
Möglichst lange im gewohnten Umfeld leben, das wünschen sich fast alle Menschen. Aber wie lässt sich die Lebensqualität im Alter sichern, bevor erste Hürden im Alltag entstehen? Wo gibt es einen Überblick über passende Angebote und frühzeitige Hilfe? Und überhaupt: Was ist in der Stadt alles geboten für Menschen, die schon ein paar Umdrehungen auf dem Tacho haben? Das Seniorenamt der Stadt Nürnberg geht hierfür neue Wege: Im Juni 2026 startet das Projekt Präventive Hausbesuche«. Das Motto lautet: »Proaktivität statt Abwarten. Alle Seniorinnen und Senioren, die in der Südstadt rund um das Bleiweißviertel leben, erhalten zu ihrem 75., 80., 85. und 90. Geburtstag ein persönliches Anschreiben mit dem Angebot eines Hausbesuchs. Zum Termin kommt eine Mitarbeiterin des Seniorenamtes und informiert in einem persönlichen Gespräch. Das Angebot ist freiwillig, unverbindlich, kostenfrei und vertraulich. Wir haben mit den beiden Mitarbeiterinnen des Seniorenamts, Franziska Buckenmaier und Anna Zeller gesprochen.
Können Sie sich bitte kurz vorstellen: Wer sind Sie, was machen Sie?
Anna Zeller: Ich bin die Leiterin des Projekts und komme aus dem Verwaltungsbereich. Ich habe Public Management und Gerontologie, also die Wissenschaft vom Alter und Altern, studiert. Franziska Buckenmaier: Ich bin studierte Soziologin und schon länger bei der Stadt Nürnberg tätig. Vorher war ich im Sozialamt. Zeller: Seit Februar sind wir beide in diesem Projekt aktiv.
Wer genau wird von dem Angebot der präventiven Hausbesuche profitieren?
Zeller: Der Schwerpunkt liegt tatsächlich in der Nürnberger Südstadt rund um das Bleiweißviertel, also den Bereich des Seniorennetzwerks Südost: Ludwigsfeld, Glockenhof und Guntherstraße – auf diese drei Bezirke ist das Projekt erst einmal beschränkt. Quasi rund ums Bleiweiß, von der Allersberger Straße bis zur Frankenstraße und dann weiter Richtung Dutzendteich. Dort bekommen die Menschen zu ihrem 75., 80., 85. und 90. Geburtstag Post von uns mit einem Terminverschlag für einen präventiven Hausbesuch.
Warum fiel die Wahl auf das Bleiweißviertel?
Buckenmaier: Weil dort durch den Seniorentreff Bleiweiß, den es schon sehr lange gibt, gute Angebote und Strukturen vorhanden sind. Das Seniorenamt ist in diesem Viertel quasi verankert, was uns den Anfang erleichtert. Ein weiterer Grund ist, dass wir dort auf eine sehr vielschichtige Bevölkerung treffen, unter anderem auf viele Menschen mit Migrationshintergrund.
Zeller: Die Idee ist es, Hausbesuche präventiv zu machen, also bevor ein konkreter Hilfebedarf entsteht, sodass die Menschen wissen, wohin sie sich wenden können, wenn sie einmal Unterstützung brauchen. Bewegungsangebote und Austauschtreffen, Stammtische und Seniorenclubs – das Angebot für ältere Menschen in Nürnberg ist sehr umfangreich.
Buckenmaier: Also nicht nur von städtischer Seite, sondern auch von den Seniorenclubs, die sich ehrenamtlich organisieren, bis zu den Verbänden – es gibt viele Angebote für ältere Leute. Das alles wollen wir ein wenig bündeln. Nicht alle Menschen haben ein Handy oder Zugang zum Internet. Wir wollen auch bei der Suche nach etwa einem Sportangebot oder einem offenen Treff zum Kaffeetrinken helfen.
Zeller: Es gibt ein sehr breites Angebot, es ist nur nicht immer sichtbar. Aber wir wollen die Leute dabei unterstützen, genau diese Angebote zu finden. Und zu jedem dieser Themen haben Sie bei Ihren Hausbesuchen Informationen zur Hand?
Zeller: Wir haben vorab viele Kontakte geknüpft, viel Netzwerkarbeit gemacht – und Mappen vorbereitet. Im besten Fall haben wir also tatsächlich für jeden Themenbereich eine passende Informationsbroschüre dabei. Wir wissen Ansprechpartner, an die wir weitervermitteln können. Natürlich können wir auch im Nachgang weitere Informationen zusenden. Ist diese Idee neu?
Zeller: In anderen Städten wird das schon ziemlich erfolgreich durchgeführt. Auch hier gab es vor Jahren schon einmal einen Vorstoß. Was Nürnberg dieses Mal anders macht: Die Menschen bekommen schon direkt mit der Post einen konkreten Besuchstermin von uns vorgeschlagen.
Warum?
Buckenmaier: Wir wollen ganz bewusst einen sehr niederschwelligen Ansatz haben. Noch weniger Hürden als gleich mit einem konkreten Terminvorschlag anzuklopfen, gibt es kaum. Natürlich kann man jederzeit absagen, wenn man den Besuch nicht haben möchte. Oder man kann ihn verschieben.
