Hello All, sie sind die Idole junger Männer: die ganz harten Kerle. Kämpfer, Profisportler, Cowboys. Topfit, willensstark, zielstrebig, wortkarg und frei. Trotz des vordergründigen Spotts tragen Frauen eine evolutionsbegünstigte Schwäche für die Prachtburschen tief in sich. Selbst wenn nur wenige den Idealen nahekommen, passen solche Neigungen doch recht erquicklich zusammen – in jungen Jahren. Im Alter jedoch schaden die männlichen Stereotypen aus den Saft- und Kraftjahren den Herren zunehmend mehr als dass sie noch Vorteile böten*. Da wäre zunächst die zentrale Bedeutung der körperlichen Stärke. Ein echter Mann hat und zeigt keine Schwächen; weder den Konkurrenten, den Verehrten und schon gar nicht sich selbst. Dieses hehre Leitbild behindert die spätere Einsicht in aufkommende Schwächen des Alters, Krankheiten und nötige ärztliche Behandlung. Männliche Senioren gelten als eher unzuverlässige Patienten. Das wiegt umso schwerer, als Männer von Jugend an darauf konditioniert sind, riskanter zu agieren als Frauen; sei es früher auf der Jagd nach Mamuts oder heute auf überholende Autos, beim Sport, Trinken oder im Beruf – weltweit: Lianenspringer in Vanuatu, Rodeoreiten, Milliardenzocken an der Börse- mehrheitlich Männersache. Die Evolution belohnt die Risikobereiten mit höherem Status, materiellem Erfolg und mehr Paarungsoptionen. Im Alter summiert sich das zu signifikant höheren Gesundheitsrisiken und Schädigungen; körperlich wie psychisch. Die tollsten Hechte erreichen das Alter oft in einem ziemlich miesen Zustand. Um sich und anderen zu beweisen brauchen Männer relevante Arbeit. Leistung bietet soziale Anerkennung, Chancen und Selbstwertgefühl. Hausmänner und Müßiggänger gab und gibt es; doch nirgendwo haben sie sich als erstrebenswerte Leitbilder etabliert. Arbeitslose, d.h. funktionsverarmte Männer leiden besonders intensiv, auch weil ihnen der Rückzug aus dem Beruf ins Private wichtige Männlichkeitsattribute beraubt. Und nicht nur in atavistischen Gesellschaften üben Frauen die Lufthoheit im Ruheständlerhaushalt. Aus einst stolzen Recken formt die Bedeutungslosigkeit so manch einsamen alten Wolf. Trotz hohen Lebensstandards versterben Männer aus ehemaligen Führungspositionen überdurchschnittlich oft in den zwei Jahren nach deren Zwangsfreistellung, wenn sie nicht rechtzeitig in anderen ehrhaften Funktionen aufleben. Zur Ergänzung der Gefahrenlage kommt die typisch männliche Abneigung gegen Ratsuche; freie Männer verstehen sich eher als Kundschafter denn als Kunden, bis ins Alter. Ob all dies die weltweit kürzere Lebenserwartung der Männer erklärt, weiß ich nicht. Den Wettlauf ums höhere Alter verlieren Männer mehrheitlich an das schwache Geschlecht. Beim Gang durchs Altersheim beneide ich das letztlich siegreiche Geschlecht dann doch nicht. Mir reicht der zweite Platz.
Ihr Global Oldie

*siehe auch “Why men have such a hard time with aging“, Dana Wechsler Linden, NYC, in Dow Jones & Company; Company, 2017