In unseren Literaturtipps geht es diesmal ums Gefühl, von der Last des Unglücks bis zur späten Liebe. Zusammengestellt wurden die Buchempfehlungen wie immer von unserer Testleserin Claudine Stauber.
Liebesturbulenzen am Rand der Grube

Die späte Liebe und das Alter sind der rote Faden in dem Buch, aber frühe Traumata, die Suche nach ihren russisch-ukrainischen Wurzeln und immer wieder Reflexionen über physische Malaisen verbinden sich mit Rückblenden auf ihr schwieriges Leben zu einem autobiografischen Memorial, das beim Lesen gewaltige Sogwirkung entfaltet. Vor allem Leserinnen und Lesern, die ebenfalls mit dem Alter – oder der späten Liebe – zu tun haben, werden Wodins mutigen Realismus wohl bewundern. Heute lebt die Autorin mit ihrem betagten Partner am Schaalsee in Mecklenburg-Vorpommern, hier entrollt sie ihre Liebesgeschichte. 2017 hatte sie mit dem Buch »Sie kam aus Mariupol« ihren ersten großen und späten Erfolg. Geschrieben hat sie ein Leben lang, auch heute noch vergisst sie am Schreibtisch alle körperlichen Qualen. Ohne Tabus schreibt sie über Tod und Triebe. Und wie sie jeden Morgen beim Aufwachen diese Wahrheit schockiert: »Du bist alt, du wirst bald sterben.«
»Die späten Tage«, Natascha Wodin, Rowohlt Verlag, Hamburg 2025, 24 Euro
Sensible Kopffüßer

Mit insgesamt drei weiblichen Exemplaren dieser Gattung wird Montgomery besonders vertraut. Tintenfische leben nur ein bis drei Jahre, nach der Eiablage sterben sie. Dennoch kann man den tiefen Schmerz der Autorin über jeden Abschied nachvollziehen. Ihr gelingt es, wissenschaftliche Fakten so lebendig wie präzise zu berichten und dabei die Emotionen der Meerestiere nicht aus den Augen zu verlieren, ganz ohne sie zu vermenschlichen. Witzig und sehr amerikanisch: Das Liebesspiel zweier Kraken wird im Aquarium von Seattle als von herzförmigen Lämpchen beschienenes Blind-Date vor großem Publikum inszeniert. Was die Wirbellosen allerdings nicht von leidenschaftlichen Umarmungen abhält.
»Rendezvous mit einem Oktopus«, Sy Montgomery, Diogenes Verlag, Zürich 2017, Taschenbuch 15 Euro
Flucht vor der Last des Unglücks

Wie beim Domino-Spiel zeigen die fatalen Folgen des tödlichen Unfalls nach und nach, wie tief der Rassismus in der israelischen Gesellschaft verankert und wie scheinbar unausweichlich die Dynamik aus Lüge, Schuld, Vorurteil und Rache ist. Zwar rettet Juval, Naomis Mann, den Sohn des Arabers danach vor einem zum Lynchmord bereiten Mob. Doch als er den Geretteten zusammen mit Naomi nach Hause in sein arabisches Dorf fährt, wird deutlich, dass keiner dem anderen über den Weg traut. Der in so vielen Jahren mit Hass und Gewalt aufgeladene Nahostkonflikt vergiftet jede Begegnung, Naomi kann das angebotene Essen der arabischen Familie nicht hinunterbringen, ihr Mann wird von einem Rudel wilder Hunde blutig gebissen.
Keine dieser in ihrem Drama gefangenen Figuren wird einem besonders sympathisch. Ihre unausgesprochenen Konflikte skizziert die Autorin, die auch Psychologin ist und nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 mit Traumatisierten gearbeitet hat, mit beklemmender Schärfe. Die jüdische Mittelschichtsfamilie aus dem Hochhaus versucht schließlich, der Last der Schuld in Nigeria zu entkommen, wo Juval für den israelischen Geheimdienst arbeitet. Das Geschehen verlagert sich von Israel nach Lagos, doch das Domino-Spiel ist damit noch lange nicht zu Ende.
»Ungebetene Gäste«, Ayelez Gundar-Goshen, Kein&Aber Verlag, Zürich 2025, 25 Euro
Telefonische Konsultationen

Als sie sich im hohen Norden doch gegen den Tod und für eine Reise nach Venedig entscheidet, fliegt er hinterher. In seiner Tasche liegt ihr Abschiedsbrief, den Suizid seiner »Arztschwester«, auf deren telefonische Konsultationen er angewiesen ist, muss er um jeden Preis verhindern. Ein anonymer »Erzähler« kommentiert das Geschehen immer wieder von der Seitenlinie aus, auch Bruno, Mikaels Putzhilfe, darf seinen Senf dazugeben und die eine oder andere Wahrheit in Frage stellen. Ein literarischer Kniff, Metafiktion genannt, der immer wieder unerwartete Perspektivwechsel erlaubt. Und warum eigentlich Venedig? Gustava ist nach Thomas Manns Tod-in-Venedig-Figur Gustav Aschenbach benannt, der sich in den schönen Tadzio verliebt und in der Lagunenstadt an Cholera stirbt. Die Geschwister in »Venezianisches Idyll« bewegen sich, er auf der Suche nach ihr, auf den Spuren Aschenbachs durch die theatralischen Kulissen, bis am Ende alles anders kommt.
»Venezianisches Idyll«, Christina Hesselholdt, Hanser Literaturverlage, München 2025, 24 Euro
Alle Buchempfehlungen: Claudine Stauber




