Um es gleich vorweg zu nehmen: Ingo Lenßen ist kein Schauspieler. Er ist Strafverteidiger  und vertritt Angeklagte in Gerichtsprozessen. Weil ihm sein Engagement im Fernsehen nicht mehr so viel Zeit lässt für seinen Beruf, ist er nicht mehr bundesweit, sondnern vor allem im süddeutschen Raum als Anwalt aktiv.  Auf der sechs+sechzig Bühne auf der Messe invvia 2020 in Nürnberg vertritt der Botschafter der Opferschutzorganisation Weißer Ring klare Positionen. Im Talk mit sechs+sechzig Autor Werner vom Busch kritisiert er den Umgang mit Verbrechensopfer sowohl in Fernsehkrimis als auch in der Gesellschaft.

“Opfer sein, ist nicht schick”, stellt er klar. Das führe dazu, dass man in Fernsehkrimis die Opfer nur als Randfiguren wahrnehme. Alle Aufmerksamkeit gilt hier dem Täter. Das sei auch im Gerichtsverfahren kaum anders. Das Opfer macht seine Aussage, geht nach hause und muss allein mit den Folgen der Tat fertig werden. Dem Täter oder der Täterin werde Hilfe auf unterschiedliche Weise angeboten, sei es psychologische Beratung oder anderes. Hier sieht Ingo Lenßen Handlungsbedarf und engagiert sich. Dabei nutzt er seine Popularität.

Das Gespräch mit Ingo Lenßen und Werner vom Busch auf der sechs+sechzig Bühne hat zahlreiche Zuschauer angezogen. Foto: pnb

Es geht ihm aber ihm keineswegs um eine generelle Verurteilung des deutschen Justizsystems. Er lobt die Rechtsstaatlichkeit und bezeichent das deutsche Gerichtswesen als “Aushängeschild im internationalen Vergleich”. Gleichwohl ist ihm bekannt, dass etwa zehn Prozent der Urteile “am Ende falsch sind”. Das liege unter anderem daran, dass die Gerichte eine Straftat regional unterschiedlich beurteilen. Daraus könne eine Abweichung im Strafmaß zwischen ein und vier Jahren resultieren, wenn es sich um eine Gefängnisstrafe handelt. Diesen Zustand findet der erfahrene Strafverteidiger unhaltbar. Ebenso wenig Verständnis hat er, wenn ein  Gericht es für zulässig erklärt, dass Politiker mit hasserfüllten Botschaften traktiert werden und das aushalten sollen wie im Fall der Grünen Politikerin Renate Künast.

In den Fernsehfällen gab es bisher noch keine derartige Thematik. Die Fälle bei Lenßen und Partner oder als Zuschaueranwalt in Lenßen live – Die Rechtssprechstunde sind manchmal dramaturgisch etwas aufgepeppt. Das bezieh sich oft auf die Nebenhandlungen. Denn, was das Leben an interessanten Fällen hervorbringe, dass  könne sich kein Drehbuchautor ausdenken, meint der telegene Anwalt.

Bei seinen Fällen  arbeitet Lenßen daraufhin, dass sich Täter und Opfer annähern. “Nur dann kommt das Gericht zu einem Urteil, das  gerecht ist”, erkärt er. Auf die Frage von Moderator Werner vom Busch, ob er auch Fälle ablehnt, zögert Lenßen nicht mit einer klaren Antwort. “Ich vertrete keine Straftäter aus der rechten Szene”, zieht er eine klare Linie. Zudem lehne er es ab Sexualstrafttäter  zu verteidigen, die ihre Tat abstreiten.

Eine Übersicht zum Programm der inviva 2020 und weitere Informationen finden Sie hier.

Fotos: Petra Nossek-Bock