Wer seinen Job verliert, verliert auch oft das Interesse am politischen Geschehen. Besonders ausgeprägt ist das Phänomen bei Berufsanfängern.    Foto: epd

Vor allem bei Berufseinsteigern und -einsteigerinnen verringert sich das Interesse an Politik, wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren. Das hat langfristige Folgen: Auch zehn Jahre danach sind sie noch stärker politikverdrossen als andere – und zwar selbst dann, wenn sie wieder Arbeit gefunden haben.

So lautet das Ergebnis einer Studie, die Forscher aus der Schweiz und Dänemark auf Basis der für Deutschland repräsentativen Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) erstellt haben. Die Studie wurde kürzlich in der „Zeitschrift für Soziologie“ veröffentlicht. Um herauszufinden, wie sich ein Jobverlust auf das politische Interesse auswirkt, analysierten die Forscher die Angaben von knapp 17.500 Menschen, die zwischen 1984 und 2011 im Rahmen der Langzeitstudie SOEP in West- und Ostdeutschland befragt worden waren. Die Befragten hatten unter anderem auf einer Vier-Punkte-Skala angegeben, wie stark sie sich für Politik interessieren.

Die Auswertung der SOEP-Daten zeigt, dass der Effekt, den ein Jobverlust auf das Interesse an Politik hat, stark vom Alter der Betroffenen abhängt: Je älter Menschen sind, desto weniger wird ihr politisches Interesse durch einen Jobverlust beeinflusst. Wenn jemand seinen Arbeitsplatz jedoch bereits als Berufseinsteiger, also innerhalb der ersten vier Arbeitsjahre, verliert, sinkt sein politisches Interesse rapide. Besonders stark ist diese Politikverdrossenheit ausgeprägt, wenn die Betroffenen eher introvertiert und weniger in soziale Netze aus Freunden und Bekannten eingebunden sind.

Einschnitt in prägender Lebensphase

Den Grund für den starken Rückgang des politischen Interesses vermuten die Wissenschaftler darin, dass ein Jobverlust Berufsanfänger und -anfängerinnen in einer die Persönlichkeit prägenden Lebensphase trifft. Das gilt vor allem für junge Leute, die direkt nach der Schulzeit beginnen, zu arbeiten. „Gerade in den ersten Berufsjahren entwickeln Menschen ein starkes politisches Interesse – durch Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz, aber auch durch den Einfluss der Gewerkschaften“, erklärt der Politikwissenschaftler Patrick Emmenegger von der Universität St. Gallen, einer der Autoren. „Fehlen diese Netzwerke, wird dieser Sozialisationsprozess behindert, der normalerweise dazu führt, dass junge Menschen beginnen, sich für Politik zu interessieren.“ Stattdessen würden sich die Betroffenen zurückziehen.

Wahlmüdigkeit als Begleiterscheinung

Ein gescheiterter Berufseinstieg hat auch langfristige Folgen für das politische Interesse. In ihrer Studie konnten die Wissenschaftler auf Basis der SOEP-Daten zeigen, dass Menschen, die kurz nach Beginn ihres Arbeitslebens den Job verloren haben, sich auch zehn Jahre danach noch erheblich weniger für Politik interessieren als andere – und zwar auch dann, wenn sie wieder Arbeit gefunden haben. Und etliche Studien belegen, dass Menschen mit einem geringen politischen Interesse auch seltener an Wahlen teilnehmen. „Das kann bedeuten, dass gerade diejenigen, die schon mindestens einmal arbeitslos waren und deswegen eher auf staatliche Unterstützung angewiesen sind als andere, eine nur schwache Stimme in der Politik haben“, sagt Emmenegger. Die Autoren plädieren daher für eine Arbeitsmarktpolitik, die junge Menschen auch bei Arbeitslosigkeit in ihrer sozialen Integration unterstützt.

Infos zum Bezug der Studie finden Sie unter https://www.degruyter.com/view/j/zfsoz.2017.46.issue-3/zfsoz-2017-1012/zfsoz-201…. . Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. Das SOEP im DIW Berlin wird unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft (WGL) vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und den Ländern gefördert. Für das SOEP werden seit 1984 jedes Jahr mehrere tausend Menschen befragt. Zurzeit sind es etwa 30.000 Befragte in etwa 15.000 Haushalten. Die Daten des SOEP geben unter anderem Auskunft über Persönlichkeitsmerkmale, Bildung, Gesundheit, Einkommen, Erwerbstätigkeit und Lebenszufriedenheit. Weil jedes Jahr dieselben Personen befragt werden, können nicht nur langfristige gesellschaftliche Trends, sondern auch die gruppenspezifische Entwicklung von Lebensläufen besonders gut analysiert werden.