
Paradoxe Zufriedenheit

»Das lange Leben leben – Aber wie?« ist kein Ratgeber, auch wenn der Titel das suggeriert und auf den letzten Seiten pflichtschuldig noch ein paar erwartbare Tipps stehen (»Bleiben Sie körperlich aktiv«). Seine unbestreitbaren Qualitäten hat das 116-Seiten-Bändchen als leicht verständliche Analyse wissenschaftlicher Erkenntnisse über das Altern. Am Ende ist klar, es sei immer ein »Mix aus Verlieren, Bewahren und Gewinnen«, heißt es.
Alt werden nur die anderen? Dass Ältere sich jünger fühlen, ist wissenschaftlich belegt. Aber spätestens, wenn einem in der Straßenbahn ein Sitzplatz angeboten wird, ist es Zeit, gefühlte Jugendlichkeit mit der Realität abzugleichen. Diese liefert das Buch. Ein Beispiel: Das sehr späte Leben sei geprägt von einer angesichts chronischer Erkrankungen und eingeschränkter Leistungsfähigkeit paradox anmutenden Zufriedenheit. Denn Ältere verglichen sich oft mit jenen, denen es schlechter gehe.
Wer sich forschend mit dem hohen Alter beschäftigt, hat es laut dem Autoren-Quartett überwiegend mit Frauen zu tun. Sie würden älter, seien aber doppelt benachteiligt, weil Männern Falten und graues Haar nachgesehen würden. Und Armut im Alter, die jede und jeden Sechsten über 65 trifft, sei eindeutig weiblich.
»Das lange Leben leben – Aber wie?«, Hans-Werner Wahl u.a., W. Kohlhammer Verlag 2021, 117 Seiten, 19 Euro
Kiewer Komplikationen

An Dimitrij Kapitelmans Wortschöpfungen und Ukraine-Klischees muss sich gewöhnen, wer mit ihm ins Land seiner Kindheit reisen will. Dort ist »die Luft radioaktiv, die Chirurgin betrunken, der Notar ebenso, der Briefträger Analphabet, der Straßenhund auf nur einem Ei kastriert und jede Präsidentin am Ende der Amtszeit steinreich«. Dorthin muss der Autor, eine Urkunde beglaubigen lassen. Er will Deutscher werden, endlich unbegrenzt reisen und nebenbei die Distanz zu den Eltern vergrößern, die zu Putin-Verstehern mutiert und mit ihm verstritten sind. Die brutale Realität hat das 2021 veröffentlichte Buch des mit acht Jahren als Kontingentflüchtling Eingewanderten längst eingeholt. Umso fesselnder ist sein zärtlich-zynischer Blick auf Land und Leute, auf die allgegenwärtige »Otblagodari« (Bestechung) und das klapprige Gesundheitswesen, mit dem er Bekanntschaft macht, als sein Vater nach Kiew nachkommt. Die Zähne will der sich machen lassen, ziemlich dement ist er auch, weshalb seine »Lustiglämpchen« zu verlöschen drohen. Erst nach allerlei Verwicklungen sind die Kapitelmans wieder zurück und um mindestens eine wichtige Erkenntnis reicher.
»Eine Formalie in Kiew«, Dimitrij Kapitelman, Hanser Verlag, 2021, 176 Seiten, 20 Euro
Fuß- und Seelenpflege

Dass sie das Schreiben am Ende doch nicht lässt, beschert uns einen herzerwärmenden Ausflug ins »Milljöh«. In Demut und großer Zuneigung beugt sich diese Fußpflegerin zu den ramponierten Gehwerkzeugen der Menschen aus Marzahn, die derweil von ihren Leben, Leiden und Lüsten berichten.
Will man das wissen? Unbedingt, denn die Autorin feilt und cremt nicht nur, bei ihr ist Zuwendung im Preis mit drin. Das gilt für den alten Herrn Paulke mit dem Lymphknotenkrebs, der kitzlig ist und das trocken so kommentiert: »Umso bessa, denn lebt noch wat!« Oder für Herrn Pietsch, der zu seiner Verwandtschaft ebenso wenig Kontakt hat wie zu seinen Füßen. »Ich könnte ihm ebenso gut in den Ohren bohren«, seufzt die Therapeutin und erträgt Pietschens Berichte über Erektionsprobleme mit Engelsgeduld.
Oskamp liebt ihre Kundschaft grenzenlos und setzt den kleinen Leuten in ihrem Buch mit Witz und Empathie ein großes Denkmal.
Die dreitausendachthundert Füße und die dazugehörigen Seelen, die sie in Form gebracht hat, holten Oskamp übrigens tatsächlich aus dem Krisenloch. »Das Bittere, das ich vor mir hertrug, ist verschwunden, und mit ihm der letzte Rest jugendlicher Arroganz.« Ihr kleines Buch ist ein Schatz, den zu heben sich lohnt.
»Marzahn, mon amour«, Katja Oskamp, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 10 Euro
»Ich bin nicht Gunther Sachs«