Darf man Sie sich als Streetworkerinnen für Senioren vorstellen?
Buckenmaier: Wir sind vielleicht eher Homeworkerinnen (lacht). Aber ja: Im Grunde genommen geht es darum, möglichst breit zu informieren, in diesem Fall eben bei der Zielgruppe daheim über die Angebote, die es für ältere Menschen in der Stadt Nürnberg gibt.
Das klingt ein bisschen nach einem Pilotprojekt. Sind Sie eine Art Vorhut, um mal zu schauen, ob es einen Bedarf gibt?
Zeller: Genau. Das Projekt wird bis Ende 2028 vom Landesamt für Pflege gefördert, wir werden also fast drei Jahre lang tätig sein. Danach können wir sagen, wie es mit dem Bedarf aussieht. Die Erfahrungen werden wir auch an den Stadtseniorenrat und die Stadträtinnen und Stadträte im Sozialausschuss weitergeben.
Das Angebot startet ab dem 75. Geburtstag und geht bis zum 90. Lebensjahr. Nach dem 90. Geburtstag ist man wieder auf sich allein gestellt und muss sich selbst durchschlagen?
Zeller: Wenn jemand über 90 Bedarf anmeldet, sind wir natürlich auch ansprechbar und beraten sehr gerne. Jeder weiß, dass er einmal alt werden und sterben wird. Trotzdem setzen sich die meisten Menschen nicht wirklich und vor allem nicht aktiv mit diesem Thema auseinander. Das betrifft Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten, die Rentenvorsorge und sogar das Testament.
Zeller: Genau deshalb setzen wir schon früh bei 75 Jahren an, auch wegen der Erfahrungen, die man mit solchen Projekten deutschlandweit gewonnen hat. Es hat sich gezeigt, dass das Angebot unter 75 eher spärlich angenommen wird.
Buckenmaier: Es gibt den topfitten 90-Jährigen, der gut klarkommt, und es gibt die 75-jährige Dame, die vielleicht doch ein bisschen Unterstützung braucht oder einfach viel alleine ist. Das Wichtigste wird sein, die vielen unterschiedlichen Lebenslagen und Anliegen passend unterstützen zu können.
Dieses Angebot der Stadt ist also nichts, wovor man Angst haben muss?
Buckenmaier: Nein, ganz im Gegenteil. Es soll einfach ein ganz vertrauliches Gesprächsangebot sein. Wenn jemand einfach nur wissen möchte, wo er Sport machen kann, geht das genauso wie wenn jemand sagt: »Mein Mann hat sich so verändert, ich habe Sorge, dass eine Demenz vorliegt …« oder »Lassen Sie mir doch mal diese Infos da, dann kann ich selbst schauen.«
Zeller: Auch für uns wird das total spannend. Projekte, bei denen es um Menschen geht, vom Schreibtisch aus zu planen, ist immer schwierig. Umso gespannter sind wir, wie es in der Praxis anläuft. Wir sind offen, uns anzupassen und umzustellen, wenn wir merken, dass irgendetwas nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben.
Was hat sich am Altwerden geändert in den letzten Jahren, Jahrzehnten und ganz allgemein?
Zeller: Wir haben eine steigende Lebenserwartung. Frauen werden heute im Schnitt 82, Männer 78 Jahre alt. Die Frage ist, wie wir älter werden. Das Ziel ist natürlich, dass wir gesund altern. Und wir haben heutzutage andere Familienstrukturen. Die Kinder wohnen vielleicht nicht mehr hier, man ist familiär nicht mehr so eingebunden.
Buckenmaier: Die Lebenserwartung ist eine andere, die Lebensqualität aber auch. Die Medizin hat sich ja verändert. Altersarmut ist ein Thema. Ich glaube, es wird sehr große Unterschiede geben bei den Menschen, auf die wir treffen.
Wie stellen Sie sich Ihr Alter vor?
Buckenmaier: Superspannend. Auch bei mir steht da ganz vorne der Wunsch, selbstbestimmt zu leben, entscheiden zu können, wo möchte ich leben, wie möchte ich leben, wie möchte ich alt werden.
Zeller: So lange wie möglich gesund bleiben, aktiv und vor allem selbstbestimmt sein. Und eingebunden sein, ob in die Gesellschaft im Ganzen oder in eine Gruppe. Das ist schon auch etwas, wo ich frühzeitig ein Stück weit selbst daran mitwirken kann, ob ich im Alter einsam werde oder nicht. Ich möchte versuchen, mich breit aufzustellen: mit Familie, Freunden, Nachbarschaft, Wohnumfeld. So möglichst selbstständig alt werden zu können, das wäre mein Wunsch. Ich habe keine Angst davor, älter zu werden.
Interview: Stefan Gnad
Foto: Michael Matejka
Information
Stadt Nürnberg, Seniorenamt – Präventive Hausbesuche, Hans-Sachs-Platz 2, 1. OG, Zi. 119, 90403 Nürnberg. Ansprechpartnerinnen: Franziska Buckenmaier und Anna Zeller, Tel. 0911/231-66622 E-Mail: praeventivehausbesuche@stadt.nuernberg.de









