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Niemand soll alleine sterben

Projektleiterin Tanja Treibig will, dass das Thema Krankheit und Tod aus der Tabuecke der Gesellschaft geholt wird.

Erlangen sieht sich selbst als »Stadt für alle« und als »Offen aus Tradition«. Jetzt ist etwas Besonderes dazu gekommen: »Gemeinsam endlich – Mitfühlende Stadt Erlangen und Umland«, ein Zukunftskonzept der Palliativmedizin am Universitätsklinikum. Was sich dahinter verbirgt, erfuhren wir von Tanja Treibig, die das Projekt leitet. »Die Idee kommt eigentlich aus dem Seniorenbeirat der Stadt«, sagt Tanja Treibig, »und sie entstand aus der Frage, was wir in Erlangen und dem Umland über das schon bestehende Angebot hinaus brauchen, um schwerstkranke und sterbende Menschen besser und in Würde begleiten zu können.« Sehr schnell sei deutlich geworden, dass das nicht nur Ärztinnen und Ärzte, Pflegende und betroffene Familien angeht, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Obwohl schwere Krankheit, Sterben, Tod und Trauer allgegenwärtig sind, ist es für viele schwierig, darüber zu reden. Das könne sich, sagt Treibig, negativ auf Betroffene auswirken. Deshalb sollten möglichst viele Bürgerinnen und Bürger mithelfen, Schwer- und Schwerstkranke sowie ihre Familien zu unterstützen und zu begleiten. Dieses gemeinschaftliche Sozialprojekt sei auch in einer Stadt nötig, die dank der spezialisierten stationären und ambulanten Palliativversorgung und des aktiven Hospiz-Vereins auf die Versorgung von Betroffenen sehr gut aufgestellt ist. »Aber«, fügt Treibig hinzu, »das sind in dem Bereich Profis. Unser Anliegen ist es, uns mehr an die Gesellschaft zu wenden, sie für das Thema zu interessieren und sie einzubeziehen«.

100.000 Euro flossen aus einer Stiftung

Das Anliegen war klar, doch wer sollte solch ein Projekt umsetzen und wie? Und wie könnte es finanziert werden? Da fügte es sich gut, dass die Leiterin der Forschungsabteilung der Palliativmedizin, Dr. Maria Heckel, dem Seniorenbeirat der Stadt angehört. Also übernahm sie die Regie – und kümmerte sich um die noch schwierigere Frage der Finanzierung. Zusammen mit Mitarbeitenden aus dem Team der Forschungsstelle der Palliativmedizinischen Abteilung und Mitgliedern des Vereins zur Förderung der Palliativmedizin sowie des Seniorenbeirates machte sie sich auf die Suche nach Geldern. »Bei der Stiftung Deutsche Fernsehlotterie wurde sie schließlich fündig und erhielt eine Zusage in Höhe von knapp 100.000 Euro«, sagt Tanja Treibig. »Davon konnte auch meine Stelle als Projektleiterin finanziert werden«. Weitere Förderer sind die Erlanger Alivia-Stiftung für Palliativversorgung und der Forschungsbeirat der Palliativmedizinischen Abteilung der Uniklinik.

Die Zusage der Fernsehlotterie war zugleich der Startschuss für die konkrete Umsetzung von »Gemeinsam endlich – Mitfühlende Stadt Erlangen und Umland«. Um möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zu gewinnen, veranstaltete die Forschungsabteilung Ende Oktober 2025 einen Informationsabend. »Wir waren sehr zufrieden mit dem Echo«, sagt Projektleiterin Treibig, »rund 35 Interessenten kamen, es waren Vertreterinnen und Vertreter der Stadt dabei, aus der Politik und dem Gesundheitswesen, von Religionsgemeinschaften und Unternehmen sowie Betroffene, die gerade selbst Verluste erleben mussten oder an schweren Krankheiten leiden«.

