz hört Sabine Ritter häufig, wenn sie über ihre Arbeit spricht. Sie leitet seit 14 Jahren das Hospiz Xenia des Caritasverbands in Nürnberg und hat täglich mit Todkranken zu tun. Sie hält es für ein gesellschaftliches Problem, dass sich heute alles um junge, dynamische Menschen dreht und sich viele nicht mehr mit der Endlichkeit des Lebens beschäftigen. »Kinder werden vor dem Thema beschützt und weggeschickt, wenn die Oma stirbt. Als Erwachsene haben sie dann große Angst vor dem Tod«, sagt die gelernte Krankenschwester, die auch schon in der Onkologie, auf der Intensivstation und in der Altenpflege tätig war.
Sabine Ritter hat – persönlich und berufsbedingt – eine andere Sicht: »So, wie wir auf die Welt kommen, müssen wir auch sterben. Der Tod gehört zum Leben. Ich sehe es als großes Geschenk an, Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Unser Auftrag ist klar: Bei uns im Hospiz dürfen die Menschen sterben«, betont die 61-Jährige. »Das sollte auch zwischen Arzt, Angehörigen und Patienten geklärt sein. Die Betroffenen müssen wissen, dass sie bei uns keine Reha antreten.« Die Pflege in einem Hospiz ist Teil der Palliativversorgung, die darauf ausgerichtet ist, Patienten im Endstadium zu betreuen. Das Ziel ist nicht mehr die Heilung, sondern die bestmögliche Linderung von belastenden Symptomen wie Schmerzen, Atemnot, Angst, Übelkeit oder manchmal auch quälendem Juckreiz.
Den letzten Weg mitgehen
»Bei uns rückt der Mensch mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt. Es geht darum, ihn nach seinen Wünschen zu versorgen und den letzten Weg mit ihm zu gehen«, sagt die Xenia-Leiterin. Besonders wichtig ist es, bei Beschwerden, insbesondere starken Schmerzen, zu helfen. Aber es gibt auch Betroffene, die diese lieber auf sich nehmen und aushalten. Sabine Ritter erinnert sich an eine junge Mutter, die auf keinen Fall starke Schmerzmittel wollte, weil diese sedierend wirken. Sie fürchtete, sie könnte die noch verbleibende Zeit mit ihren Kindern nicht mehr bewusst erleben. Es werde auch niemand mehr überredet, etwas zu sich zu nehmen. »Essen und Trinken heißt leben, beides brauchen Sterbende in der letzten Phase oft nicht mehr, wenn ihr Stoffwechsel herunterfährt. Sie haben sich auf den Weg gemacht«, so die Caritas-Mitarbeiterin.
Ein letztes Stück Lebensqualität
Im Hospiz kommen oft komplementäre Therapien zum Einsatz, um Symptome abzumildern. Akupressur spielt zum Beispiel eine große Rolle. Sie hilft, Betroffenen die Übelkeit zu nehmen. Weitere Angebote sind Klangmassagen und Aromatherapie. »Die Behandlung richtet sich nach den Patienten. Ziel ist es, zusammen mit dem Gast ein letztes Stück Lebensqualität zu ermöglichen«, erläutert Sabine Ritter. Maßnahmen und Medikamentendosis werden dem individuellen (Schmerz-)Empfinden angepasst. Doch es geht nicht nur um körperliche Linderung, die Begleitung im Hospiz bedeutet auch, den Sterbenden und ihren Angehörigen seelischen Beistand zu leisten, Zeit für Gespräche zu haben und Zuwendung zu schenken. Anders als Pflegekräfte in Krankenhäusern und Altenheimen ist der Personalschlüssel für die intensive Betreuung deutlich höher. Es werden keine Hilfs- sondern ausschließlich Pflegefachkräfte eingesetzt. Bei Bedarf werden Psychologen hinzugezogen, die den Patienten bei emotionalen Belastungssituationen, Angstzuständen und depressiven Phasen helfen können; auf Wunsch kommen zudem für seelsorgerischen Beistand oder eine Krankensalbung Geistliche ins Haus.
Spezialisierte Versorgung oder starke Schmerztherapie

Ein Grund für die Aufnahme in ein Hospiz liegt vor, wenn eine spezialisierte Versorgung oder eine starke Schmerztherapie erforderlich sind, die zu Hause nicht zu leisten sind. Oder wenn die häusliche Pflege an ihre Grenzen stößt und eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung notwendig wird. Ist die Indikation für eine Hospiz-Aufnahme gegeben, kann ein erstes Informationsgespräch stattfinden. »Dabei fließen oft Tränen. Das Thema Tod und Sterben wurde zuvor noch verdrängt, jetzt wird es konkret – für die Betroffenen und die Angehörigen«, weiß Sabine Ritter. Letzteren sei bis dahin oft noch gar nicht bewusst, wie schwer es ihre geliebten Menschen im Endstadium haben. Zum ganzheitlichen Ansatz im Hospiz Xenia gehöre es, dass sich die Fachkräfte auch um die Angehörigen kümmern, auf sie und ihre Situation eingehen und über medizinische und pflegerische Möglichkeiten informieren. »Hier beginnt schon der Trauerprozess«, so die 61-Jährige. Zwei Mitarbeiterinnen in der Caritas-Einrichtung haben dafür eine spezielle Ausbildung.
