Lesen entspannt und bildet - nicht nur im Sommer. Foto: epd

Lesen entspannt und bildet – nicht nur im Sommer. Foto: epd

Rätsel des Gehirns – warum, wie und was wir vergessen
Douwe Draaisma: »Das Buch des Vergessens. Warum Träume so schnell verloren gehen und Erinnerungen sich ständig verändern.«
Galiani-Verlag, Berlin 2012, 19,99 Euro.
Stellen Sie sich vor, Sie diskutieren in einer Runde ein Problem und äußern einen Vorschlag zur Lösung. Das Gespräch wird vertagt, ein neuer Termin anberaumt, alle Beteiligten treten wieder zusammen. Plötzlich hat Ihr Kollege eine glänzende Idee – nämlich Ihre. Was ist passiert? Ist Ihr Kollege ein Betrüger, der sich mit fremden Federn schmückt, oder hat er nur vergessen, dass sein Vorschlag von jemand anderem bereits geäußert wurde?
Vielleicht handelt es sich um einen Fall von »Kryptomnesie«. Bei diesem Phänomen können Erinnerungen vorübergehend aus dem Bewusstsein entschwinden und werden dann bei ihrer Rückkehr nicht als solche erkannt: Man weiß nicht mehr, dass man etwas lediglich gehört oder gelesen hat und eignet sich die fremden Gedanken als die eigenen an.
Bei »Quellenamnesie« – einer Art Unterform der Kryptomnesie, liegt die Sache ein wenig anders. Hier kann man sich nicht mehr auf die Herkunft dessen besinnen, was man in der Erinnerung hat. Eine Sache, bei der dem Leser bestimmt aktuelle Beispiele in den Sinn kommen…
Entnommen sind diese beiden, hier natürlich verkürzt dargestellten Phänomene einer spannenden Neuerscheinung: »Das Buch des Vergessens«. Der Autor Douwe Draaisma, Professor für Psychologie an der Universität Groningen, ist für seine Leistungen auf dem Gebiet der Gedächtnisforschung schon mehrfach ausgezeichnet worden. In seinem jüngsten Werk befasst er sich mit den Rätseln unseres Gehirns und dessen Fähigkeit, zu bewahren, zu verdrängen und zu vergessen. Als Medizinhistoriker greift er häufig auf Forschungsergebnisse früherer Jahrzehnte (sogar Jahrhunderte) zurück und schildert höchst lebendig, mit welchen teilweise barbarisch anmutenden Methoden man schon früh dem Denken und Vergessen auf die Spur zu kommen versuchte. Ausführlich beschäftigt sich Draaisma unter anderem mit Fragen wie folgenden: Warum können wir Träume so schlecht rekonstruieren, sofern wir sie nicht schon ganz vergessen haben? Weshalb ist es kaum möglich, sich an die allerfrüheste Kindheit zu erinnern, an die Zeit also, bevor sich das bewusste Ich entwickelt hat? Welche Formen des Vergessens werden durch Hirnschädigungen ausgelöst? Wie versuchen Wissenschaft und Medizin, die dafür verantwortlichen Hirnareale ausfindig zu machen? Wie zuverlässig sind unsere Erinnerungen und wie können sie durch Ereignisse oder Erkenntnisse »umgeschrieben« werden?
Mit dem »Buch des Vergessens« begibt man sich auf eine Reise durch ein rätselhaftes Land – unser Gehirn. Es sei, schreibt Draaisma in begreiflichem Überschwang, »das Kronjuwel der Evolution, die Zitadelle des menschlichen Geistes«. Erinnern und Vergessen ist Teil seiner Fähigkeiten – davon zu lesen und darüber nachzudenken dürfte auch das Gehirn des Lesers wieder ein Stückchen weiterentwickeln.
Brigitte Lemberger
Historie, spannend wie ein Krimi
Hilary Mantel, “Wölfe”, DuMont-Verlag, Köln, 2012, Taschenbuch 6193, 12 Euro
Das Buch »Wölfe« der Engländerin Hilary Mantel wurde von Kritikern im In- und Ausland sehr gelobt und 2009 mit dem englischen Booker-Preis prämiert. Im Mittelpunkt steht der Emporkömmling Thomas Cromwell (geboren um 1485), der zunächst juristischer Berater Kardinal Wolseys wird und später Lordkanzler des berühmt-berüchtigten Königs Heinrich VIII. Er ist einer der einflussreichsten Männer des damaligen Englands, Gegenspieler des Schriftstellers und Politikers Thomas Morus und Architekt eines anderen, aufgeklärteren Englands unter Königin Elisabeth I. Sein Lebensweg, mit der Tudor-Dynastie verquickt, gestaltet sich verwegen, ist voller Triumphe und Niederlagen bis zur seiner Enthauptung im Jahre 1540. »Wölfe« ist zwar ein historisches Buch, das sich an die Fakten hält, aber auch ein moderner, überaus spannender Roman, den man am liebsten gar nicht aus der Hand legen möchte. Auch mit geringen geschichtlichen Vorkenntnissen kann man dem Lauf des Geschehens folgen und sich faszinieren lassen von der Schilderung einer Zeit, die unruhig war wie die unsere, voller Bosheiten, Intrigen und Brutalität. Hilary Mantel erzählt flüssig und anschaulich, der Titel ihres Buches trifft die Sachlage: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Ein mehrseitiges Personenverzeichnis hilft dem Leser durch das voluminöse Werk, ein Stammbaum der Tudors schließt sich an. Ein Buch, das man konzentriert und gefesselt zugleich verschlingt.