Runde Tische soll es künftig regelmäßig zweimal im Jahr geben, den nächsten schon am 4. März (siehe Info). Auch mit den Ergebnissen des ersten runden Tischs ist die Projektleiterin zufrieden. Vertreterinnen und Vertreter des Erlanger Zentrums für selbstbestimmtes Leben (ZSL) und der Lebenshilfe hätten deutlich gemacht, dass ihre Einrichtungen die »mitfühlende Stadt« mittragen werden, um Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung auch am Lebensende gut zu begleiten. Klar wurde aber auch, dass noch mehr Informationen etwa über die Strukturen der Zusammenarbeit nötig sein. Solche Informationen lieferten der runde Tisch und eine anschließende Umfrage unter den Beteiligten. Sie wurden in einem Protokoll zusammengefasst, aus dem die Projektleitung wiederum einzelne Arbeitsaufträge formulierte, »die wir uns nach und nach vornehmen wollen.« Dazu zählen etwa die Unterstützung und Information für pflegende Angehörige, Begleitung von Trauernden oder das Thema Einsamkeit ganz allgemein.

Kontakte zu Unternehmen

Neben dieser Vernetzung nennt Treibig als weiteren wichtigen Punkt die Unterstützung von Betrieben, wenn Beschäftigte oder deren Angehörige schwer erkranken oder im Sterben liegen. »Die Frage ist«, sagt sie, »haben die Firmen dafür schon eine Kultur entwickelt? Wie sollen sie sich verhalten? Welche Bedürfnisse haben die Mitarbeitenden?« Zusammen mit der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) und der Vereinbarkeitsstelle für Familie und Beruf der Uniklinik seien schon erste Ideen geboren und Kontakte geknüpft worden. Bei all diesen Vorhaben gibt es laut Treibig ein klares Ziel: bereits zu einem früheren Zeitpunkt auf die Menschen zugehen, um sie mit dem Thema vertraut zu machen. Deshalb sollten auch Kinder und Jugendliche in Gespräche einbezogen werden. Weiterhin ist die Einrichtung einer Anlaufstelle zur Beratung, Information und Vernetzung geplant. Längerfristig sollen dafür Ehrenamtliche gewonnen werden. Auch bereits bestehende Ehrenamtsgruppen und Nachbarschaftsinitiativen sollen Information und Austauschmöglichkeiten zum Umgang mit Sterbenden, Angehörigen und Trauernden angeboten bekommen.

Das alles wäre nicht möglich, wenn die Stiftung Deutsche Fernsehlotterie die »mitfühlende Stadt Erlangen und Umland« nicht finanziell unterstützen würde. Das Geld wurde an den »Verein zur Förderung der Palliativmedizin am Universitätsklinikum Erlangen« überwiesen, der bisher schon viele Aktivitäten der Palliativstation unterstützt. Für das Projekt soll mit unterschiedlichsten Akteuren der Erlanger Stadtgesellschaft und dem Umland ein Zukunftskonzept erarbeitet werden. Sobald es vorliegt, wird es öffentlich bereitgestellt, damit alle Bürgerinnen und Bürger Stellung nehmen und eigene Ideen einbringen können. Dann hat die Politik das Wort.

Text und Foto: Herbert Fuehr

Information

Wer an dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe mitarbeiten will, ist eingeladen, am nächsten runden Tisch teilzunehmen, sich zu informieren und eigene Ideen einzubringen. Er findet am Mittwoch, 4. März, von 16 bis 18 Uhr in den Räumen der Forschungsstelle der Palliativmedizin, Werner-von-Siemens-Straße 34, statt. Um Anmeldung wird gebeten, per Email: palliativmedizin@uk-erlangen.de oder auch telefonisch: 09131 / 85-37972. Außerdem lädt die Uniklinik zu einem Jubiläumssymposium »15 Jahre Palliativmedizin in Klinik, Forschung und Lehre« ein. Es findet am Dienstag, 31. März, von 16:30 bis 19:30 Uhr in Erlangen in den Hörsälen Medizin, Ulmenweg 18, statt.

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