Die Anzahl der Betten in Hospizen ist begrenzt, um eine familiäre, ruhige und intensive Betreuung zu gewährleisten. Weil dadurch auch nur wenige Menschen gleichzeitig aufgenommen werden können, werden in den meisten Einrichtungen Wartelisten geführt – so auch im Hospiz Xenia, das über zehn Betten verfügt. Schwerkranke wollen von Sabine Ritter oft wissen, wie lange es dauert, bis ein Platz für sie frei wird. »Dann muss ich ihnen sagen, dass ich das nicht weiß.«
Sie bleiben nur für eine kurze Zeit
Wie lange Patienten in der Einrichtung bleiben, lässt sich nicht vorhersagen. Die Aufenthaltsdauer reicht von wenigen Tagen bis hin zu einigen Wochen. Im Durchschnitt sind es zwischen 21 und 24 Tagen. Sabine Ritter spricht bei Menschen, die in das Haus an der Klenzestraße in Nürnberg einziehen, von Gästen – und nicht von Bewohnern. Denn sie bleiben nur für eine kurze Zeit. Mitbringen können sie persönliche Dinge – manchmal sind es Bilder von Partnern, Kindern und Enkeln, manchmal auch Blumen – oder ein Ordner mit wichtigen Papieren. Jedes Zimmer hat ein eigenes Bad und im Haus Xenia gibt es sogar eine kleine Terrasse mit Blick ins Grüne. Es gibt einen Gemeinschaftsraum, in dem man lesen, Kaffee trinken oder dem Kanarienvogelpaar in einem großen Käfig zusehen kann. »Die meisten«, sagt die Leiterin, »ziehen sich aber zurück und wollen ihre Ruhe haben oder möglichst viel Zeit mit ihren Angehörigen und Freunden verbringen.«
Wenn Gäste den Wunsch nach Sterbehilfe äußern, müssen Ritter und die anderen Fachkräfte jedoch ablehnen: Das ist im Hospiz Xenia nicht möglich. Hier geht man davon aus, dass Sterben Teil des Lebens ist. In Übereinstimmung mit der Hospizidee lehnt die katholische Einrichtung den assistierten Suizid ab: Akzeptiert ist der Einsatz schmerzstillender Medikamente, um Leiden in der letzten Lebensphase zu lindern, auch wenn dies als Nebenwirkung den Sterbeprozess beschleunigen kann. Die Erfahrung hat aber laut der Xenia-Leiterin gezeigt, dass die schwerkranken Menschen, wenn sie medikamentös optimal eingestellt sind und sich gut aufgehoben fühlen, durchaus noch Lebensqualität empfinden. »Sie möchten ihrem Leben gar nicht vorzeitig ein Ende setzen.« Kontakt: hospiz-xenia.caritas-nuernberg.de
Text und Foto: Alexandra Voigt
Illustration: Marah Noack
Information
Die Anzahl der Betten in Hospizen ist begrenzt, um eine familiäre, ruhige und intensive Betreuung zu gewährleisten. Weil dadurch auch nur wenige Kranke gleichzeitig aufgenommen werden können, werden in den meisten Einrichtungen Wartelisten geführt – so auch im Hospiz Xenia, das über zehn Betten verfügt. Die drängende Frage vieler schwerkranker Patienten, wann sie mit einer Aufnahme rechnen können, ist aufgrund der stark unterschiedlichen Verweildauer nicht zu beantworten.
Beiträge des Themenschwerpunkts:
- Im ersten Beitrag erzählt eine 88-Jährige Nürnbergerin von ihrer Entscheidung für einen assistierten Suizid.
- Die Unsicherheit nach dem Urteil bleibt: Die Bundesverfassungsrichter haben zum Thema assistierter Suizid entschieden, aber die Politik handelt nicht
- Die Medizinerin Dr. Marion von Helmolt begleitet sterbewillige Patienten: »Der Tod kann sich richtig anfühlen«
- Viele Schritte führen zum begleiteten Suizid: Vor der tödlichen Injektion sind bürokratische Hürden zu nehmen
- Nähe schenken bis zum Schluss: Im Hospiz stehen die Bedürfnisse von Schwerkranken im Mittelpunkt
- Was ist der Unterschied zwischen Palliativversorgung und Hospiz?
- Jeder muss seine eigene Antwort finden: Gedanken über kulturelle Kämpfe, Moral und mutlose Politiker
- Hilfe zum, beim oder im Sterben? Darf der Mensch Gott ins Handwerk pfuschen?
- Das sagen Theologinnen und Theologen




