
Diese Sammelausgaben kamen äußerlich sehr gediegen daher, mit rotem, grünem oder blauem Kunstledereinband mit goldgeprägtem Schmuckemblem auf dem Buchdeckel. Der Buchrücken führte die einzelnen enthaltenen Titel samt Autor auf. Jeder der Texte wurde mit einer eigens gestalteten Doppelseite illustriert und eingeläutet. Als Reader’s Digest 1955 mit diesem Produkt auf den deutschen Markt kam (fünf Jahre nach der Einführung in den USA), fanden die Auswahlbücher schnell viele Freunde.
Es war ja auch überaus bequem: Die Literatur kam per Post ins Haus, die Auswahl bot mit Krimis, Thrillern, Klassikern, Liebesromanen und historischen Romanen für fast jeden etwas. Außerdem durften die Leserinnen und Leser sicher sein, dass ihnen unnötige Längen in der Erzählung erspart blieben. Die Redaktion hatte freundlicherweise den Stoff verdichtet und um ein Viertel, manchmal auch um die Hälfte gekürzt. Oder wie es der Verlag auf seiner Website formuliert (denn die Bücher gibt es bis heute): »Die kompetente Auswahl der Romane und die prägnante, professionelle Kurzfassung, die das Wesentliche eines Buches präsentiert, ohne an Charakter und Erzählstil etwas zu verändern, sparen nicht nur Zeit, sondern garantieren beste Unterhaltung nach dem Motto ›Keine Zeile Langeweile!‹«
Die Bildungsbürger mokierten sich freilich über diese Form der Textbearbeitung. Ein Werk kann man schließlich nicht einfach kürzen, das wäre ja so, als würde man der Mona Lisa den Rand wegschneiden oder Wagners Meistersinger von Nürnberg von viereinhalb auf zwei Stunden eindampfen. Wobei die Auswahl der Reader’s Digest Redaktion weniger den Kriterien feuilletonistischer Hochkultur folgte, sondern – im besten Sinne – populäre Bestseller vereinte, die auf möglichst breites Interesse stießen.
Noch ein bisschen älter als die Auswahlbücher ist das Reader’s Digest Heft »Das Beste«, das in den USA 1922 erstmals erschien und ab 1948 auch in Deutschland und in deutscher Sprache erhältlich war. Auch hier gab es einen gekürzten Roman, vor allem aber enthielt das Heft eine bunte Mischung ausgewählter Berichte und Reportagen aus aller Herren Länder, die in großen Zeitungen erschienen waren. Damit öffnete sich den Leserinnen und Lesern im vordigitalen Zeitalter ein Fenster in die große, weite Welt.
Text und Foto: Georg Klietz