Brigitte Lemberger
 Ein anderes Amerika
Paul Auster, »Sunset Park«, Rowohlt Verlag, Reinbek 2012.
19,95 Euro.
»Wo steht er jetzt? Mit gespreizten Beinen über der Grenze zwischen unabwendbarem Untergang und der Möglichkeit, das Leben fortzusetzen.« Vor diese Wahl gestellt sehen sich fast alle Personen in Paul Austers Buch »Sunset Park«. Ganz besonders Morris Heller, Inhaber eines kleinen New Yorker Verlages, der vom Scheitern bedroht ist in einem Land, »dessen Bewohner Bücher hassen« – so Heller. Morris’ Leben ist eine Havarie auf ganzer Linie: als Verleger, Ehemann und Vater. Sein Sohn Miles, Ende zwanzig, hat sich aus eigenem Entschluss aus dem normalen, bürgerlichen Leben katapultiert und den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen. Er arbeitet als Entrümpler in Florida, wo er mit seinen Kollegen die armseligen Überreste von Familien entsorgt, die durch Enteignung ihr Haus verloren haben.
Die Handlung spielt zu Beginn der ersten Amtszeit Obamas, die Zeit der großen Finanz- und Wirtschaftskrise. Miles erhofft sich Befreiung durch das Mädchen Pilar, das klug und belesen, aber noch minderjährig ist. Um der Gefahr einer Anzeige wegen ihrer verbotenen Liebesbeziehung zu entgehen, kehrt er vorerst allein nach New York zurück, um dort auf Pilars 18. Geburtstag zu warten. Dann wird sie nachkommen, ihr Studium aufnehmen und er das seine fortführen.
Er sucht die Versöhnung mit seiner Familie. Inzwischen findet er Unterschlupf bei einem Freund, der sich, zusammen mit zwei jungen Frauen, als Hausbesetzer im Sunset Park im New Yorker Stadtteil Brooklyn niedergelassen hat. Auch diese drei jungen Intellektuellen kämpfen sich mit Hilfsjobs durch den Alltag, bemühen sich um Zuwendung, Liebe und eine gesicherte Existenz. Sie hoffen, scheitern – ob, wie und wo sie sich wieder aufrichten werden, bleibt offen.
»Ein Requiem für Amerika« überschrieb die »Berliner Zeitung« ihre Rezension dieses Buches – das trifft es ganz gut. Was dazu kommt: Mit diesem Abgesang auf ein Land des einstmals unbegrenzten Optimismus hat Auster einen flüssig zu lesenden Roman geschrieben, der zum Mitfühlen und Mitdenken anregt bis zur letzten Zeile.
Brigitte Lemberger
Tervetuloa Suomi
Bernd Gieseking, »Finne dich selbst«, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M., 2012, Fischer Taschenbuch 18814. 9,99 Euro.
Tervetuloa Suomi? Das heißt »Herzlich willkommen in Finnland« – und darum geht es in dem heiter bis komischen Buch »Finne dich selbst« von Bernd Gieseking. Der Autor, unter anderem Moderator, Kabarettist und Kolumnist bei der alternativen Tageszeitung »taz«, fährt mit seinen etwas angejahrten, aber durchaus pfiffigen Eltern ins Land der Rentiere. Hier hat sich sein Bruder in eine Finnin verliebt, und so gilt der Besuch vor allem dem Kennenlernen der neuen Verwandten. Das Familientreffen der Ostwestfalen mit den gar nicht so anders gearteten Nordeuropäern verläuft herzlich. Doch beide Seiten staunen hin und wieder über merkwürdige Sitten und Gebräuche des jeweils anderen. Bei aller Lockerheit des Stils spart der Verfasser nicht mit treffenden Beschreibungen von Land und Leuten. Am Ende hat man sich beim Lesen nicht nur bestens amüsiert, sondern auch allerhand erfahren über unsere Nachbarn im hohen Norden.
Brigitte Lemberger
Kunstvolles Altern
Hanna Scotti:
»www.schicksal.komm. Gedichte«, Verlag Steinmeier, Nördlingen 2013, 12,80 Euro.
 »Altern ist ein See. Ohne Grund wird man hineingeworfen. Wundert sich beim Auftauchen über Nackensteife, Atemnot…« Das ist ein Vers aus dem Lyrikbändchen »www.schicksal.komm« von Hanna Scotti. Die Autorin besucht als ausgebildete Clownin demenzkranke alte Menschen in Pflege- und Altersheimen. In ihrem Erstlingswerk spricht sie viel über Alter und Vergänglichkeit. Der Ton wechselt zwischen heiter, traurig und skurril. Thematisiert wird die Lebenswirklichkeit schwacher und dennoch wacher Menschen – eine Daseinsform, die selten im Mittelpunkt lyrischen Schaffens steht. Wer auf den Ton einer Clownin hören mag, die, wie es diesem Berufsstand ziemt, Ernstes in Leichtigkeit hüllt, wird an dem schmalen Bändchen Gefallen finden.
Brigitte Lemberger