Eigentlich, so das auf dem Cover lächelnd seine Implantate zeigende Geburtstagskind, sei er immer noch ein Hippie. »Und warum versteh ich dann die Jungen nicht mehr?« Wahrscheinlich, weil es da ums Gendern geht. Timmerberg plädiert lieber für »love, not war« zwischen den Geschlechtern. Ein Schuft/eine Schuftin, wer Böses dabei denkt.
Nein, große Literatur ist das nicht, aber flott runtergeschrieben und die meiste Zeit recht unterhaltsam. Wann bekommt man schon das Innenleben eines alten weißen Mannes so ungeschminkt präsentiert? Ruhestand? Der Vorhof zur ewigen Ruhe. Altenheim? Seit er seinem Vater zusehen musste, wie er mit anderen Greisen einem Pfleger den Ball zuwerfen musste, ist er damit durch. Das Problem: »Ich bin nicht Gunther Sachs. Ich habe nicht den Mumm für einen Kopfschuss.«
Also schreibt und reist er weiter, wenn nicht Corona die Grenzen dicht macht. Den Bandscheiben zuliebe brauche es mittlerweile ein gutes Hotelbett, seufzt der Autor und lässt keinen Zweifel daran, dass die stabilsten Liebesbeziehungen seines Lebens die zur Zigarette und zu seinem Zahnarzt sind.
»Lecko mio! 70 werden!«, Helge Timmerberg, Piper-Verlag, 2022, 192 Seiten, 20 Euro
Buchkritiken: Claudine Stauber
Die eigene Jugend lässt uns nie los

Der Autor aus Fürth hatte schon mit seinem vorangegangenen Buch »Alte Sorten« die Top Ten der Spiegel-Jahresliste 2020 gestürmt. »Der große Sommer« knüpft an diesen Erfolg an.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der 16-jährige Frieder. Im Nachhinein wird er begreifen, dass es dieser Sommer war, in dem sein Leben erst so richtig begann, wie er sagt. Die erste große Liebe toppt alles. Allerdings ist da noch das erzwungene Zusammenleben mit seinen Großeltern. Faszinierend ist dabei das zwiespältige, sich wandelnde Verhältnis zum gestrengen Großvater. »Opa« würde er ihn niemals nennen, das passte nicht zu dessen hartem, diszipliniertem Ego.
Sprachlich erinnern Textstellen an Kurt Tucholskys verzweifeltes Sinnieren über die Birkenblätter, die flirren, zittern, flimmern (Peter Panter). Arenz haben es in »Der große Sommer« die Silberpappeln angetan, »flirrend und schön«. Frieder findet deren Blätter so schön wie seine Flamme Beate, dieses grünäugige Mädchen im flaschengrünen Badeanzug, dem er erstmals auf dem Sprungturm des Freibads begegnet.
Wie in »Alte Sorten« bildet die Natur den eindrücklichen Rahmen, etwa der »dunkelgrün-bittere Geruch der Kastanienblätter« oder der »Geschmack von Sand«. Die volle Kraft der Sinneswahrnehmungen erdet den Leser, lässt zur Ruhe kommen. »Gerüche katapulieren Sie sofort zurück in die Vergangenheit«, sagte der gebürtige Nürnberger bei seiner jüngsten Lesung in Eckenthal. »Da wird ein Schalter im Gehirn umgelegt.«
Buchkritik: Angela Giese
Wissenswertes zu Wehrkirchen und Kirchenburgen

Joachim Zeune, ausgewiesener Experte, stellt 30 nach verschiedenen Kriterien ausgewählte, ausführlich in Wort und Bild präsentierte Bauten ins Zentrum seiner Darstellung und fügt einen Kurzkatalog mit den etwa 200 ermittelten Objekten in Franken an.
Joachim Zeune, »Gottes Burgen – Kirchenburgen, Wehrkirchhöfe und Wehrkirchen in Franken«, Verlag Pustet, 2022, 232 Seiten, 39,95 Euro
Auf historischen Pfaden wandern

Benedikt Grimmler, »Historische Pfade Franken – 30 Wanderungen zu Orten mit Geschichte«, Bruckmann Verlag, 2022 160 Seiten, 22,99 Euro




